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Gaius Iulius Caesar

De bello Gallico 

(6,1-6,44)

 

Das sechste Kriegsjahr: 53 v.Chr.

 I.) 1-28: Kämpfe im Norden Galliens, 2. Rheinüberquerung, Exkurs über Gallien und Germanien

Deutsche Übersetzung bearbeitet nach Baumstark

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Gallien

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  1. Das sechste Kriegsjahr: 53 v.Chr.: Cäsar in Gallien und Germanien (Gallier- und Germanenexkurs)
    1. 6.1-10: Kämpfe in Nordgallien, zweite Rheinüberquerung
      1. 6,1: Auhshebung neuer Truppen und Rüstungen zur Vorbereitungen der anstehnden Kämpfe.
      2. 6,2-6: Einfall in das Gebiet der Nervier und Unruhen bei den Senonen. Landtag in Lutetia. Die Menapier unterwerfen sich.
      3. 6,7-8 Labienus besiegt die Treverer.
      4. 6,9-10: Rheinüberquerung
    2. 6,11-28: Gallier- und Germanenexkurs
      1. 6,11 - 20: Die Gallier
        1. 6,11-12: Parteiungen
        2. 6,13 - 15: Die Bevölkerungsklassen (13,4-14: Die Druiden).
        3. 6,16-18: Religion
        4. 6,19: Familienrecht, Gebräuche
        5. 6,20: Politische Organisation
      2. 6,21 - 28: Die Germanen
        1. 6,21: Religion. Lebensweise, Moral
        2. 6,22: Ackerbau
        3. 6,23: Krieg, Staatswesen, Raubzüge, Gastfreundschaft
        4. 6,24: Machtverschiebung von den Galliern auf die Germanen
        5. 6,25-28: Der herkynische Wald und seine Tierwelt (Rentier, Elch, Auerochse)
    3. 6,29-44: Rachekrieg gegen Ambiorix und die Eburonen

Liber VI (pars I)

I. Caesar maiorem Galliae motum praevidens copias adauget
II. subitoque subactis Nerviis
IV. et Senonibus ac Carnutibus in deditionem acceptis
VI. Menapios debellat;
VIII. atque interea Treveros T.Labienus.
IX. Caesar secundum Rhenum transit.
XI. Instituta per occasionem Germanorum cum Gallis collatione, primo descripti horum mores consuetudinesque.
XXIX. Caesar ad Eburones frustra temptatis Suebis convertitur.

6.1-10: Kämpfe in Nordgallien, zweite Rheinüberquerung

6,1: Auhshebung neuer Truppen und Rüstungen zur Vorbereitungen der anstehnden Kämpfe.

(6,1,1) Multis de causis Caesar maiorem Galliae motum exspectans per M. Silanum, C. Antistium Reginum, T. Sextium legatos dilectum habere instituit. (2) simul a Cn. Pompeio proconsule petit, quoniam ipse ad urbem cum imperio rei publicae causa remaneret, quos ex Cisalpina Gallia consulis sacramento rogasset, ad signa convenire et ad se proficisci iuberet, (3) magni interesse etiam in reliquum tempus ad opinionem Galliae existimans tantas videri Italiae facultates, ut, si quid esset in bello detrimenti acceptum, non modo id brevi tempore sarciri, sed etiam maioribus augeri copiis posset. (4) quod cum Pompeius et rei publicae et amicitiae tribuisset, celeriter confecto per suos dilectu tribus ante exactam hiemem et constitutis et adductis legionibus duplicatoque earum cohortium numero, quas cum Q. Titurio amiserat, et celeritate et copiis docuit, quid populi Romani disciplina atque opes possent.
1. Weil Cäsar aus vielen Gründen auf größere Unruhen in Gallien gefasst war, ließ er durch die Legaten Marcus Silanus, Gaius Antistius Reginus und Titus Sextius Truppen ausheben. (2) Zugleich ersuchte er den Prokonsul Gnaeus Pompeius, die Truppen, die er als Konsul in Oberitalien ausgehoben und vereidigt hatte, nun zu seinen Fahnen stoßen zu lassen, da ja Pompeius, mit dem Oberbefehl ausgestattet sei und aus Staatsrücksichten vorderhand vor Rom stehen bleibe. (3) Cäsar glaubte nämlich, es sei auch für die Zukunft sehr wichtig, in Gallien die Meinung zu erhalten, Italiens Hilfsquellen und Macht seien so groß, dass ein im Krieg etwa erlittener Verlust nicht bloß schnell wieder gutgemacht, sondern das römische Heer sogar mit größeren Kräften verstärkt werden könne. (4) Pompeius entsprach diesem Wunsch, teils aus persönlicher Freundschaft, teils in Rücksicht auf das Staatswohl; auch führten Cäsars Legaten die Truppenaushebung schnell durch. So waren am Schluss des Winters drei Legionen gebildet und zum Heer gestoßen, also die Anzahl der unter Quintus Titurius Sabinus aufgeriebenen Kohorten (5,36f.) verdoppelt. Diese Schnelligkeit und die Kraftentwicklung bewiesen, was die militärische Ordnung und Macht des römischen Volkes vermochten.
6,2-6: Einfall in das Gebiet der Nervier und Unruhen bei den Senonen. Landtag in Lutetia. Die Menapier unterwerfen sich.
(6,2,1) Interfecto Indutiomaro, ut docuimus, ad eius propinquos a Treveris imperium defertur. illi finitimos Germanos sollicitare et pecuniam polliceri non desistunt. (2) cum a proximis impetrare non possent, ulteriores temptant. inventis nonnullis civitatibus iure iurando inter se confirmant obsidibusque de pecunia cavent; Ambiorigem sibi societate et foedere adiungunt. (3) quibus rebus cognitis Caesar, cum undique bellum parari videret, Nervios, Atuatucos, Menapios adiunctis Cisrhenanis omnibus Germanis esse in armis, Senones ad imperatum non venire et cum Carnutibus finitimisque civitatibus consilia communicare, a Treveris Germanos crebris legationibus sollicitari, maturius sibi de bello cogitandum putavit.
2. Nach dem Tod des Indutiomarus, wovon oben die Rede war (5,58), kam im Land der Treverer die Gewalt an dessen Verwandte. Diese lockten unaufhörlich die benachbarten Germanen durch Geldversprechungen und versuchten, (2) da ihnen dies bei den nächsten nicht gelang, selbst die entlegeneren Stämme. Als sich jetzt einige Völkerschaften bereit fanden, verband man sich endlich und leistete durch Stellung von Geiseln wegen des versprochenen Geldes Sicherheit; zugleich schlossen sie auch mit Ambiorix einen Bündnisvertrag. (3) Cäsar sah also überall Vorbereitungen zu Feindseligkeiten: die Nervier, Atuatuker, Menapier, zusätzlich alle verbündeten linksrheinischen Germanen standen unter Waffen; die Senonen erschienen ungeachtet seines Befehls nicht vor ihm, sondern machten mit den Carnuten und anderen Nachbarn gemeinschaftliche Sache; die Treverer endlich wiegelten unablässig mit Gesandtschaften die Germanen auf. Er glaubte also, früher als gewöhnlich an den Krieg denken zu müssen.
(6,3,1) Itaque nondum hieme confecta proximis quattuor coactis legionibus de improviso in fines Nerviorum contendit (2) et, priusquam illi aut convenire aut profugere possent, magno pecoris atque hominum numero capto atque ea praeda militibus concessa vastatisque agris in deditionem venire atque obsides sibi dare coegit. (3) eo celeriter confecto negotio rursus in hiberna legiones reduxit. (4) concilio Galliae primo vere, uti instituerat, indicto, cum reliqui praeter Senones, Carnutes Treverosque venissent, initium belli ac defectionis hoc esse arbitratus, ut omnia postponere videretur, concilium Luteciam Parisiorum transfert. (5) confines erant hi Senonibus civitatemque patrum memoria coniunxerant, sed ab hoc consilio afuisse existimabantur. (6) hac re pro suggestu pronuntiata eodem die cum legionibus in Senones proficiscitur magnisque itineribus eo pervenit.
3. Noch vor Ende des Winters brach er darum mit den vier nächsten Legionen, die er an sich zog, ganz unvermutet in das Land der Nervier ein; (2) während er selbst, noch ehe sie fliehen oder sich zum Widerstand vereinigen konnten, eine große Menge Vieh und Menschen auffing, diese den Soldaten als Beute überließ und das Land verheerte, nahm er ihre Kapitulation an und zwang sie, ihm Geiseln zu stellen. (3) Dies alles war schnell vollbracht und die Legionen wurden in ihr Winterlager zurückgeführt. (4) Als aber bei dem Landtag ganz Galliens, den er jetzt, wie gewöhnlich, zu Anfang des Frühlings hielt, alle übrigen erschienen, nur die Senonen, Carnuten und Treverer nicht, sah er dies für den Anfang einer Empörung und von Feindseligkeit an und verlegte die Versammlung nach Lutetia, dem Hauport der Parisier, um zu zeigen, dass er dem Krieg seine ganze Aufmerksamkeit widme. (5) Die Parisier nämlich stießen an die Senonen und bildeten mit ihnen seit alter Zeit nur einen Staat, ohne jedoch damals mit den Senonen gemeinschaftliche Sache zu machen. (6) Cäsar erklärte sich über seine Lage und Absicht öffentlich in der Versammlung der Soldaten, brach noch den selben Tag mit den Legionen auf und kam in Eilmärschen in das Gebiet der Senonen.
(6,4,1) Cognito eius adventu Acco, qui princeps eius consilii fuerat, iubet in oppida multitudinem convenire. conantibus, priusquam id effici posset, adesse Romanos nuntiatur. (2) necessario sententia desistunt legatosque deprecandi causa ad Caesarem mittunt; adeunt per Haeduos, quorum antiquitus erat in fide civitas. (3) libenter Caesar petentibus Haeduis dat veniam excusationemque accipit, quod aestivum tempus instantis belli, non quaestionis esse arbitrabatur. (4) obsidibus imperatis centum hos Haeduis custodiendos tradit. (5) eodem Carnutes legatos obsidesque mittunt usi deprecatoribus Remis, quorum erant in clientela; eadem ferunt responsa. (6) peragit concilium Caesar equitesque imperat civitatibus.
4. Bei der Nachricht von seiner Ankunft befahl das Haupt der ganzen Empörung, Acco, die Bevölkerung solle sich in die festen Plätze begeben; doch während man dies zu bewerkstelligen suchte, ging, noch ehe man fertig werden konnte, die Nachricht vom Eintreffen der Römer ein. (2) Notgedrungen gaben sie als so ihr Vorhaben auf und wendeten sich durch die Häduer, ihre alten Schutzherrn, an Cäsar um Gnade. (3) Cäsar verzieh auch gern, besonders den Häduern zuliebe, und ließ sich ihre Entschuldigung gefallen; denn er meinte, der Sommer gehöre dem bevorstehenden Krieg, nicht den Untersuchungen. (4) Er ließ sich 100 Geiseln stellen und gab sie den Häduern zur Verwahrung. (5) Auch die Carnuten schickten jetzt Gesandte und Geiseln und bedienten sich der Fürsprache der Remer, unter deren Schutz sie standen; sie erhielten den selben Bescheid. (6) Der gallische Landtag wurde nun geschlossen; die einzelnen Staaten mussten Cäsar Reiterei stellen.
(6,5,1) Hac parte Galliae pacata totus et mente et animo in bellum Treverorum et Ambiorigis insistit. (2) Cavarinum cum equitatu Senonum secum proficisci iubet, ne quis aut ex huius iracundia aut ex eo, quod meruerat, odio civitatis motus existat. (3) his rebus constitutis, quod pro explorato habebat Ambiorigem proelio non esse contenturum, reliqua eius consilia animo circumspiciebat. (4) erant Menapii propinqui Eburonum finibus, perpetuis paludibus silvisque muniti, qui uni ex Gallia de pace ad Caesarem legatos numquam miserant. cum his esse hospitium Ambiorigi sciebat; item per Treveros venisse Germanis in amicitiam cognoverat. (5) haec prius illi detrahenda auxilia existimabat, quam ipsum bello lacesseret, ne desperata salute aut se in Menapios abderet, aut cum Transrhenanis congredi cogeretur. (6) hoc inito consilio totius exercitus impedimenta ad Labienum in Treveros mittit duasque ad eum legiones proficisci iubet, ipse cum legionibus expeditis quinque in Menapios proficiscitur. (7) illi nulla coacta manu loci praesidio freti in silvas paludesque confugiunt suaque eodem conferunt.
5. Nachdem dieser Teil Galliens beruhigt war, richtete er Sinn und Gedanken einzig auf den Krieg der Treverer und des Ambiorix. (2) Cavarinus musste ihm mit der senonischen Reiterei folgen, damit weder durch seine Rachsucht noch durch den auf ihm lastenden Hass des Volkes (5,51) Unruhen entstünden. (3) Weil übrigens Cäsar gewiss wusste, dass Ambiorix kein entscheidendes Treffen liefern werde, achtete er genau auf seine sonstigen Absichten. (4) An die Eburonen grenzten die Menapier, und wurden durch fortlaufende sumpfige Wälder gedeckt; sie hatten als einzige Gallier noch nie Gesandte zu Cäsar geschickt. Nicht bloß mit diesen stand Ambiorix in enger Verbindung, wie Caesar wohl wusste, sondern er hatte auch durch Vermittlung der Treverer mit den Germanen einen Bund geschlossen. (5) Diese Hilfe wollte ihm deshalb Cäsar abschneiden, bevor er ihn selbst bekriegte; sonst konnte er im äußersten Fall immer noch bei den Menapiern einen Schlupfwinkel finden oder notgedrungen gar mit den überrheinischen Germanen gemeinsame Sache machen. (6) Diesem Plan zufolge schickte Cäsar das Gepäck seiner ganzen Armee zu Labienus in das Land der Treverer und ließ auch zwei Legionen zu ihm stoßen; er selbst aber zog mit fünf Legionen ohne Gepäck gegen die Menapier. (7) Diese verließen sich auf den Schutz ihres Landes und boten keine Streitmacht auf, sondern flüchteten mit ihrer ganzen Habe in die Wälder und Moräste.
(6,6,1) Caesar partitis copiis cum C. Fabio legato et M. Crasso quaestore celeriterque effectis pontibus adit tripertito, aedificia vicosque incendit, magno pecoris atque hominum numero potitur. (2) quibus rebus coacti Menapii legatos ad eum pacis petendae causa mittunt. (3) ille obsidibus acceptis hostium se habiturum numero confirmat, si aut Ambiorigem aut eius legatos finibus suis recepissent. (4) his confirmatis rebus Commium Atrebatem cum equitatu custodis loco in Menapiis relinquit, ipse in Treveros proficiscitur.
6. Cäsar teilte seine Truppen mit dem Legaten Gaius Fabius und dem Quaestor Marcus Crassus, ließ schnell Brücken schlagen, drang in drei Abteilungen vor, brannte Häuser und Dörfer nieder und machte große Beute an Menschen und Vieh. (2) Hierdurch gezwungen schickten die Menapier Gesandte zu ihm mit der Bitte um Frieden. (3) Cäsar ließ sich Geiseln stellen und drohte, sie als Feinde zu behandeln, falls sie den Ambiorix oder Boten von ihm bei sich aufnähmen. (4) Hierauf ließ er den Atrebaten Commius mit einer Reiterabteilung als Beobachter in ihrem Land und zog gegen die Treverer.
6,7-8 Labienus besiegt die Treverer.
(6,7,1) Dum haec a Caesare geruntur, Treveri magnis coactis peditatus equitatusque copiis Labienum cum una legione, quae in eorum finibus hiemarat, adoriri parabant. (2) iamque ab eo non longius bidui via aberant, cum duas venisse legiones missu Caesaris cognoscunt. (3) positis castris a milibus passuum quindecim auxilia Germanorum exspectare constituunt. (4) Labienus hostium cognito consilio sperans temeritate eorum fore aliquam dimicandi facultatem, praesidio V cohortium impedimentis relicto cum XXV cohortibus magnoque equitatu contra hostem proficiscitur et mille passuum intermisso spatio castra communit. (5) erat inter Labienum atque hostem difficili transitu flumen ripisque praeruptis. hoc neque ipse transire habebat in animo neque hostes transituros existimabat. augebatur auxiliorum cotidie spes. (6) loquitur consulto palam, quoniam Germani adpropinquare dicantur, sese suas exercitusque fortunas in dubium non devocaturum et postero die prima luce castra moturum. (7) celeriter haec ad hostes deferuntur, ut ex magno Gallorum equitum numero nonnullos Gallicis rebus favere natura cogebat. (8) Labienus noctu tribunis militum primisque ordinibus coactis, quid sui sit consilii, proponit et, quo facilius hostibus timoris det suspicionem, maiore strepitu et tumultu, quam populi Romani fert consuetudo, castra moveri iubet. his rebus fugae similem profectionem effecit. (9) haec quoque per exploratores ante lucem in tanta propinquitate castrorum ad hostes deferuntur.
7. Die Treverer aber hatten in der Zwischenzeit viel Reiterei und Fußvolk gesammelt, um Labienus, der an der Spitze einer Legion bei ihnen überwinterte, zu überfallen. (2) Bereits waren sie auch von ihm nur noch zwei Tagesreisen entfernt, als sie erfuhren, es seien auf Befehl Cäsars noch zwei römische Legionen dort eingetroffen. (3) Sie schlugen also ihr Lager fünfzehn Meilen weit von Labienus auf, um die germanischen Hilfsscharen zu erwarten. (4) Labienus, der diesen Plan der Feinde durchschaute, ließ zur Deckung des Gepäcks fünf Kohorten zurück und brach mit den übrigen 25 Kohorten und starker Reiterei gegen den Feind auf, von dessen Unbesonnenheit er eine vorteilhafte Gelegenheit zu einer Schlacht erhoffte; nur eine Meile weit von ihm entfernt schlug er deshalb sein Lager auf. (5) Zwischen Labienus und dem Feind war ein Fluss mit steilen Ufern, über den man nur schwer setzen konnte; er selbst wollte diesen nicht überquereren, und er glaubte auch die Feinde nicht, deren Hoffnung auf die Ankunft ihrer germanischen Bundesgenossen von Tag zu Tag wuchs. (6) Deswegen erklärte er im Kriegsrat ganz offen, weil, wie es heiße, die Germanen nahe seien, wolle er sein und des Heeres Schicksal nicht auf das Spiel setzen, sondern in der Frühe des folgenden Tages aufbrechen. (7) Aus seiner zahlreichen gallischen Reiterei mussten natürlich wenigstens einige für den Feind gestimmt sein, der deshalb diese Erklärung schnell erfuhr. (8) Während der selben Nacht entdeckte dann Labienus den versammelten Kriegstribunen und Hauptleuten seinen wahren Plan und gab, um bei den Feinden den Wahn der Furcht desto leichter zu erregen, den Befehl, mit einem für das römische Heer sonst ganz ungewöhnlich großen Lärm und Getöse aufzubrechen, wodurch sein Abzug einer Flucht glich. (9) Bei der großen Nähe der Lager erfuhren die Feinde durch Kundschafter auch dies, noch ehe es Tag wurde.
(6,8,1) Vix agmen novissimum extra munitiones processerat, cum Galli cohortati inter se, ne speratam praedam ex manibus dimitterent - longum esse perterritis Romanis Germanorum auxilium exspectare, neque suam pati dignitatem, ut tantis copiis tam exiguam manum, praesertim fugientem atque impeditam, adoriri non audeant - flumen transire et iniquo loco committere proelium non dubitant. (2) quae fore suspicatus Labienus, ut omnes citra flumen eliceret, eadem usus simulatione itineris placide progrediebatur. (3) tum praemissis paulum impedimentis atque in tumulo quodam conlocatis: 'habetis' inquit 'milites, quam petistis facultatem; hostem impedito atque iniquo loco tenetis: (4) praestate eandem nobis ducibus virtutem, quam saepe numero imperatori praestitistis, atque illum adesse et haec coram cernere existimate.' (5) simul signa ad hostem converti aciemque dirigi iubet et paucis turmis praesidio ad impedimenta dimissis reliquos equites ad latera disponit. (6) celeriter nostri clamore sublato pila in hostes immittunt. illi, ubi praeter spem, quos modo fugere credebant, infestis signis ad se ire viderunt, impetum ferre non potuerunt ac primo concursu in fugam coniecti proximas silvas petierunt. (7) quos Labienus equitatu consectatus magno numero interfecto compluribus captis paucis post diebus civitatem recepit. nam Germani, qui auxilio veniebant, percepta Treverorum fuga sese domum contulerunt. (8) cum his propinqui Indutiomari, qui defectionis auctores fuerant, comitati eos ex civitate excesserunt. (9) Cingetorigi, quem ab initio permansisse in officio demonstravimus, principatus atque imperium est traditum.
8. Kaum hatte die römische Nachhut das Lager verlassen, als die Gallier einander ermunterten, man solle die erhoffte Beute nicht fahren lassen; bei dem derzeitigen Schrecken der Römer dauere es zu lange, erst die Hilfe der Germanen abzuwarten, da es überdies unter ihrer Würde wäre, wenn sie es nicht wagten, mit ihrem so zahlreichen Heer eine so schwache Schar anzugreifen, die ja auf der Flucht begriffen und bepackt sei. Ohne Zögern gingen sie also über den Fluss und begann an einem ungünstigen Ort das Treffen. (2) Labienus, der dies erwartet hatte, setzte, um alle über den Fluss zu locken, mit der selben Verstellung seinen Rückzug ganz ruhig fort. (3) Dann ließ er das Gepäck etwas voraus auf einen Hügel bringen und sprach: "Soldaten, nun habt ihr denn die längst gewünschte günstige Gelegenheit, und der Feind ist auf einem schlimmen und unvorteilhaften Platz in eurer Gewalt. (4) Beweist nun aber auch mir als eurem Führer die selbe Tapferkeit, die ihr so oft eurem Feldherrn bewiesen habt; denkt, er sei selbst hier und sehe mit seinen eigenen Augen zu!" (5) Zugleich ließ er sich die Fahnen gegen den Feind wenden und das Heer in Schlachtordnung treten. Wenige Reiterscharen ließ er zur Deckung des Gepäcks zurück, die übrigen stellte er auf beide Flügel. (6) Schnell erheben die Römer ein Geschrei und werfen ihre Speere auf den Feind. Als jetzt die Gallier wider alle Vermutung diejenigen in angreifender Haltung anrücken sahen, die sie eben noch für Flüchtige hielten, konnten sie ihren Ansturm nicht aushalten; sie wurden beim ersten Angriff in die Flucht geschlagen und zogen sie sich in die nächsten Wälder zurück. (7) Labienus verfolgte sie mit seiner Reiterei, hieb eine große Zahl nieder, nahm mehrere gefangen und war wenige Tage darauf Herr des Landes. Die germanischen Hilfsscharen hatten sich nämlich bei der Nachricht von der Niederlage der Treverer wieder nach Hause begeben. (8) Mit ihnen zogen zugleich die Verwandten des Indutiomarus fort, die Urheber der Empörung (6,2). (9) Cingetorix dagegen, der bekanntlich (5,56) gleich von Anfang an treu geblieben war, erhielt die Herrschaft und Regierung.
6,9-10: Rheinüberquerung
(6,9,1) Caesar, postquam ex Menapiis in Treveros venit, duabus de causis Rhenum transire constituit; (2) quarum una erat, quod auxilia contra se Treveris miserant, altera, ne ad eos Ambiorix receptum haberet. (3) his constitutis rebus paulo supra eum locum, quo ante exercitum traduxerat, facere pontem instituit. (4) nota atque instituta ratione magno militum studio paucis diebus opus efficitur. (5) firmo in Treveris ad pontem praesidio relicto, ne quis ab his subito motus oriretur, reliquas copias equitatumque traducit. (6) Ubii, qui ante obsides dederant atque in deditionem venerant, sui purgandi causa ad eum legatos mittunt, qui doceant neque ex sua civitate auxilia in Treveros missa neque ab se fidem laesam; (7) petunt atque orant, ut sibi parcat, ne communi odio Germanorum innocentes pro nocentibus poenas pendant; si amplius obsidum velit dari, pollicentur. (8) cognita Caesar causa reperit ab Suebis auxilia missa esse, Ubiorum satisfactionem accipit, aditus viasque in Suebos perquirit.
9. Nachdem Cäsar aus dem Land der Menapier in das der Treverer gekommen war, beschloss er aus zwei Gründen, über den Rhein zu gehen. (2) Erstens hatten die Germanen den Treverern gegen die Römer Hilfe geschickt; zweitens wollte er dem Ambiorix die Zuflucht dorthin abschneiden. (3) Er ließ deshalb etwas oberhalb der Stelle, wo er früher sein Heer hingeführt hatte (4,17), eine Brücke schlagen. (4) Auf die bekannte und früher schon versuchte Weise wurde das Werk bei ganz besonderem Fleiß seiner Leute in wenigen Tagen fertig. (5) Im Land der Treverer ließ er bei der Brücke, um dem Ausbruch einer Empörung vorzubeugen, eine starke Bedeckung zurück, während er selbst mit Fußvolk und Reiterei nach Germanien zog. (6) Die Ubier, die ihm früher schon Geiseln geschickt und gehuldigt hatten, entschuldigten sich durch eine eigene Gesandtschaft, die versicherte, aus ihrer Mitte hätten die Treverer keine Hilfe erhalten, sie hätten überhaupt an keine Untreue gedacht. (7) Sie baten demütig, er möge sie doch verschonen und in seinem allgemeinen Hass gegen die Germanen nicht Unschuldige statt Schuldige büßen lassen; auch würden sie ihm, wenn er es verlange, gern noch mehr Geiseln stellen. (8) Cäsar überzeugte sich auch bald, dass die Sueben es waren, die Hilfstruppen geschickt hatten; er erklärte also den Ubiern seine Zufriedenheit und erkundigte sich nach den Zugängen und Wegen in das Land der Sueben.
(6,10,1) Interim paucis post diebus fit ab Ubiis certior Suebos omnes unum in locum copias cogere atque iis nationibus, quae sub eorum sint imperio, denuntiare, uti auxilia peditatus equitatusque mittant. (2) his cognitis rebus rem frumentariam providet, castris idoneum locum deligit; Ubiis imperat, ut pecora deducant suaque omnia ex agris in oppida conferant, sperans barbaros atque imperitos homines inopia cibariorum adductos ad iniquam pugnandi condicionem posse deduci; (3) mandat, ut crebros exploratores in Suebos mittant quaeque apud eos gerantur cognoscant. (4) illi imperata faciunt et paucis diebus intermissis referunt: Suebos omnes, posteaquam certiores nuntii de exercitu Romanorum venerint, cum omnibus suis sociorumque copiis, quas coegissent, penitus ad extremos fines se recepisse; (5) silvam ibi esse infinita magnitudine, quae appellatur Bacenis; hanc longe introrsus pertinere et pro nativo muro obiectam Cheruscos ab Suebis Suebosque a Cheruscis iniuriis incursionibusque prohibere. ad eius silvae initium Suebos adventum Romanorum exspectare constituisse.
10. Mittlerweile erhielt er nach wenigen Tagen durch die Ubier die Nachricht, die Sueben zögen ihre ganze Streitmacht zusammen und ließen sich von ihnen hörigen Stämmen Fußvolk und Reiterei stellen. (2) Auf diese Nachricht hin sorgte Cäsar für Lebensmittel, wählte sich einen vorteilhaften Platz zum Lager und gebot den Ubiern ihre Herden in Sicherheit und all ihrer Habe vom Land zu den festen Plätzen zu bringen; er hoffte, diese rohen und unwissenden Feinde könnten sich vielleicht aus Mangel an Lebensmitteln zu einem für sie nachteiligen Gefecht verleiten lassen. (3) Auch mussten die Ubier des öfteren Kundschafter in das Land der Sueben schicken, um zu erfahren, was dort vorgehe. (4) Jene taten so und berichteten in wenigen Tagen, dass sich die Sueben bei der Nachricht vom Anrücken der Römer mit all ihren einzelnen Streitkräften und denen ihrer Hörigen tief hinein bis an die äußerste Grenze ihres Landes zurückgezogen hätten. (5) Dort sei er der ungeheuer große Wald Bacenis, der, gewissermaßen eine natürliche Grenzmauer, Sueben und Cherusker voneinander trenne, indem er Einfälle und Beschädigungen unmöglich mache. Dort, wo dieser Wald anfange, wollten sie Cäsar mit seinen Legionen erwarten.
6,11-28 Gallier- und Germanenexkurs
6,11 - 20: Die Gallier
6,11-12: Parteiungen
(6,11,1) Quoniam ad hunc locum perventum est, non alienum esse videtur de Galliae Germaniaeque moribus et, quo differant hae nationes inter sese, proponere. (2) in Gallia non solum in omnibus civitatibus atque in omnibus pagis partibusque, sed paene etiam in singulis domibus factiones sunt (3) earumque factionum sunt principes, qui summam auctoritatem eorum iudicio habere existimantur, quorum ad arbitrium iudiciumque summa omnium rerum consiliorumque redeat. (4) idque eius rei causa antiquitus institutum videtur, ne quis ex plebe contra potentiorem auxilii egeret. suos enim quisque opprimi et circumveniri non patitur neque, aliter si faciat, ullam inter suos habet auctoritatem. (5) haec eadem ratio est in summa totius Galliae; namque omnes civitates divisae sunt in duas partes.
11. Bei dieser Gelegenheit halte ich es für passend, über die Sitten Galliens und Germaniens zu sprechen und die Verschiedenheit beider Nationen darzulegen. (2) Überall in Gallien trifft man Parteiungen, nicht nur in allen Staaten, Bezirken und Gemeinden, sondern sogar fast in jedem einzelnen Haus; (3) an der Spitze der Parteien stehen Häupter von größtem Ansehen, nach deren Gutdünken und Urteil sich die wichtigsten Dinge und Pläne gestalten müssen. (4) Diese Einrichtung ist alt und soll die Hilflosigkeit des gemeinen Mannes gegen die Gewalt der Mächtigeren verhindern, da kein Häuptling seine Schutzbefohlenen unterdrücken und beeinträchtigen lässt, wenn er nicht durch ein entgegengesetztes Verhalten alles Ansehen unter den Seinigen verscherzen will. (5) Ebenso verhält es sich mit Gallien als Gesamtheit; denn die einzelnen Staaten zusammen bilden wieder unter sich zwei Parteien.
(6,12,1) Cum Caesar in Galliam venit, alterius factionis principes erant Haedui, alterius Sequani. (2) hi cum per se minus valerent, quod summa auctoritas antiquitus erat in Haeduis magnaeque eorum erant clientelae, Germanos atque Ariovistum sibi adiunxerant eosque ad se magnis iacturis pollicitationibusque perduxerant. (3) proeliis vero compluribus factis secundis atque omni nobilitate Haeduorum interfecta tantum potentia antecesserant, (4) ut magnam partem clientium ab Haeduis ad se traducerent obsidesque ab iis principum filios acciperent et publice iurare cogerent nihil se contra Sequanos consilii inituros et partem finitimi agri per vim occupatam possiderent Galliaeque totius principatum obtinerent. (5) qua necessitate adductus Diviciacus auxilii petendi causa Romam ad senatum profectus infecta re redierat. (6) adventu Caesaris facta commutatione rerum, obsidibus Haeduis redditis, veteribus clientelis restitutis, novis per Caesarem comparatis, quod ii, qui se ad eorum amicitiam adgregarant, meliore condicione atque aequiore imperio se uti videbant, reliquis rebus eorum gratia dignitateque amplificata Sequani principatum dimiserant. (7) in eorum locum Remi successerant; quos quod adaequare apud Caesarem gratia intellegebatur, ii, qui propter veteres inimicitias nullo modo cum Haeduis coniungi poterant, se Remis in clientelam dicabant. (8) hos illi diligenter tuebantur; ita novam et repente collectam auctoritatem tenebant; (9) et eo tum statu res erat, ut longe principes haberentur Haedui, secundum locum dignitatis Remi obtinerent.
12. Bei Cäsars erstem Auftreten in Gallien (58 v.Chr.) standen an der Spitze der einen Partei die Häduer, an der Spitze der anderen die Sequaner (1,31). (2) Weil die Häduer von alter Zeit an das größte Ansehen genossen und viele Schutzvölker hatten, hatten sich die weniger mächtigen Sequaner mit den Germanen unter Ariovist eingelassen und mit großen Opfern und Versprechungen in ihr Land gezogen. (3) In mehreren Treffen hatten sie gesiegt und, da der gesamte Adel der Häduer umgebracht war, eine solche Übermacht bekommen, (4) dass die Schutzvölker der Häduer größtenteils zu ihnen übergingen, die Häduer selbst aber die Söhne ihrer Vornehmsten als Geiseln ausliefern und sich insgesamt eidlich verpflichten mussten, nie etwas gegen die Sequaner unternehmen zu wollen. Überdies nahmen die Sequaner einen Teil des angrenzenden Landes der Häduer in Besitz und waren so die Ersten in ganz Gallien. (5) Solches hatte den Diviciacus genötigt, sich nach Rom zu begeben (65 v.Chr.) und beim Senat Hilfe zu suchen; er musste aber unverrichteter Dinge zurückkehren. (6) Bei Cäsars Auftreten änderte sich das Verhältnis. Die Häduer erhielten ihre Geiseln und ihren alten Anhang wieder, und es verbanden sich auch noch andere mit ihnen, weil diejenigen, die sich an sie angeschlossen hatten, offenbar billigere Schutzherrn und eine bessere Behandlung fanden. Während sich so alle Verhältnisse der Häduer, ihr Anhang und ihr Ansehen erweiterten, waren die Sequaner um ihren bisher behaupteten Vorrang gekommen. (7) An ihre Stelle traten die Remer. Weil man nämlich sah, dass diese bei Cäsar in gleicher Gunst wie die Häduer standen, begaben sich alle, die wegen alter Zerwürfnisse schlechterdings nicht mit den Häduern gehen konnte, in den Schutz der Remer, die ihnen diesen auch auf das sorgfältigste angedeihen ließen (8) und auf diese Weise ein ganz neues und schnell entstandenes Ansehen genossen. (9) So galten nach den damaligen Verhältnissen die Häduer für die Ersten, die Remer aber behaupteten den zweiten Rang.
6,13 - 15: Die Bevölkerungsklassen (13,4-14: Die Druiden).
(6,13,1) In omni Gallia eorum hominum, qui aliquo sunt numero atque honore, genera sunt duo. nam plebes paene servorum habetur loco, quae nihil audet per se, nulli adhibetur consilio. (2) plerique cum aut aere alieno aut magnitudine tributorum aut iniuria potentiorum premuntur, sese in servitutem dicant. nobilibus in hos eadem omnia sunt iura, quae dominis in servos. (3) sed de his duobus generibus alterum est druidum, alterum equitum. (4) illi rebus divinis intersunt, sacrificia publica ac privata procurant, religiones interpretantur. ad hos magnus adulescentium numerus disciplinae causa concurrit magnoque hi sunt apud eos honore. (5) nam fere de omnibus controversiis publicis privatisque constituunt et, si quod est facinus admissum, si caedes facta, si de heredidate, de finibus controversia est, idem decernunt, praemia poenasque constituunt. (6) si qui aut privatus aut populus eorum decreto non stetit, sacrificiis interdicunt. haec poena apud eos est gravissima. (7) quibus ita est interdictum, hi numero impiorum ac sceleratorum habentur, his omnes decedunt, aditum eorum sermonemque defugiunt, ne quid ex contagione incommodi accipiant, neque his petentibus ius redditur neque honos ullus communicatur. (8) his autem omnibus druidibus praeest unus, qui summam inter eos habet auctoritatem. (9) hoc mortuo aut, si qui ex reliquis excellit dignitate, succedit aut, si sunt plures pares, suffragio druidum adlegitur; nonnumquam etiam armis de principatu contendunt. (10) hi certo anni tempore in finibus Carnutum, quae regio totius Galliae media habetur, considunt in loco consecrato. huc omnes undique, qui controversias habent, conveniunt eorumque decretis iudiciisque parent. (11) disciplina in Britannia reperta atque inde in Galliam translata existimatur, et nunc, qui diligentius eam rem cognoscere volunt, plerumque illo discendi causa proficiscuntur.
13. In ganz Gallien gibt es nur zwei Klassen Menschen, die einiges Gewicht und Ansehen haben; denn das gemeine Volk sieht man fast wie Sklaven an; es kann für sich nichts unternehmen und wird zu keiner Beratung gezogen. (2) Die meisten werden von Schulden, übergroßen Abgaben oder durch Mächtigere gedrückt und begeben sich in die Knechtschaft des Adels, der ihnen gegenüber die selben Rechte hat wie der Herr gegen Sklaven. (3) Von jenen zwei Vorzugsklassen bilden die eine die Druiden, die andere die Ritter. (4) Die Druiden haben das ganze Religionswesen, besorgen die Opfer des Staates und der einzelnen und sind die Lehrer und Erklärer in Sachen des Glaubens. Zu ihnen begibt sich, um sich unterrichten zu lassen, eine Menge junger Leute und sie stehen allenthalben in großer Ehre. (5) Denn fast über alle Streitigkeiten in Sachen des Staates und der einzelnen entscheiden sie. Wenn ein Verbrechen begangen oder eine Mordtat verübt wurde, ebenso in Erbschaftsprozessen und Grenzstreitigkeiten entscheiden immer sie und bestimmen Belohnungen und Strafen. (6) Unterwirft sich ein Privatmann oder ein Stamm ihrem Spruch nicht, so schließt man ihn vom Besuch des Gottesdienstes aus. Eine schwerere Strafe gibt es bei ihnen nicht. (7) Wer so ausgeschlossen ist, wird als Gottloser und Verbrecher behandelt; alle gehen ihnen aus dem Weg und meiden Umgang und Gespräche mit ihnen, um sich nicht durch Ansteckung zu beschädigen; auch wird ihnen trotz Antrag kein Recht gesprochen und keine Ehrenstelle zuteil. (8) An der Spitze dieser Druiden steht ein Oberhaupt von größtem Ansehen. (9) Stirbt dieses, so folgt ihm, wer alle anderen an Würde übertrifft; stehen sich aber mehrere gleich, so entscheidet die Wahl der Druiden, manchmal selbst der Kampf mit den Waffen über den Vorzug. (10) In dem Land der Carnuten, das man für den Mittelpunkt von ganz Gallien hält, versammeln sie sich zu einer bestimmten Zeit des Jahres an heiliger Stätte. Wer einen Streit hat, stellt sich dort ein und unterwirft sich ihrem Beschluss und Urteil. (11) Ihre ganze Einrichtung soll zuerst in Britannien aufgekommen und von da nach Gallien gepflanzt worden sein; auch jetzt noch gehen alle, denen an einer genaueren Kenntnis der Sache liegt, um sich zu unterrichten, nach Britannien.
(6,14,1) Druides a bello abesse consuerunt neque tributa una cum reliquis pendunt. militiae vacationem omniumque rerum habent immunitatem. (2) tantis excitati praemiis et sua sponte multi in disciplinam conveniunt et a parentibus propinquisque mittuntur. (3) magnum ibi numerum versuum ediscere dicuntur. itaque annos nonnulli vicenos in disciplina permanent. neque fas esse existimant ea litteris mandare, cum in reliquis fere rebus, publicis privatisque rationibus, Graecis utantur litteris. (4) id mihi duabus de causis instituisse videntur, quod neque in vulgus disciplinam efferri velint neque eos, qui discunt, litteris confisos minus memoriae studere, quod fere plerisque accidit, ut praesidio litterarum diligentiam in perdiscendo ac memoriam remittant. (5) in primis hoc volunt persuadere non interire animas, sed ab aliis post mortem transire ad alios, atque hoc maxime ad virtutem excitari putant metu mortis neglecto. (6) multa praeterea de sideribus atque eorum motu, de mundi ac terrarum magnitudine, de rerum natura, de deorum immortalium vi ac potestate disputant et iuventuti tradunt.
14. Die Druiden nehmen gewöhnlich keinen Anteil am Krieg, zahlen keine Steuern wie die übrigen und genießen Freiheit vom Kriegsdienst und von allen anderen Lasten. (2) Durch solche Vorteile ermuntert treten viele aus freien Stücken in die Lehre, andere aber werden von ihren Eltern und Verwandten dazu veranlasst. (3) Sie müssen dann eine Menge Verse auswendig lernen, weshalb manche sogar zwanzig Jahre in dieser Schule zubringen. Sie halten es nämlich nicht für erlaubt, solche Dinge schriftlich zu verzeichnen, während sie sich in anderen Sachen und Geschäften des Staates und der einzelnen der griechischen Schrift bedienen. (4) Dies geschieht, wie ich glaube, aus zwei Gründen: einmal, weil sie verhindern wollen, dass ihre Lehre unter das Volk kommt; und dann, damit nicht ihre Jünger, wenn sie sich auf das Geschriebene verlassen können, weniger Sorgfalt auf das Gedächtnis verwenden; denn die meisten Menschen vernachlässigen im Vertrauen auf das Geschriebene das sorgfältige Auswendiglernen und das Gedächtnis. (5) Besonders davon suchen sie zu überzeugen, dass die menschliche Seele unsterblich sei und nach dem Tod von einem Körper in den anderen wandere; so, glauben sie, erhalte man einen Antrieb zur Tapferkeit, wenn man die Furcht vor dem Tod vergesse. (6) Überdies lehren sie noch vieles über die Gestirne und ihren Lauf, über die Größe des Weltalls und der Erde, über das Wesen der Dinge und die Gewalt und Macht der unsterblichen Götter und weihen die Jugend in diese Lehren ein.
(6,15,1) Alterum genus est equitum. hi cum est usus atque aliquod bellum incidit - quod ante Caesaris adventum quotannis fere accidere solebat, uti aut ipsi iniurias inferrent aut inlatas propulsarent -, omnes in bello versantur, (2) atque eorum ut quisque est genere copiisque amplissimus, ita plurimos circum se ambactos clientesque habet. hanc unam gratiam potentiamque noverunt.
15. Die zweite Klasse bilden die Ritter. Wenn es die Not erfordert und ein Krieg ausbricht (was vor Cäsars Erscheinen fast jedes Jahr geschah, indem man entweder angriff oder sich verteidigte), sind sie alle im Feld. (2) Je vornehmer dann und je mächtiger einer unter ihnen ist, desto mehr Vasallen und Schutzgenossen hat er um sich. Nur dieses Ansehen und diese Macht kennen sie.
6,16-18: Religion
(6,16,1) Natio est omnis Gallorum admodum dedita religionibus, (2) atque ob eam causam, qui sunt adfecti gravioribus morbis quique in proeliis periculisque versantur, aut pro victimis homines immolant aut se immolaturos vovent, administrisque ad ea sacrificia druidibus utuntur, (3) quod pro vita hominis nisi hominis vita reddatur, non posse aliter deorum immortalium numen placari arbitrantur, publiceque eiusdem generis habent instituta sacrificia. (4) alii immani magnitudine simulacra habent, quorum contexta viminibus membra vivis hominibus complent; quibus succensis circumventi flamma exanimantur homines. (5) supplicia eorum, qui in furto aut in latrocinio aut aliqua noxii sint comprehensi, gratiora dis immortalibus esse arbitrantur. sed cum eius generis copia deficit, etiam ad innocentium supplicia descendunt.
16. Das gallische Volk ist durchweg dem Aberglauben sehr ergeben. (2) Wer deshalb an einer bedeutenderen Krankheit leidet, wer sich im Krieg und anderen Gefahren befindet, opfert statt der Tiere Menschen oder gelobt Menschenopfer, die sie sich durch die Vermittlung der Druiden darbringen. (3) Man hat nämlich die abergläubische Meinung, dass für ein Menschenleben nur wieder ein Menschenleben gegeben werden dürfe; anders lasse sich die Hoheit der unsterblichen Götter nicht besänftigen. Auch von Seiten des Staates hat man diesen Opfergebrauch. (4) Einige Stämme haben riesig große Götzenbilder aus Weidengeflecht, deren Glieder sie mit lebenden Menschen anfüllen; diese werden dann von unten nach oben angezündet und so die Unglücklichen dem Feuertod geweiht. (5) Besonders angenehm, glaubte man, sei den unsterblichen Göttern die Opferung von Leuten, die sich einen Diebstahl, Straßenraub oder sonst eine Straftat hätten zu Schulden kommen lassen; hat man aber nicht gerade solche Verbrecher, so schreitet man selbst zum Morden von Unschuldigen.
(6,17,1) Deorum maxime Mercurium colunt. huius sunt plurima simulacra, hunc omnium inventorem artium ferunt, hunc viarum atque itinerum ducem, hunc ad quaestus pecuniae mercaturasque habere vim maximam arbitrantur. post hunc Apollinem et Martem et Iovem et Minervam. (2) de his eandem fere quam reliquae gentes habent opinionem: Apollinem morbos depellere, Minervam operum atque artificiorum initia tradere, Iovem imperium caelestium tenere, Martem bella regere. (3) huic, cum proelio dimicare constituerunt, ea quae bello ceperint, plerumque devovent; cum superaverunt, animalia capta immolant reliquasque res in unum locum conferunt. (4) multis in civitatibus harum rerum extructos tumulos locis consecratis conspicari licet; (5) neque saepe accidit, ut neglecta quispiam religione aut capta apud se occultare aut posita tollere auderet, gravissimumque ei rei supplicium cum cruciatu constitutum est.
17. Ihr erster Gott ist Mercurius, den man bei ihnen am häufigsten in bildlichen Darstellungen trifft. Er gilt als Erfinder aller Künste, als Geleiter auf Wegen und Straßen und als wichtigster Förderer des Geldwesens und des Handelns. Ihm zunächst folgen Apollon, Mars, Jupiter, Minerva. (2) Über diese haben sie mit anderen Völkern eine annähernd gleiche Vorstellung: Apollon vertreibt die Krankheiten; Minerva lehrt Künste und gewerbliche Fertigkeiten; Jupiter ist der König der Götter; Mars ist Kriegsgott. (3) Wenn sie sich in die Schlacht begeben, geloben sie diesem gewöhnlich die erhoffte Beute. Nach dem Sieg opfern sie die erbeuteten Tiere, die übrigen Gegenstände aber häufen sie an einem Ort zusammen; (4) derlei aufgetürmte Hügel an geweihten Orten trifft man in vielen Städten (5) und höchst selten trat der Fall ein, dass jemand unter Verleugnung der religiösen Scheu das Erbeutete nicht hingab oder von dem Zusammengelegten etwas entwendete; die martervollste Hinrichtung ist die Strafe für ein solches Vergehen.
(6,18,1) Galli se omnes ab Dite patre prognatos praedicant idque ab druidibus proditum dicunt. (2) ob eam causam spatia omnis temporis non numero dierum, sed noctium finiunt; dies natales et mensum et annorum initia sic observant, ut noctem dies subsequatur. (3) in reliquis vitae institutis hoc fere ab reliquis differunt, quod suos liberos, nisi cum adoleverunt, ut munus militiae sustinere possint, palam ad se adire non patiuntur filiumque puerili aetate in publico in conspectu patris adsistere turpe ducunt.
18. Die Gallier geben insgesamt den Dis als ihren Stammvater aus und berufen sich dabei auf das Wort der Druiden. (2) Deshalb bestimmen sie auch alle Zeitabschnitte nicht nach Tagen sondern nach Nächten; den Geburtstag, den Anfang der Monate und Jahre fassen sie so, dass immer der Tag auf die Nacht folgt. (3) In anderen Gewohnheiten des Lebens unterscheiden sie sich von den übrigen Völkern auch dadurch, dass sie ihren Kindern nicht eher öffentlichen Umgang mit sich gestatten, als bis sie das Alter haben, mit in den Krieg zu ziehen; man hält es für eine Schande, wenn der Sohn in den Kinderjahren öffentlich an der Seite des Vaters erscheint.
6,19: Familienrecht, Gebräuche
(6,19,1) Viri, quantas pecunias ab uxoribus dotis nomine acceperunt, tantas ex suis bonis aestimatione facta cum dotibus communicant. (2) huius omnis pecuniae coniunctim ratio habetur fructusque servantur; uter eorum vita superarit, ad eum pars utriusque cum fructibus superiorum temporum pervenit. (3) viri in uxores sicuti in liberos vitae necisque habent potestatem, et cum pater familiae inlustriore loco natus decessit, eius propinqui conveniunt et de morte, si res in suspicionem venit, de uxoribus in servilem modum quaestionem habent et, si compertum est, igni atque omnibus tormentis excruciatas interficiunt. (4) funera sunt pro cultu Gallorum magnifica et sumptuosa; omniaque, quae vivis cordi fuisse arbitrantur, in ignem inferunt, etiam animalia, ac paulo supra hanc memoriam servi et clientes, quos ab iis dilectos esse constabat, iustis funeribus confectis una cremabantur.
19. So viel Geld der Mann von seinem Weib als Mitgift bekam, ebenso viel legt er in genauer Schätzung aus seinem eigenen Vermögen dazu; (2) das Ganze wird dann gemeinschaftlich verwaltet und der Zugewinn beigelegt. Wer den anderen Teil überlebt, erbt das ganze zusätzlich allen bisherigen Erträgen. (3) Die Männer haben Gewalt über Leben und Tod ihrer Weiber und ihrer Kinder; und wenn ein vornehmes Familienhaupt stirbt, so verhängen die versammelten Verwandten, falls der Tod Verdacht erregt, über die Weiber des Verstorbenen die peinliche Untersuchung, wie bei Sklaven; findet man sie schuldig, so werden sie unter grausamste Marter mit dem Feuertod bestraft. (4) Die gallischen Leichenbegängnisse sind gemessen an den sonstigen Lebensverhältnissen der Nation mit Pracht und Kosten verbunden. Die liebsten Gegenstände der Verblichenen werden ebenfalls auf den Scheiterhaufen gebracht, selbst Tiere; in nicht viel früherer Zeit verbrannte man zum Schluss der Leichenfeierlichkeit sogar die Sklaven und Schützlinge, von denen bekannt war, dass sie ihren Herren lieb waren.
6,20: Politische Organisation
(6,20,1) Quae civitates commodius suam rem publicam administrare existimantur, habent legibus sanctum, si quis quid de re publica a finitimis rumore ac fama acceperit, uti ad magistratum deferat neve cum quo alio communicet, (2) quod saepe homines temerarios atque imperitos falsis rumoribus terreri et ad facinus impelli et de summis rebus consilium capere cognitum est. (3) magistratus, quae visa sunt, occultant, quae esse ex usu iudicaverunt, multitudini produnt. de re publica nisi per concilium loqui non conceditur.
20. Die Staaten, die für wohlregiert gelten, haben das strenge Gesetz, dass jeder, der etwas über den Staat von den Nachbarn durch Gerüchte oder Hörensagen erfährt, dies der Obrigkeit anzeigen muss und keinem anderen mitteilen darf. (2) Die Erfahrung lehrt nämlich, dass sich unbesonnene und unerfahrene Leute oft durch falsche Gerüchte in Schrecken setzen lassen, zu starken Taten schreiten und Einschlüsse von größter Bedeutung treffen. (3) Die Obrigkeit hält dann nach Ermessen solche Mitteilungen geheim oder macht dem Volk bekannt, was sie für dienlich hält. Über Staatsangelegenheiten zu sprechen ist nur durch das Mittel der Vollversammlung erlaubt.
6,21 - 28: Die Germanen
6,21: Religion. Lebensweise, Moral
(6,21,1) Germani multum ab hac consuetudine differunt. nam neque druides habent, qui rebus divinis praesint, neque sacrificiis student. (2) deorum numero eos solos ducunt, quos cernunt et quorum aperte opibus iuvantur, Solem et Vulcanum et Lunam, reliquos ne fama quidem acceperunt. (3) vita omnis in venationibus atque in studiis rei militaris consistit; a parvulis labori ac duritiae student. (4) qui diutissime impuberes permanserunt, maximam inter suos ferunt laudem; hoc ali staturam, ali vires nervosque confirmari putant. (5) intra annum vero vicesimum feminae notitiam habuisse in turpissimis habent rebus. cuius rei nulla est occultatio, quod et promiscue in fluminibus perluuntur et pellibus aut parvis renonum tegimentis utuntur, magna corporis parte nuda.
21. Von diesen Sitten weichen die Germanen in vielen Stücken ab. Man findet bei ihnen keine Priester wie die Druiden und auch keinen besonderen Hang zum Opferdienst. (2) Als Götter verehren sie nur Sonne, Vulkan (d.h. Feuer) und Mond, die sie sehen und deren offenbaren Einfluss sie wahrnehmen. Die übrigen Götter kennen Sie auch nicht dem Namen nach. (3) Ihr ganzes Leben bewegt sich zwischen Jagd und Kriegsbeschäftigung; von Jugend auf gewöhnen sie sich an Mühe und Abhärtung. (4) Lange unverheiratet zu bleiben bringt bei ihnen großes Lob; denn dadurch, glauben Sie, werde Körpergröße, werde die Kraft gemehrt und die Nerven gestärkt. (5) Dagegen gilt es für höchst schimpflich, vor dem 20. Lebensjahr eine Frau erkannt zu haben. Und doch machen sie aus der Verschiedenheit der Geschlechter kein Geheimnis; denn beide Geschlechter baden sich gemeinschaftlich und tragen einen großen Teil ihres Körpers bloß, da ihre Bedeckung nur aus Fellen und kleinen Pelzen besteht.
6,22: Ackerbau
(6,22,1) Agri culturae non student, maiorque pars eorum victus in lacte, caseo, carne consistit. (2) neque quisquam agri modum certum aut fines habet proprios, sed magistratus ac principes in annos singulos gentibus cognationibusque hominum quique una coierunt, quantum et quo loco visum est agri, adtribuunt atque anno post alio transire cogunt. (3) eius rei multas adferunt causas: ne adsidua consuetudine capti studium belli gerendi agri cultura commutent; ne latos fines parare studeant potentioresque humiliores possessionibus expellant; ne accuratius ad frigora atque aestus vitandos aedificent; ne qua oriatur pecuniae cupiditas, qua ex re factiones dissensionesque nascuntur; (4) ut animi aequitate plebem contineant, cum suas quisque opes cum potentissimis aequari videat.
22. Mit dem Ackerbau beschäftigen sie sich nicht eifrig; der größere Teil ihrer Nahrung besteht aus Milch, Käse und Fleisch. (2) Auch besitzt niemand bei Ihnen ein bestimmt abgemessenes Feld oder ein eigenes Gebiet. Nur ganze Stämme, Geschlechter und Verbände bekommen alljährlich von ihren Obrigkeiten und Häuptlingen, so viel und wo diese es für gut finden, Feld angewiesen, müssen aber im folgenden Jahr anderswohin ziehen. (3) Dafür führt man viele Ursachen an: damit die Leute nicht durch ununterbrochene Wohnung und Bebauung derselben Gegend verlockt werden, die Lust zum Krieg mit dem Ackerbau zu vertauschen; damit sie nicht nach ausgedehntem Landbesitz trachten und die Mächtigeren die Schwächeren aus ihren Besitzungen verdrängen; damit sie nicht, um Kälte und Hitze zu vermeiden, ihre Wohnungen sorgfältiger bauen; ferner, um keine Geldgier aufkommen zu lassen, woraus Parteienzwist entsteht; (4) endlich, um die Zufriedenheit des gemeinen Mannes zu erhalten, wenn er sieht, dass sein Besitz selbst dem der Mächtigsten gleichkommt.
6,23: Krieg, Staatswesen, Raubzüge, Gastfreundschaft
(6,23,1) Civitatibus maxima laus est quam latissime circum se vastatis finibus solitudines habere. (2) hoc proprium virtutis existimant, expulsos agris finitimos cedere neque quemquam prope se audere consistere. (3) simul hoc se fore tutiores arbitrantur, repentinae incursionis timore sublato. (4) cum bellum civitas aut inlatum defendit aut infert, magistratus, qui ei bello praesint et vitae necisque habeant potestatem, deliguntur. (5) in pace nullus est communis magistratus, sed principes regionum atque pagorum inter suos ius dicunt controversiasque minuunt. (6) latrocinia nullam habent infamiam, quae extra fines cuiusque civitatis fiunt, atque ea iuventutis exercendae ac desidiae minuendae causa fieri praedicant. (7) atque ubi quis ex principibus in concilio dixit se ducem fore, qui sequi velint, profiteantur, consurgunt ii, qui et causam et hominem probant, suumque auxilium pollicentur atque a multitudine conlaudantur; (8) qui ex his secuti non sunt, in desertorum ac proditorum numero ducuntur, omniumque his rerum postea fides derogatur. (9) hospitem violare fas non putant; qui quacumque de causa ad eos venerunt, ab iniuria prohibent sanctosque habent, hisque omnium domus patent victusque communicatur.
23. Die einzelnen Staaten suchen ihre größte Ehre darin, möglichst weit um sich verwüstete Einöden an ihren Grenzen zu haben. (2) Sie sind es nämlich als einen besonderen Beweis der Tapferkeit an, wenn ihre Nachbarn aus ihren Sitzen vertrieben werden und weichen und niemand es wagt, in ihrer Nähe zu wohnen; (3) zugleich finden Sie darin auch eine Sicherheit, weil sie keinen plötzlichen Überfall zu fürchten haben. (4) Wird ein germanischer Stamm durch Angriff oder Verteidigung in einen Krieg verwickelt, so wählt man zu seiner Leitung ein Oberhaupt mit Macht über Leben und Tod. (5) Im Frieden hingegen haben sie keine Obrigkeiten über das Ganze, sondern die Häuptlinge der einzelnen Gegenden und Gaue sprechen unter ihren Leuten Recht und beheben die Streitigkeiten. (6) Raub gilt nicht als schimpflich, wenn er außerhalb des eigenen Gebietes geschieht; ja sie rühmen ihn sogar als Mittel gegen den Müßiggang und zur Ertüchtigung der Jugend. (7) Wenn einer der Häuptlinge in der allgemeinen Versammlung erklärt, er wolle sich an die Spitze stellen: wer Anteil zu nehmen wünsche, der solle sich melden, so erheben sich alle, denen der Mann und das Unternehmen gefällt und versprechen ihm unter lautem Beifall der Menge ihre Unterstützung. (8) Folgt dem aber einer später dennoch nicht, so betrachtet man ihn als fahnenflüchtig und Verräter; niemals mehr findet er für die Zukunft Glauben. (9) Den Gastfreund zu verletzen gilt für ein großes Verbrechen, und es mag einer zu ihnen kommen in welcher Angelegenheit er immer will, so schätzen sie ihn als unverletzlich gegen jede Beleidigung; jedes Haus steht ihm offen; jeder reicht ihm den nötigen Unterhalt.
6,24: Machtverschiebung von den Galliern auf die Germanen
(6,24,1) Ac fuit antea tempus, cum Germanos Galli virtute superarent, ultro bella inferrent, propter hominum multitudinem agrique inopiam trans Rhenum colonias mitterent. (2) itaque ea, quae fertilissima Germaniae sunt loca circum Hercyniam silvam, quam Eratostheni et quibusdam Graecis fama notam esse video, quam illi Orcyniam appellant, Volcae Tectosages occupaverunt atque ibi consederunt; (3) quae gens ad hoc tempus his sedibus sese continet summamque habet iustitiae et bellicae laudis opinionem. (4) nunc, quoniam in eadem inopia egestate patientiaque Germani permanent, eodem victu et cultu corporis utuntur, (5) Gallis autem provinciarum propinquitas et transmarinarum rerum notitia multa ad copiam atque usum largitur, (6) paulatim adsuefacti superari multisque victi proeliis ne se quidem ipsi cum illis virtute comparant.
24. In früherer Zeit waren die Gallier tapferer als die Germanen, führten Angriffskriege und schickten wegen ihrer großen Bevölkerung, für die sie nicht Land genug hatten, Auswanderer auf das rechte Ufer des Rheins. (2) So besetzten Tektosagen aus dem Stamm der Volken die fruchtbarsten Gegenden Germaniens am herkynischen Wald, den, wie ich sehe, schon Eratosthenes und andere Griechen unter dem Namen des orkynischen vom Hörensagen kannten. (3) Sie wohnen auch noch bis zur Stunde dort und genießen wegen ihrer Gerechtigkeit und Tapferkeit sehr großes Ansehen. (4) In unserer Zeit nun leben die Germanen immer noch gleich arm, dürftig, hart, und begnügen sich mit der selben Nahrung, Kleidung und Wohnung wie früher. (5) Den Galliern dagegen verschafft die Nähe römischer Provinzen und die Bekanntschaft mit den über das Meer kommenden Waren mehr Genüsse und größeres Wohlleben. (6) Allmählich sind sie daran gewöhnt, besiegt zu werden und vergleichen sich nach vielen Niederlagen an Tapferkeit selbst nicht mehr mit den Germanen.
6,25-28: Der herkynische Wald und seine Tierwelt (Rentier, Elch, Auerochse).
(6,25,1) Huius Hercyniae silvae, quae supra demonstrata est, latitudo novem dierum iter expedito patet: non enim aliter finiri potest neque mensuras itinerum noverunt. (2) oritur ab Helvetiorum et Nemetum et Rauracorum finibus rectaque fluminis Danubii regione pertinet ad fines Dacorum et Anartium. (3) hinc se flectit sinistrorsus diversis a flumine regionibus multarumque gentium fines propter magnitudinem attingit. (4) neque quisquam est huius Germaniae, qui se aut adisse ad initium eius silvae dicat, cum dierum iter LX processerit, aut, quo ex loco oriatur, acceperit. (5) multaque in ea genera ferarum nasci constat, quae reliquis in locis visa non sint, ex quibus, quae maxime differant a ceteris et memoriae prodenda videantur, haec sunt.
25. Der Wald Hercynia, von dem ich soeben sprach, erstreckt sich der Breite nach für einen guten Fußgänger neun Tagesreisen weit; eine andere Bestimmung ist nicht möglich, da man dort eigentliche Wegmessungen nicht kennt. (2) Er beginnt im Gebiet der Helvetier, Nemeter und Rauraker und läuft dann in gerader Richtung mit dem Donaustrom bis zu den Dakern und Anarten; (3) von hier aber biegt er nach links durch von dem Fluss abgelegene Gebiete und berührt wegen seiner Größe viele Völker und Länder. (4) Niemand in diesen Gegenden Germaniens, selbst wenn er 60 Tage auf der Reise war, kann behaupten, dass er den Anfangspunkt des Waldes gesehen oder etwas Bestimmtes darüber erfahren habe. (5) Bekanntlich leben in ihm auch viele Tiergattungen, die man anderwärts nicht findet. Die auffallendsten und merkwürdigsten Arten sind folgende:
(6,26,1) Est bos cervi figura, cuius a media fronte inter aures unum cornu existit excelsius magisque derectum his, quae nobis nota sunt, cornibus; (2) ab eius summo sicut palmae ramique late diffunduntur. (3) eadem est feminae marisque natura, eadem forma magnitudoque cornuum.
26. Es gibt dort ein Rind, dem Hirsch nicht unähnlich (Rentier), auf dessen Stirn mitten zwischen den Ohren sich ein Horn erhebt, das aber höher und gestreckter ist als die uns bekannten Hirschgeweihe. (2) Ganz oben an seiner Krone laufen, wie Ruderschaufeln oder Palmblätter weite Äste aus. (3) Die männlichen und weiblichen Tiere gleichen sich in Beschaffenheit, Gestalt und Größe des Geweihes.
(6,27,1) Sunt item, quae appellantur alces. harum est consimilis capris figura et varietas pellium, sed magnitudine paulo antecedunt mutilaeque sunt cornibus et crura sine nodis articulisque habent. (2) neque quietis causa procumbunt neque, si quo adflictae casu conciderunt, erigere sese aut sublevare possunt. (3) his sunt arbores pro cubilibus; ad eas se adplicant atque ita paulum modo reclinatae quietem capiunt. (4) quarum ex vestigiis cum est animadversum a venatoribus, quo se recipere consuerint, omnes eo loco aut ab radicibus subruunt aut accidunt arbores tantum, ut summa species earum stantium relinquatur. (5) huc cum se consuetudine reclinaverunt, infirmas arbores pondere adfligunt atque una ipsae concidunt.
27. Ferner der Elch. Er gleicht an Gestalt und Farbenwechsel des Fells einer Wildziege, ist aber etwas größer; seine Hörner sind nur ein Stumpf, und seine Beine ohne Knöchel und Gelenke. (2) Wenn er ausruhen will, legt er sich deshalb nicht nieder und kann sich, wenn er durch einen Zufall niederstürzt, nicht aufrichten oder aufhelfen. (3) Bäume dienen ihm daher als Lager; an sie lehnt er sich an und so ruht er, nur etwas rückwärts gebeugt, aus. (4) Wenn nun die Jäger an den Spuren bemerken, wo er sich hinzubegeben pflegt, so untergraben sie entweder alle Bäume in der Wurzel oder hauen sie so an, dass sie nur noch dem äußersten Schein nach stehen. (5) Lehnt sich dann ein Elch seiner Gewohnheit nach daran, so drückt er den geschwächten Baum durch seine Last nieder und fällt selbst mit zur Erde.
(6,28,1) Tertium est genus eorum, qui uri appellantur. hi sunt magnitudine paulo infra elephantos, specie et colore et figura tauri. (2) magna vis eorum est et magna velocitas; neque homini neque ferae, quam conspexerunt, parcunt. hos studiose foveis captos interficiunt. (3) hoc se labore durant adulescentes atque hoc genere venationis exercent, et qui plurimos ex his interfecerunt, relatis in publicum cornibus, quae sint testimonio, magnam ferunt laudem. (4) sed adsuescere ad homines et mansuefieri ne parvuli quidem excepti possunt. (5) amplitudo cornuum et figura et species multum a nostrorum boum cornibus differt. (6) haec studiose conquisita ab labris argento circumcludunt atque in amplissimis epulis pro poculis utuntur.
28. Die dritte Tierart sind die sogenannten Auerochsen, die in ihrem ganzen Äußeren, besonders an Gestalt und Farbe, dem Stier nahekommen, aber fast so groß sind wie ein Elefant. (2) Diese Tiere besitzen eine gewaltige Stärke und Schnelligkeit; jeder Mensch und jedes Tier, das sie erblicken, ist verloren. Man gibt sich deshalb viel Mühe, sie in Gruben zu fangen und zu töten: (3) ein mühevolles Jagdgeschäft, in dem sich die jungen Leute üben und abhärten; großes Lob erhält deshalb, wer die meisten erlegt hat und zum Beweis der Tat die Hörner der Tiere dem Volk aufweist. (4) Der Auerochse wird übrigens nie zahm und gewöhnt sich nicht an die Menschen, auch wenn man ihn ganz jung einfängt; (5) seine Hörner sind an Weite, Gestalt und Aussehen von den Hörnern unsere Ochsen sehr verschieden; (6) man sucht sie eifrig, fasst den Rand mit Silber ein und verwendet sie bei glänzenden Festmählern als Becher.
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Sententiae excerptae:
w36
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