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Cicero: De finibus bonorum et malorum

Cicero: Vom höchsten Gut und größten Übel

Cic.fin.1,65-72

Die Freundschaft in ihrem Verhältnis zur Lust. Preis Epikurs

 
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Exemplarischer Durchgang durch Ciceros Philosophischen Schriften (inspiriert von der Ausgabe von Oskar Weissenfels)
Cic.Fin.1,1-12 | | Cic.div.2,1-7 | Cic.off.2,1-8 | Cic.off.3,1-4 | Cic.Tusc.1,1-8 | Cic.nat.1,6-12 | Cic.Tusc.5,1-11 | Cic.Tusc.2,11-12 | Cic.Tusc.3,1-6 | Cic.off.1,11-14 | Cic.Tusc.1,57-65 | Cic.rep.1,1-12 | Cic.off.1,69,2-73 | Cic.off.1,74-78 | Cic.off.1,15-17 | Cic.off.1,18-19 | Cic.off.1,20-41 | Cic.off.1,62-69,1 | Cic.off.1,84,3-92 | Cic.off.1,93-96 | Cic.off.3,19-32 | Cic.off.3,11-19 | Cic.off.3,35-39 | Cic.Tusc.3,22-25 | Cic.Tusc.4,38-46 | Cic.Tusc.2,42-49 | Cic.Tusc.2,51-67 | Cic.Tusc.5,73-79 | Cic.Tusc.5,15-17 | Cic.Tusc.5,68-72 | Cic.Tusc.3,32-38 | Cic.Tusc.3,52-60 | Cic.Tusc.5,37-48 | Cic.Tusc.5,80-82 | Cic.Tusc.5,54-67 | Cic.Tusc.5,97-118 | Cic.fin.1,29-36 | Cic.fin.1,37-42 | Cic.fin.1,42-46 | Cic.fin.1,47-49 | Cic.fin.1,50-54 | Cic.fin.1,55-64 | Cic.fin.1,65-72 | Cic.Tusc.5,26-28 |
Einzelstücke: Cic.Tusc.1,9-25 | Cic.fin.1,29-33 | Cic.Fin.5,9-11 |
 
Torquatus schließt seinen Vortrag zur Lehre Epikurs mit der Würdigung des Beitrags, den die Freundschaft zur Lust (voluptas) leistet, und einem Hymnus auf Epikur ab.

Cicero: De finibus bonorum et malorum

Cic.fin.1,65-72

Freundschaft und Lust. Preis Epikurs

 

Cicero: Vom höchsten Gut und größten Übel

Cic.fin.1,65-72

Freundschaft und Lust. Preis Epikurs

65,1
Restat locus huic disputationi vel maxime necessarius de amicitia, quam, si voluptas summum sit bonum, affirmatis nullam omnino fore.Es ist noch ein Punkt übrig, der für diese Untersuchung ganz unverzichtbar ist, nämlich die Freundschaft, von der ihr behauptet, es könne sie, wenn die Lust das höchste Gut sei, gar nicht geben.
65,2
de qua Epicurus quidem ita dicit, omnium rerum, quas ad beate vivendum sapientia comparaverit, nihil esse maius amicitia, nihil uberius, nihil iucundius.Epikur selbst äußert sich über sie so: Unter allen Dingen, die die Weisheit zum glückseligen Leben darbiete, gebe es nichts Wichtigeres als die Freundschaft, nichts Reichhaltigeres, nichts Erfreulicheres.
65,3
nec vero hoc oratione solum, sed multo magis vita et factis et moribus comprobavit.Und dies hat er nicht allein mit Worten, sondern ungleich mehr durch sein Leben, sein Handeln und seine innere Haltung bewiesen.
65,4
quod quam magnum sit, fictae veterum fabulae declarant, in quibus tam multis tamque variis ab ultima antiquitate repetitis tria vix amicorum paria reperiuntur, ut ad Orestem pervenias profectus a Theseo.Und von welcher Bedeutung dies sei, zeigen die Dichtungen der Alten. Denn so viele und verschiedenartige es auch von ihnen gibt, so finden sich doch in ihnen vom grauesten Altertum an kaum drei Paare von Freunden, wenn man, von Theseus ausgehend, bis zum Orestes hinabsteigt.
65,5
at vero Epicurus una in domo, et ea quidem angusta, quam magnos quantaque amoris conspiratione consentientis tenuit amicorum greges! quod fit etiam nunc ab Epicureis.Epikur hingegen, wie große und in welch inniger Liebe übereinstimmende Scharen von Freunden hielt er in einem, und zwar engen Haus um sich vereint! Und so halten es auch jetzt noch die Epikureer.
65,6
sed ad rem redeamus; de hominibus dici non necesse est.Doch kehren wir zur Sache zurück! Von den Personen zu reden ist nicht notwendig.
66,1
Tribus igitur modis video esse a nostris de amicitia disputatum.In dreifacher Weise, sehe ich, haben unsere Leute über die Freundschaft gesprochen.
66,2
alii cum eas voluptates, quae ad amicos pertinerent, negarent esse per se ipsas tam expetendas, quam nostras expeteremus, quo loco videtur quibusdam stabilitas amicitiae vacillare, tuentur tamen eum locum seque facile, ut mihi videtur, expediunt.Die einen behaupten zwar, die Vergnügungen, die sich auf die Freunde bezögen, seien nicht um ihrer selbst willen in so hohem Grad zu erstreben, wie wir unsere eigenen erstrebten; gleichwohl wissen Sie diesen Satz, durch den manchen die Stützen der Freundschaft zu wanken scheinen, zu behaupten und sich leicht, wie ich glaube, herauszuhelfen.
66,3
ut enim virtutes, de quibus ante dictum est, sic amicitiam negant posse a voluptate discedere.Denn so wenig die Tugenden, von denen ich zuvor geredet habe, ebenso wenig, sagen sie, lasse sich die Freundschaft von der Lust trennen.
66,4
nam cum solitudo et vita sine amicis insidiarum et metus plena sit, ratio ipsa monet amicitias comparare, quibus partis confirmatur animus et a spe pariendarum voluptatum seiungi non potest.Da nämlich die Einsamkeit und ein Leben ohne Freunde voll von Nachstellungen und Furcht ist, so mahnt die Vernunft selbst, sich Freundschaften zu verschaffen, durch die die Seele sich gekräftigt fühlt und die Hoffnung, angenehmen Genuss zu erzielen, nicht verlieren kann.
67,1
Atque ut odia, invidiae, despicationes adversantur voluptatibus, sic amicitiae non modo fautrices fidelissimae, sed etiam effectrices sunt voluptatum tam amicis quam sibi, quibus non solum praesentibus fruuntur, sed etiam spe eriguntur consequentis ac posteri temporis.Und wie Hass, Missgunst, Verachtung anderer den Vergnügungen widerstreben, so ist die Freundschaft nicht nur die treueste Beförderin, sondern auch Stifterin von Vergnügungen sowohl für unsere Freunde als für uns selbst, und diese genießt man nicht bloß in der Gegenwart, sondern man wird durch sie auch zur Hoffnung auf andere in der nächsten und späteren Zukunft aufgerichtet.
67,2
quod quia nullo modo sine amicitia firmam et perpetuam iucunditatem vitae tenere possumus neque vero ipsam amicitiam tueri, nisi aeque amicos et nosmet ipsos diligamus, idcirco et hoc ipsum efficitur in amicitia, et amicitia cum voluptate conectitur.Weil wir nun auf keine Weise ohne Freundschaft einen festen, dauerhaften und ununterbrochenen Lebensgenuss haben, ja die Freundschaft selbst nur dann erhalten können, wenn wir die Freunde wie uns selbst lieben: darum wird einerseits eben dieser Zweck in der Freundschaft erreicht, sowie andererseits die Freundschaft mit der Lust verknüpft.
67,3
nam et laetamur amicorum laetitia aeque atque nostra et pariter dolemus angoribus.Denn wir freuen uns über die Freude der Freunde auf gleiche Weise wie über die unsrige, und ebenso leiden wir unter ihrer Betrübnis.
68,1
Quocirca eodem modo sapiens erit affectus erga amicum, quo in se ipsum, quosque labores propter suam voluptatem susciperet, eosdem suscipiet propter amici voluptatem.Darum wird der Weise ebenso gegen seinen Freund gesinnt sein wie gegen sich selbst, und Mühen, die er seiner Lust wegen übernehmen würde, wird er gleichfalls um der Lust des Freundes willen übernehmen;
68,2
quaeque de virtutibus dicta sunt, quem ad modum eae semper voluptatibus inhaererent, eadem de amicitia dicenda sunt.Und was von den Tugenden gesagt wurde, wie sie stets den Vergnügungen innewohnen, das muss ebenso von der Freundschaft gesagt werden.
68,3
praeclare enim Epicurus his paene verbis: 'Eadem', inquit, 'scientia confirmavit animum, ne quod aut sempiternum aut diuturnum timeret malum, quae perspexit in hoc ipso vitae spatio amicitiae praesidium esse firmissimum.'Denn vortrefflich äußert sich Epikur fast wörtlich so: "Derselbe Grundsatz, der die Seele kräftigt, dass sie kein Übel als ewig oder langwierig fürchtet, ist es auch, der uns die Einsicht verschafft, dass in dieser Lebenszeit selbst der Schutz, den Freundschaft bietet, der festeste ist."
69,1
Sunt autem quidam Epicurei timidiores paulo contra vestra convicia, sed tamen satis acuti, qui verentur ne, si amicitiam propter nostram voluptatem expetendam putemus, tota amicitia quasi claudicare videatur.Andere Epikureer sind etwas verzagt eurer Schelte gegenüber; gleichwohl erweisen sie sich ganz scharfsinnig. Sie befürchten nämlich, wenn wir meinten, die Freundschaft sei um unseres eigenen Vergnügens willen zu erstreben, so möchte die ganze Freundschaft gleichsam zu hinken scheinen.
69,2
itaque primos congressus copulationesque et consuetudinum instituendarum voluntates fieri propter voluptatem;daher sagen sie, die ersten Zusammenkünfte, Verbindungen und Wünsche nach Gründung eines geselligen Verkehrs hätten im Streben nach Lust ihren Grund;
69,3
cum autem usus progrediens familiaritatem effecerit, tum amorem efflorescere tantum, ut, etiamsi nulla sit utilitas ex amicitia, tamen ipsi amici propter se ipsos amentur.Wenn aber fortgesetzter Umgang Vertraulichkeit erzeugt habe, dann erblühe eine so innige Liebe, dass, wenn auch kein Nutzen aus der Freundschaft hervorgehe, doch die Freunde selbst um ihrer selbst willen geliebt würden.
69,4
etenim si loca, si fana, si urbes, si gymnasia, si campum, si canes, si equos, si ludicra exercendi aut venandi consuetudine adamare solemus, quanto id in hominum consuetudine facilius fieri poterit et iustius?Denn wenn wir Orte, Tempel, Städte, Gymnasien, wenn dir das Marsfeld, wenn wir Hunde, Pferde, kurzweilige Übungen und Jagden durch die Gewohnheit liebzugewinnen pflegen, wie ungleich leichter und mit wie größerem Recht dürfte dies im Umgang mit Menschen möglich sein!
70,1
Sunt autem, qui dicant foedus esse quoddam sapientium, ut ne minus amicos quam se ipsos diligant.Endlich gibt es auch einige, die behaupten, es bestehe eine Art Übereinkunft unter den Weisen, dass Sie Ihre Freunde nicht weniger als sich selbst lieben.
70,2
quod et posse fieri intellegimus et saepe etiam videmus, et perspicuum est nihil ad iucunde vivendum reperiri posse, quod coniunctione tali sit aptius.Die Möglichkeit hiervon begreifen wir und sehen es auch häufig geschehen, und es ist einleuchtend, dass sich zu einem angenehmen Leben kein geeigneteres Mittel finden lässt als eine solche Verbindung.
70,3
Quibus ex omnibus iudicari potest non modo non impediri rationem amicitiae, si summum bonum in voluptate ponatur, sed sine hoc institutionem omnino amicitiae non posse reperiri.Aus all dem lässt sich beurteilen, dass das Wesen der Freundschaft nicht gestört wird, wenn man das höchste Gut in der Lust sieht, sondern vielmehr, dass ohne dies die Begründung der Freundschaft überhaupt nicht möglich ist.
71,1
Quapropter si ea, quae dixi, sole ipso illustriora et clariora sunt, si omnia dixi hausta e fonte naturae, si tota oratio nostra omnem sibi fidem sensibus confirmat, id est incorruptis atque integris testibus, si infantes pueri, mutae etiam bestiae paene loquuntur magistra ac duce natura nihil esse prosperum nisi voluptatem, nihil asperum nisi dolorem, de quibus neque depravate iudicant neque corrupte, nonne ei maximam gratiam habere debemus, qui hac exaudita quasi voce naturae sic eam firme graviterque comprehenderit, ut omnes bene sanos in viam placatae, tranquillae, quietae, beatae vitae deduceret?Wenn deshalb, was ich gesagt habe, heller und klarer als die Sonne selbst ist, wenn alles aus der Quelle der Natur geschöpft ist und wenn unser ganzer Vortrag sich vollkommene Glaubwürdigkeit durch die Sinne verschafft, d.h. durch unbestochene und vorurteilsfreie Zeugen, wenn unmündige Kinder, sogar der Sprache unteilhaftige Tiere, belehrt und geleitet von der Natur, gewissermaßen deutlich aussprechen, dass es nichts Beglückenderes gebe als die Lust, nichts Mühseligeres als den Schmerz, worüber sie weder verderbt noch bestochen urteilen: müssen wir dann nicht dem Mann den größten Dank wissen, der diese Stimme der Natur deutlich vernahm und sie mit solcher Festigkeit und solchem Ernst auffasste, dass er alle Verständigen auf den Weg eines friedlichen, ruhigen, zufriedenen, glückseligen Lebens führte?
71,2
Qui quod tibi parum videtur eruditus, ea causa est, quod nullam eruditionem esse duxit, nisi quae beatae vitae disciplinam iuvaret.Dass er dir aber zu wenig wissenschaftlich unterrichtet erscheint, hat seinen Grund darin, dass er alle Gelehrsamkeit für nichtig hält, die nicht die Wissenschaft der Glückseligkeit fördert.
72,1
An ille tempus aut in poetis evolvendis, ut ego et Triarius te hortatore facimus, consumeret, in quibus nulla solida utilitas omnisque puerilis est delectatio, aut se, ut Plato, in musicis, geometria, numeris, astris contereret, quae et a falsis initiis profecta vera esse non possunt et, si essent vera, nihil afferrent, quo iucundius, id est quo melius viveremus, eas ergo artes persequeretur, vivendi artem tantam tamque et operosam et perinde fructuosam relinqueret?Oder hätte er seine Zeit mit Lesung der Dichter zubringen sollen, wie ich und Triarius es auf deine Aufforderung hin tun, wobei man keinen wirklichen Nutzen hat, sondern nur einen kindlichen Genuss? Oder hätte er sich, wie Platon, mit Musik, Geometrie, Zahlenlehre und Sternkunde abmühen sollen, Wissenschaften, die, weil sie von falschen Grundlagen ausgehen, nicht wahr sein können und, wären sie wahr, nichts zu einem angenehmen, d.h. zu einem besseren Leben beitragen würden? Also diesen Wissenschaften hätte er sich widmen sollen und die Wissenschaft des Lebens, die so große, so mühevolle und ebenso segensreiche, unbeachtet lassen?
72,2
non ergo Epicurus ineruditus, sed ii indocti, qui, quae pueros non didicisse turpe est, ea putant usque ad senectutem esse discenda.Nicht Epikur ist also ungebildet, wohl aber sind die ungelehrt, die meinen, was einem Knaben nicht gelernt zu haben schändlich sei, das müsse man bis zum Greisenalter lernen.
72,3
Quae cum dixisset: "Explicavi", inquit, "sententiam meam, et eo quidem consilio, tuum iudicium ut cognoscerem, quoniam mihi ea facultas, ut id meo arbitratu facerem, ante hoc tempus numquam est data."Nach diesen Worten sagte Torquatus: "Ich habe meine Ansicht entwickelt, und zwar in der Absicht, dein Urteil zu erfahren. Dies nach meinem Wunsch zu tun, dazu hatet ich bis jetzt noch nie eine Gelegenheit."
     
 
 
Aufgabenvorschläge:
 
Übersetzung von R.Kühner, bearbeitet von E. Gottwein
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Sententiae excerptae:
w34
Literatur:
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