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M. Tullius Cicero

de officiis

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Cic.off.1,34-36: Die Pax Romana und der gerechte Krieg

Zum Thema:

„Soll die Logik des Friedens der Logik des Krieges gehorchen?
Das ist die Frage, um die es geht, ihr Eleven der Diplomatie.
Verträge sind sterblich, ihr wisst es, sind bloßes Papier. [...]
Wägt also ab, entscheidet euch. Hier auf den Fragebogen
Setzt eure Einsicht ins schwere Getriebe der Diplomatie.“
[Durs Grünbein, aus PAX AMERICANA, 1. Junge Diplomaten]

 

Kontext:

In Text I) behandelt Cicero im Rahmen der Frage, welche ethischen Forderungen an Ausmaß und Ausübung einer Strafe zu stellen sind (ulciscendi et puniendi modus), auch die Frage des gerechten Krieges. In diesem Argumentationszusammenhang bezieht er sich am Schluss auch auf das Fetialrecht (s. Anmerkung).
In Text II) ist es ein christlicher Autor, der auf der Grundlage des Fetialrechts argumentiert.

 

Arbeitstexte:

Arbeitstext I

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In re publica maxime conservanda sunt iura belli. Nam cum sint duo genera decertandi, unum per disceptationem, alterum per vim, cumque illud proprium sit hominis, hoc beluarum, confugiendum est ad posterius, si uti non licet superiore. Quare suscipienda quidem bella sunt ob eam causam, ut sine iniuria in pace vivatur, parta autem victoria conservandi ii, qui non crudeles in bello, non inmanes fuerunt, ut maiores nostri Tusculanos, Aequos, Volscos, Sabinos, Hernicos in civitatem etiam acceperunt, at Karthaginem et Numantiam funditus sustulerunt. Mea quidem sententia paci, quae nihil habitura sit insidiarum, semper est consulendum. In quo si mihi esset obtemperatum, si non optimam, at aliquam rem publicam, quae nunc nulla est, haberemus. Et cum iis, quos vi deviceris, consulendum est, tum ii, qui armis positis ad imperatorum fidem confugient, quamvis murum aries percusserit, recipiendi. In quo tantopere apud nostros iustitia culta est, ut ii, qui civitates aut nationes devictas bello in fidem recepissent, earum patroni essent  more maiorum. 
Ac belli quidem aequitas sanctissime fetiali populi Romani iure perscripta est. Ex quo intellegi potest nullum bellum esse iustum, nisi quod aut rebus repetitis geratur aut denuntiatum ante sit et indictum.
Arbeitstext II (Lact.inst.div.6,9,3-4 = Cic.rep.3,20)
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Quantum ab iustitia recedat utilitas, populus ipse Romanus docet, qui per fetiales bella indicendo et legitime iniurias faciendo possessionem sibi totius orbis comparavit. Verum hi iustos se putant, si contra leges suas nihil faciant.

 

Angaben:

  1. zur Übersetzung s. Cic.off.1,34-36
    2 decertare – einen Streit entscheiden | 3 disceptatio, onis, f – Verhandlung, Diplomatie | 9 conservandi <sunt> | 10 Tusculani – Tusculaner,... (Nachbarstämme der Römer) | 13 funditus (Adv.) –  von Grund auf | 15 in quo – darin (in diesem Grundsatz) | si non... at <tamen> - wenn schon nicht... so doch wenigstens | 18f. Gliederung: cum... tum... | 21 aries, etis, m – Widder, Mauerbrecher (Kriegsmaschine, um eine feindliche  Stadtmauer zu durchbrechen) | 26 ius fetiale – Den Fetialen (fetiales) oblag es, nach den stark formalisierten Regeln des Fetialrechts Kriege zu erklären und Bündnisse abzuschließen. So musste z.B. jeder Kriegserklärung das „res repetere“ vorausgehen | 

  2. 3 nihil contra facere – nicht zuwider handeln

 

Aufgabenvorschläge:

 
  1.   Zum Textverständis
    1. Welche Abwägung nimmt Cicero zwischen den beiden grundsätzlichen Möglichkeiten der politischen Konfliktlösung (decertandi) (in Z. 1-6) vor? 
      Die beiden Möglichkeiten der Konfliklösung (duo genera decertandi) beruhen auf  1.) Diplomatie (per disceptationem) und zweitens auf physischer Gewaltanwendung (per vim). Die zweite Lösung ist dem Menschen nicht angemessen („proprium... beluarum“)  und daher nur als ultima ratio (si uti non licet superiore) vertretbar.
    2. Welche Schlussfolgerungen („quare“) zieht er daraus im Folgetext  für die Rechtfertigung eines Krieges?
      Nur der Frieden kann das einzig legitime Ziel der Politik sein (paci... semper est consulendum). Der Krieg kann nur letztes Mittel zu dem Zweck sein, einen gerechten Frieden zu garantieren (ut sine iniuria in pace vivatur). Allen, die die Grenzen des Menschlichen achten (qui non crudeles in bello, non inmanes fuerunt), steht auch der Anspruch auf Leben und Unversehrtheit der Person (conservandi) zu.
    3. Untersuchen Sie allgemein das Begriffsfeld von „fides“ (Wörterbuch) und speziell die Bedeutung(en), die es bei seiner zweimaligen Verwendung im Textzusammenhang (Z.20; 24) haben muss!
      Fides bezeichnet die Verlässlichkeit in allen  privaten und staatlichen Bereichen zwischen den einzelnen Mitgliedern dieser jeweiligen Gemeinschaft: Wenn ich jemandes Wort Glauben schenke, erweise ich fides. Ich besitze fides, wenn ich mir Glaubwürdigkeit und den Ruf der Ehrlichkeit erworben habe. Diese fides (Vertrauenswürdigkeit) ist die Voraussetzung, dass meine Versprechen und Zusagen ernst genommen werden. Somit ist fides auch die moralische Grundlage des Geschäfts- und Finanzwesens (z.B. Kredit), die ihre juristische Entsprechung in einem Vertrag findet. Ihre soziale Ausprägung findet sie bei den Römern im Verhältnis des patronus zu seinen clientes, das allein auf gegenseitigem Vertrauen beruht. Hier kommt die Bedeutung ins Spiel, die der Text meint:  Der patronus bietet seinen clientes sozialen und juristischen Schutz und sichert sich so ihre politische Loyalität. Dieses Klientelverhältnis lässt sich auf das Verhältnis fremder Völker zur res publica Romana übertragen (civitates aut nationes ... in fidem recipere). Es handelt sich um die spezifisch römische Form der gewaltfreien (armis depositis) Wahrung des Friedens nach innen und außen.
    4. Wie argumentiert Cicero mit dem Fetialrecht (T.ext I, Z. 22ff.)? Wie unterscheidet sich die Argumentation des christlichen Autors in Text II?
      Für Cicero ist die strenge Anwendung des Fetialrechts  Voraussetzung und Beweis für die Rechtmäßigkeit (aequitas) eines Krieges: Es muss die Forderung nach einem friedlichen Schadensausgleich (rebus repetitis) vorausgehen und eine strenge Form der Kriegserklärung (denuntiatum ante et indictum) eingehalten werden.   Der Gerechtigkeitsbegriff (iustitia) des christlichen Autors ist weniger formalistisch (bloße Einhaltung von Gesetzen). Er verurteilt den römischen Imperialismus prinzipiell als Unrecht und hält das Fetialrecht nur für ein Feigenblatt (legitime iniurias faciendo). 
  2. Z.4ff. formuliert Cicero einen Grundsatz politischen Handelns („Quare suscipienda quidem bella ...  conservandi <autem> ii...“), der an die Wesensbestimmung erinnern kann, die in Vergils Aeneis dem Römer zugewiesen wird. („Excudent alii..“ und dann besonders: “Tu regere...“)
    1. In welchem Buch und in welchem Sachzusammenhang finden sich die angesprochenen Verse bei Vergil?
      Im 6. Buch der Aeneis (Unterweltsbuch), Römerschau
    2. Vervollständigen Sie das Zitat nach Möglichkeit aus dem Gedächtnis (zumindest deutsch, zumindest sinngemäß)!
      Wie Vergil rechtfertigt Cicero die Anwendung militärischer Macht zur Herstellung eines gerechten und  sicheren Friedens (sine iniuria pax, und später: pax, quae nihil habitura sit insidiarum). Allerdings argumentiert Cicero mit dem Recht, das für ihn letztlich in der Natur begründet ist. Für Vergil liegt der Grund noch tiefer im Willen der Götter (fatum) beschlossen.
    3. Inwiefern könnte Durs Grünbein mit seinem Titel PAX AMERICANA auf  die Friedensvorstellungen bei Cicero und Vergil anspielen?
      Der Titel ist eine bewusste Anleihe an dem Römerprogramm der „PAX ROMANA“. Er kann deswegen auch ambivalent interpretiert werden: im Sinne des christlichen Autors als der Versuch, den militärischen und politischen Einfluss Amerikas global zu etablieren, im Sinne Vergils das Bemühen, Recht, Frieden und die Werte einer humanen Lebensgemeinschaft  weltweit zu verteidigen. 
  3. Z. 15f gebraucht Cicero zum einen den Begriff der „optima res publica“, zum anderen glaubt er, verdiene der gegenwärtige Zustand Roms nicht einmal die Bezeichnung „res publica“. Beantworten Sie aus Ihrer Kenntnis von Ciceros Staatsschrift „de re publica“:
    1. welche Definitionsmerkmale erfüllt sein müssten, dass man überhaupt von einer „res publica“ sprechen kann; bzw. welche er in der Gegenwart nicht erfüllt glaubt, so dass man von einer „res publica amissa“ sprechen müsse?
      Nach Cic.rep.1,39 ist nicht jeder beliebige Zusammenschluss von Menschen (omnis hominum coetus) bereits eine res publica, vielmehr müsse sie eine Rechtsgemeinschaft und eine Zweckgemeinschaft (iuris consensu et utilitatis communione sociatus) sein. Beides ist in der Zeit der Bürgerkriege, die Cicero vor Augen hat, auseinander gebrochen. An die Stelle des gemeinsamen Rechts und gemeinsamer Interessen (Ciceros politisches Programm der concordia ordinum) ist die Machtgier der großen Männer gerückt, die den Staat als private Beute  ansehen.
    2. welches Bild einer „optima res publica“ Cicero dort entwickelt!
      Jede Einzelverfassung, die die grundlegenden Merkmale eines Staates erfüllt, ist für Cicero als „aliqua res publica“ hinnehmbar, sie ist „non optimum quidem, sed tolerabile tamen“ (Cic.rep.1,42). Jede einzelne Staatsform hat ihre Vorzüge, aber auch eine negative Kehrseite. Daher ist die gemischte Verfassung, die die positiven Vorzüge der einzelnen Verfassungen verbindet, die beste (genus..., quod erit aequatum et temperatum ex tribus optimis rerum publicarum modis“ Cic.rep.1,69).
  4. Lässt sich erkennen, in welchem Sinn Cicero, obwohl er gewiss kein „Eleve der Diplomatie“ ist, (in Text I) in der von Durs Grünbein aufgeworfenen Frage: „Soll die Logik des Friedens der Logik des Krieges gehorchen?“ die geforderte Abwägung vornimmt?
    Cicero entscheidet sich für die Umkehrung des Satzes: Obwohl das Verhältnis von Krieg und Frieden reziprok ist, hat die Logik des Friedens (Rechtsgemeinschaft, Interessengemeinschaft, Partizipation aller an den politischen Entscheidungen bei gleichzeitiger Achtung der „dignitatis gradus“,  fides als grundlegender Wert menschlischer Gemeinschaft) den absoluten Vorrang. Um den Frieden muss man sich immer, d.h. prinzipiell bemühen (Z.13ff.: paci, quae nihil habitura sit insidiarum, semper est consulendum), Krieg aber ist der Ausnahmefall. Ihn  darf man nur aus gegebenem Grund führen (Z.5f.: ob eam causam, ut...). Dass Verträge “sterblich“ sind, d.h., dass der auf fides beruhende Frieden brüchig ist, ist kein hinreichender Grund, die Priorität von Krieg und Frieden auf den Kopf zu stellen.
Sententiae excerptae:
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Literatur:

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