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M. Tullius Cicero
Tusculanae disputationes I

Proömium

Cic.Tusc.1,1-6: 

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Cic.Tusc.1,1-6: Proömium:  Ciceros Absicht, Philosophie im lateinischen Gewand zu bieten

(1,1)  Cum defensionum laboribus senatoriisque muneribus aut omnino aut magna ex parte essem aliquando liberatus, rettuli me, Brute, te hortante maxime ad ea studia, quae retenta animo, remissa temporibus, longo intervallo intermissa revocavi, et cum omnium  artium, quae ad rectam vivendi viam pertinerent, ratio et disciplina studio sapientiae, quae philosophia dicitur, contineretur, hoc mihi Latinis litteris illustrandum putavi, non quia philosophia Graecis et litteris et doctoribus percipi non posset, sed meum semper iudicium fuit omnia nostros aut invenisse per se sapientius quam Graecos aut accepta ab illis fecisse meliora, quae quidem digna statuissent, in quibus elaborarent. 

Da ich mich endlich von meinen Arbeiten gerichtlicher Verteidigungen und von meinen senatorischen BerufsgeschĂ€ften teils ganz, teils großenteils befreit sah, zog ich mich, besonders auf deinen Rat, mein Brutus, zu denjenigen Studien zurĂŒck, die, im Geist aufbewahrt, durch die UmstĂ€nde zurĂŒckgedrĂ€ngt, nach langer Unterbrechung von mir wieder erneuert wurden. Und da die GrundsĂ€tze und das System aller Wissenschaften, die sich auf die rechte Einrichtung des Lebens beziehen, im Studium der Weisheit, Philosophie genannt, enthalten sind, glaubte ich dieses durch Übertragung in die lateinische literatur ins Licht setzen zu mĂŒssen; nicht als ob die Philosophie aus griechischer Literatur und durch griechische Lehrer nicht erfasst werden könnte; sondern mein Urteil war immer, Römer haben, was sie erfunden haben, fĂŒr sich weiser erfunden als die Griechen, oder was sie von diesem empfangen haben, besser gemacht; vorausgesetzt, dass sie die BeschĂ€ftigung damit fĂŒr wĂŒrdig hielten.
(1,2) Nam mores et instituta vitae resque domesticas ac familiaris nos profecto et melius tuemur et lautius, rem vero publicam nostri maiores certe melioribus temperaverunt et institutis et legibus. quid loquar de re militari? in qua cum virtute nostri multum valuerunt, tum plus etiam disciplina. iam illa, quae natura, non litteris adsecuti sunt, neque cum Graecia neque ulla cum gente sunt conferenda. quae enim tanta gravitas, quae tanta constantia, magnitudo animi, probitas, fides, quae tam excellens in omni genere virtus in ullis fuit, ut sit cum maioribus nostris comparanda? Denn die Sitten und die Einrichtungen des Lebens und die inneren und hĂ€uslichen Angelegenheiten bewahren wir wahrlich besser und herrlicher; den Staat aber haben unsere Vorfahren sicher durch bessere Anordnungen und Gesetze gestaltet. Was soll ich vom Kriegswesen sprechen? Viel haben dabei unsere Leute durch Tapferkeit vermocht, doch noch mehr durch Zucht. Und dann, was sie durch Natur und nicht durch Wissenschaft gewannen, damit hĂ€lt weder Griechenland, noch sonst ein Volk den Vergleich aus. Denn wo findet sich sonst eine solch ernste WĂŒrde, wo eine solche Standhaftigkeit, SeelengrĂ¶ĂŸe, Rechtschaffenheit und Treue, wo irgend ĂŒberhaupt so treffliche Tugend aller Art, dass sie mit unseren Vorfahren zusammengestellt werden dĂŒrfte?
(1,3) Doctrina Graecia nos et omni litterarum genere superabat; in quo erat facile vincere non repugnantes. nam cum apud Graecos antiquissimum e doctis genus sit poetarum, siquidem Homerus fuit et Hesiodus ante Romam conditam, Archilochus regnante Romulo, serius poeticam nos accepimus. annis fere cccccx post Romam conditam Livius fabulam dedit C. Claudio, Caeci filio, M. Tuditano cos. anno ante natum Ennium. qui fuit maior natu quam Plautus et Naevius. sero igitur a nostris poetae vel cogniti vel recepti. quamquam est in Originibus solitos esse in epulis canere convivas ad tibicinem de clarorum hominum virtutibus; honorem tamen huic generi non fuisse declarat oratio Catonis, in qua obiecit ut probrum M. Nobiliori, quod is in provinciam poetas duxisset; duxerat autem consul ille in Aetoliam, ut scimus, Ennium. quo minus igitur honoris erat poetis, eo minora studia fuerunt, nec tamen, si qui magnis ingeniis in eo genere extiterunt, non satis Graecorum gloriae responderunt. In Bildung und vielseitiger Wissenschaft ĂŒbertraf uns Griechenland, leicht war der Sieg, wo kein Gegner war. Die ersten Gebildeten aus dem hohen Altertum sind bei den Griechen Dichter; und Homer und Hesiod lebten vor Roms Erbauung, Archilochos unter der Regierung des Romulus. Wir dagegen erhielten spĂ€ter erst die Dichtkunst. Denn beinahe 510 Jahre nach Roms Erbauung gab Livius (Andronicus) das erste Schauspiel, unter dem Konsulat des Gaius Claudius, des Sohnes von Caecus, und des Marcus Tuditanus, ein Jahr bevor Ennius geboren wurde. SpĂ€t also wurden unseren Leuten Dichter bekannt und von ihnen aufgenommen. Zwar steht in Catos AltertĂŒmern, beim Mal hĂ€tten die GĂ€ste zur Flöte die Tugenden berĂŒhmter MĂ€nner besuchen; dass jedoch die Dichter und ihre Kunst nicht in Ehren standen, beweist die Rede des Cato, in der er dem Marcus Nobilor als Schimpf verwarf, dass er Dichter in die Provinz mit sich genommen habe. Mit sich genommen hatte er nĂ€mlich als Konsul nach Aetolien, wie wir wissen, den Ennius. Je weniger nun die Dichter in Achtung standen, desto geringer war der Eifer fĂŒr die Kunst selbst. Dennoch kann man nicht sagen, dass die einzelnen großen MĂ€nner, die sich etwa damit abgaben, dem Ruhm der Griechen nicht genug entsprochen hĂ€tten. II.SpĂ€t also wurden unsere Dichter bekannt und von ihnen aufgenommen. Zwar steht in Catoss AltertĂŒmern, beim Mal hĂ€tten die GĂ€ste zur Flöte die Tugenden berĂŒhmter MĂ€nner besuchen; dass jedoch die Dichter und ihre Kunst nicht in Ehren standen, beweist die Rede des Cato, in der er dem Marcus Nobilor als Schimpf verwarf, dass er Dichter in die Provinz mit sich genommen habe. Mit sich genommen hatte er nĂ€mlich als Konsul nach Aetolien, wie wir wissen, den Ennius. Je weniger nun die Dichter in Achtung standen, desto geringer war der Eifer fĂŒr die Kunst selbst. Dennoch kann man nicht sagen, dass die einzelnen großen MĂ€nner, die sich etwa damit abgaben, dem Ruhm der Griechen nicht genug entsprochen hĂ€tten.
(1,4) an censemus, si Fabio, nobilissimo homini, laudi datum esset, quod pingeret, non multos etiam apud nos futuros Polyclitos et Parrhasios fuisse? honos alit artes, omnesque incenduntur ad studia gloria, iacentque ea semper, quae apud quosque improbantur. summam eruditionem  Graeci sitam censebant in nervorum vocumque cantibus; igitur et Epaminondas, princeps meo iudicio Graeciae, fidibus praeclare cecinisse dicitur, Themistoclesque aliquot ante annos cum in epulis recusaret lyram, est habitus indoctior. ergo in Graecia musici floruerunt, discebantque id omnes, nec qui nesciebat satis excultus doctrina putabatur. (1,5) in summo apud illos honore geometria fuit, itaque nihil mathematicis inlustrius; at nos metiendi ratiocinandique utilitate huius artis terminavimus modum.  Oder glauben wir, wenn dem Fabius, einem Mann von höchstem Adel, das Malen zum Lob angerechnet worden wĂ€re, es hĂ€tte nicht auch bei uns viele Leute wie Polykletus und Parrhasius gegeben? Ehre fördert die KĂŒnste, und Ruhm entflammt zu den Studien; und nieder liegt immer, wo es auch sei, was Missbilligung findet. Zur höchsten Bildung rechneten die Griechen Saitenspiel und Gesang; darum soll auch Epameinondas, nach meinem Urteil der erste Mann von Griechenland, zur Laute trefflich gesungen haben; und einige Jahre zuvor wurde Themistokles, da er bei einem Gastmahl die Leier ausschlug, fĂŒr etwas ungebildet gehalten. Also blĂŒhten in Griechenland die Musiker, alle lernten Musik, und wer sie nicht verstand, dem fehlte nach der öffentlichen Meinung etwas an gehöriger Ausbildung. In höchster Ehre stand bei ihnen die Geometrie; darum nichts verherrlichter als die Mathematiker. Wir dagegen haben diese Kunst soweit begrenzt und beschrĂ€nkt, als sie zum Messen und Rechnen nĂŒtzlich ist.
At contra oratorem celeriter complexi sumus, nec eum primo eruditum, aptum tamen ad dicendum, post autem eruditum. nam Galbam Africanum Laelium doctos fuisse traditum est, studiosum autem eum, qui is aetate anteibat, Catonem, post vero Lepidum, Carbonem, Gracchos, inde ita magnos nostram ad aetatem, ut non multum aut nihil omnino Graecis cederetur. Philosophia iacuit usque ad hanc aetatem nec ullum habuit lumen litterarum Latinarum; quae inlustranda et excitanda nobis est, ut, si occupati profuimus aliquid civibus nostris, prosimus etiam, si possumus, otiosi. Aber den Redner haben wir uns schnell angeeignet. Zwar verlangten wir von ihm zuerst keine weitere Bildung, jedoch so viel, dass er der Sache angemessen spreche; dann kam aber auch die Bildung hinzu. Denn Galba, Africanus, Laelius waren, der Überlieferung zufolge, durch Kunst gebildete Redner. Cato aber, der Ă€lter war als sie, hatte sich doch mit der Theorie beschĂ€ftigt. Hierauf schlossen sich Lepidus, Carbo, die Gracchen an; und von jetzt bis auf unserer Zeit so große MĂ€nner, dass wir wenig oder gar nicht den Griechen nachstanden. Die Philosophie lag bis auf die Gegenwart darnieder und fand keinen, der in ihr ein Licht in der lateinischen Literatur anzĂŒndete. Diese nun aufzuklĂ€ren und zu erwecken, dazu fĂŒhle ich mich berufen, damit, wenn meine öffentliche Wirksamkeit meinen MitbĂŒrgern etwas nĂŒtzte, auch meine Muße, vermag ich es anders, Nutzen gewĂ€hre.
(1,6) in quo eo magis nobis est elaborandum, quod multi iam esse libri Latini dicuntur scripti inconsiderate ab optimis illis quidem viris, sed non satis eruditis. fieri autem potest, ut recte quis sentiat et id, quod sentit, polite eloqui non possit; sed mandare quemquam litteris cogitationes suas, qui eas nec disponere nec inlustrare possit nec delectatione aliqua allicere lectorem, hominis est intemperanter abutentis et otio et litteris. itaque suos libros ipsi legunt cum suis, nec quisquam attingit praeter eos, qui eandem licentiam scribendi sibi permitti volunt. quare si aliquid oratoriae laudis nostra attulimus industria, multo studiosius philosophiae fontis aperiemus, e quibus etiam illa manabant. Hierbei muss ich um sie so mehr Sorgfalt anwenden, weil ich höre, dass schon manche lateinische Schriften vorhanden sind, die mit Unbedacht verfasst wurden, von zwar wohlmeinenden, aber nicht genug gebildeten MĂ€nnern Kann ja doch der Fall sein, dass einer richtig denkt, ohne deswegen im Stande zu sein, was er denkt, geschmackvoll auszudrĂŒcken. Übrigens, seine Gedanken in BĂŒchern niederzulegen, ohne die Gabe eines geordneten, deutlichen und durch Reiz den Leser anziehenden Vortrages, heißt Zeit und Schreibkunst ohne Maß missbrauchen. Drum lesen solche Menschen ihre BĂŒcher auch nur selbst mit ihren AnhĂ€ngern, und niemand nimmt sie zur Hand außer denjenigen, die dieselbe Freiheit zu schreiben sich gestattet wissen wollen. Daher will ich, wenn ich etwas zum Rednerruhm durch meine TĂ€tigkeit beigetragen habe, nun noch viel sorgfĂ€ltiger die Quellen der Philosophie öffnen, woraus auch jenes geflossen ist.

Aufgabenvorschläge:

  1.  Auf welche biographischen Gegebenheiten bezieht sich Cicero mit dem Eingangssatz "Cum defensionum laboribus senatoriisque muneribus aut omnino aut magna ex parte essem aliquando liberatus"?
  2. Wie bewertet Cicero allgemein die Kulturrezeption der Griechen durch die Römer (Ende 1,1)?
  3. Fassen Sie die Gebiete (aus 1,2) zusammen, in denen Cicero eine Überlegenheit der Römer gegenüber den Griechen beansprucht!
  4. Wie bewertet Cicero unter dem geflügelten Wort "honos alit artes" die Entwicklung von Literatur, Musik, Beredsamkeit bei den Römern im Vergleich zuden Griechen?
  5. Worin sieht Cicero (1,6) seine persönliche Leistung und Aufgabe im Rahmen der kulturellen Entwicklung Roms. 
Sententiae excerptae:
w35
Literatur:

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