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Marcus Tullius Cicero

Laelius de amicitia-
Laelius über die Freundschaft

Übersetzung nach W.M.Pahl

 

 
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anmerk.
M. TULLI CICERONIS
Laelius de amicitia
M. TULLIUS CICEROS
Laelius über die Freundschaft
I. 1-5 Prooemium
Ciceros Motivation zur Abfassung der Schrift. Widmung an Atticus
Q. Mucius augur multa narrare de C. Laelio socero suo memoriter et iucunde solebat nec dubitare illum in omni sermone appellare sapientem;Der Augur Quintus Mucius (Scaevola) pflegte manche unterhaltende Anekdote über seinen Schwiegervater (Laelius) aus dem Schatz seines Gedächtnisses mitzuteilen, und trug, sooft die Rede auf ihn kam, kein Bedenken, ihn den Weisen zu nennen.
ego autem a patre ita eram deductus ad Scaevolam sumpta virili toga, ut, quoad possem et liceret, a senis latere numquam discederem;Auch mich hatte mein Vater, gleich nachdem ich die Mannestoga angelegt hatte, bei Scaevola mit der Bestimmung eingeführt, solange ich könne und dürfe, nie von der Seite dieses Greises zu weichen.
itaque multa ab eo prudenter disputata, multa etiam breviter et commode dicta memoriae mandabam fierique studebam eius prudentia doctior.Und so prägte ich mir manche seiner gründlichen Belehrungen, manchen kurzen und treffend hingeworfenen Gedanken ins Gedächtnis, während ich stets bemüht war, durch seine praktischen Einsichten meine Kenntnisse zu erweitern.
Quo mortuo me ad pontificem Scaevolam contuli, quem unum nostrae civitatis et ingenio et iustitia praestantissimum audeo dicere. Sed de hoc alias; nunc redeo ad augurem.Nach seinem Tod schloss ich mich dem Oberpriester Scaevola an, den ich für den geistreichsten und rechtlichsten Mann im Staat zu erklären wage. Doch davon ein andermal. Ich komme auf den Augur zurück.
anmerk.
Cum saepe multa, tum memini domi in hemicyclio sedentem, ut solebat, cum et ego essem una et pauci admodum familiares, in eum sermonem illum incidere, qui tum forte multis erat in ore.Unter manch anderem erinnere ich mich, wie er in meinem Beisein und dem weniger vertrauter Freunde nach seiner Gewohnheit auf dem halbkreisförmigen Stuhl saß und von ungefähr auf den Gegenstand zu reden kam, der damals der allgemeine Stoff der Unterhaltung war.
Meministi enim profecto, Attice, et eo magis, quod P. Sulpicio utebare multum, cum is tribunus plebis capitali odio a Q. Pompeio, qui tum erat consul, dissideret, quocum coniunctissime et amantissime vixerat, quanta esset hominum vel admiratio vel querella.Du erinnerst dich doch gewiss, mein Atticus – und zwar umso eher, da du mit Publius Sulpicius zu der Zeit viel Umgang pflegtest, als ihn während seines Tribunats ein tödlicher Hass mit dem damaligen Konsul Quintus Pompeius entzweit hatte, mit dem er früher in der innigsten und zärtlichsten Freundschaft lebte – du erinnerst dich wohl noch, wie sehr damals die Leute teils in Bewunderung teils in Klagen ausbrachen.
 
Itaque tum Scaevola cum in eam ipsam mentionem incidisset, exposuit nobis sermonem Laeli de amicitia habitum ab illo secum et cum altero genero, C. Fannio, Marci filio, paucis diebus post mortem Africani.Damals nun erzählte uns Scaevola, als er auf diesen Gegenstand zu sprechen kam, mit Ausführlichkeit ein Gespräch des Laelius über die Freundschaft, das dieser mit ihm und seinem zweiten Schwiegersohn, Gaius Fannius, dem Sohn des Marcus, wenige Tage nach dem Tod des Africanus geführt hatte.
Eius disputationis sententias memoriae mandavi, quas hoc libro exposui arbitratu meo;Die Hauptgedanken dieses Gesprächs habe ich mir ins Gedächtnis geschrieben und trage sie in dieser Schrift nach eigenem Ermessen vor.
quasi enim ipsos induxi loquentes, ne 'inquam' et 'inquit' saepius interponeretur, atque ut tamquam a praesentibus coram haberi sermo videretur.Ich führe die Personen selbst redend ein, um teils das öftere "Sag ich," "Sagt er" zu vermeiden, teils dem Vortrag die Form zu geben, als ob er in unserer Gegenwart gehalten würde.
 
Cum enim saepe mecum ageres, ut de amicitia scriberem aliquid, digna mihi res cum omnium cognitione tum nostra familiaritate visa est.Du warst ja öfter an mir, ich solle über die Freundschaft etwas schreiben. Darum schien mir der Gegenstand allgemeines Interesse zu haben und die Schrift ein würdiges Denkmal unserer Freundschaft werden zu können.
Itaque feci non invitus, ut prodessem multis rogatu tuo.Nicht mit Unlust habe ich mich dieser Arbeit unterzogen, um mich – du batest mich ja darum – auch in einem größeren Kreis nützlich zu machen.
Sed ut in Catone Maiore, qui est scriptus ad te de senectute, Catonem induxi senem disputantem, quia nulla videbatur aptior persona, quae de illa aetate loqueretur quam eius, qui et diutissime senex fuisset et in ipsa senectute praeter ceteros floruisset;Schon in meiner Schrift: "Cato der Ältere oder über das Greisenalter" führte ich Cato als redenden Greis ein, weil ich keine Person nach Charakter und Stand für tauglicher hielt, von dieser Altersperiode zu reden, als eben ihn, der sehr lange Greis gewesen war und sich als solcher vor anderen ausgezeichnet hatte.
sic, cum accepissemus a patribus maxime memorabilem C. Laeli et P. Scipionis familiaritatem fuisse, idonea mihi Laeli persona visa est, quae de amicitia ea ipsa dissereret, quae disputata ab eo meminisset Scaevola.Ebenso schien mir auch hier, weil uns unsere Väter überliefert haben, die Freundschaft zwischen Gaius Laelius und Publius Scipio sei überaus denkwürdig gewesen, Laelius ganz dazu geeignet, über die Freundschaft eine Erörterung vorzutragen, wie sie nach Scaevolas Erinnerung stattgefunden hat.
Genus autem hoc sermonum positum in hominum veterum auctoritate, et eorum inlustrium, plus nescio quo pacto videtur habere gravitatis;Gespräche dieser Art, die sich auf das Zeugnis alter und noch dazu hoch angesehener Männer stützen, scheinen mir – ich kann mir den Grund nicht erklären – mehr Nachdruck und Gewicht zu haben.
itaque ipse mea legens sic afficior interdum, ut Catonem, non me loqui existimem.Daher kommt es, dass ich bei der Lektüre meiner eigenen Arbeit zuweilen den Eindruck habe, dass ich Cato reden höre und nicht mich selbst.
 
Sed ut tum ad senem senex de senectute, sic hoc libro ad amicum amicissimus scripsi de amicitia.Aber wie ich damals als Greis an einen Greis über das Greisenalter schrieb, so schreibe ich hier als vertrauter Freund an den Freund über die Freundschaft.
Tum est Cato locutus, quo erat nemo fere senior temporibus illis, nemo prudentior; nunc Laelius et sapiens (sic enim est habitus) et amicitiae gloria excellens de amicitia loquetur.Damals redete Cato, in jenen Zeiten wohl der älteste und verständigste Mann. Hier wird Laelius, der weise (denn dafür galt er) und durch seine Freundschaft ausgezeichnete Mann über die Freundschaft reden.
Tu velim a me animum parumper avertas, Laelium loqui ipsum putes.Lenke jetzt deine Aufmerksamkeit auf einige Zeit von mir ab und stelle dir vor, Laelius selbst sei es, der rede;
C. Fannius et Q. Mucius ad socerum veniunt post mortem Africani; ab his sermo oritur;Gaius Fannius und Quintus Mucius kommen nach dem Tod des Africanus zu ihrem Schwiegervater. Sie eröffnen die Unterredung;
respondet Laelius, cuius tota disputatio est de amicitia, quam legens te ipse cognosces.Laelius antwortet; der ganze Vortrag über die Freundschaft ist ihm in den Mund gelegt. Lies ihn und du wirst dich in ihm selbst wiedererkennen.
 
II. 6-100: Tractatio (Durchführung)
6-16: Einleitungsgespräch, Hinführung zum Thema.
Fannius: Sunt ista, Laeli; nec enim melior vir fuit Africano quisquam nec clarior.Fannius: Das ist freilich sehr wahr, mein Laelius. Africanus war der edelste, der berühmteste Mann, der je lebte.
Sed existimare debes omnium oculos in te esse coniectos unum; te sapientem et appellant et existimant.Allein du solltest bedenken, dass jetzt aller Blicke auf dich allein gerichtet sind. Dich allein nennt man den Weisen; und du giltst auch dafür.
Tribuebatur hoc modo M. Catoni; scimus L. Acilium apud patres nostros appellatum esse sapientem;Die Ehre dieser Benennung erwies man auch vor kurzem dem Marcus Cato; und soviel wir wissen, hatte zu den Zeiten unserer Väter Lucius Acilius denselben Beinamen.
sed uterque alio quodam modo, Acilius, quia prudens esse in iure civili putabatur, Cato, quia multarum rerum usum habebat;ber bei diesen beiden lag der Grund der Benennung in einer verschiedenen Beziehung. Acilius hieß der Weise, weil man ihm eine ausgezeichnete Kenntnis des bürgerlichen Rechts zuschrieb; Cato, weil er vielseitige Erfahrungen besaß;
multa eius et in senatu et in foro vel provisa prudenter vel acta constanter vel responsa acute ferebantur;man erzählte sich von seiner Wirksamkeit im Senat und auf dem Forum (vor dem Volk) manchen klugen Rat, manche mit Festigkeit ausgeführte Handlung, manchen scharfsinnigen Bescheid.
propterea quasi cognomen iam habebat in senectute sapientis.Deswegen hatte er noch bei Lebzeiten, als Greis nämlich, den Zunamen der Weise.
 
Te autem alio quodam modo non solum natura et moribus, verum etiam studio et doctrina esse sapientem, nec sicut vulgus, sed ut eruditi solent appellare sapientem, qualem in reliqua Graecia neminem (nam qui septem appellantur, eos, qui ista subtilius quaerunt, in numero sapientium non habent), Athenis unum accepimus, et eum quidem etiam Apollinis oraculo sapientissimum iudicatum;Dich aber nennt man aus anderen Rücksichten so. Du verdankt es nicht bloß deiner praktisch ausgebildeten Gemütsart und Sittlichkeit, sondern auch deiner Vorliebe für die Wissenschaft und deiner Gelehrsamkeit, dass man dich nicht nach dem Begriff der Menge und des Gelehrten den Weisen nennt, wie uns vielleicht ganz Griechenland keinen aufstellt. Denn derjenige, der die Sache genauer nimmt, rechnet die so genannten Sieben nicht unter die Zahl der Weisen. Einen von Athen nennt die Geschichte, und zwar einen Mann, den selbst Apollons Spruch für den weisesten erklärte.
hanc esse in te sapientiam existimant, ut omnia tua in te posita esse ducas humanosque casus virtute inferiores putes.Eine solche Weisheit, wie sie Sokrates besaß, glauben die Leute in dir zu sehen, die dich dein ganzes Glück in dir selbst finden und alle Zufälle als deiner Tugend untergeordnet betrachten lässt.
Itaque ex me quaerunt, credo ex hoc item Scaevola, quonam pacto mortem Africani feras, eoque magis quod proximis Nonis, cum in hortos D. Bruti auguris commentandi causa, ut adsolet, venissemus, tu non adfuisti, qui diligentissime semper illum diem et illud munus solitus esses obire.Man fragt daher mich, und ich glaube, auch dich, Scaevola, mit welcher Fassung du den Tod des Africanus erträgst, und zwar umso mehr, weil in den letztverstrichenen Nonen, wo wir gewöhnlich der gelehrten Unterhaltung wegen in die Gärten des Augur Decius Brutus gekommen waren, du nicht zugegen warst. Und du hattest doch sonst ganz gewissenhaft jenen Tag und jenes Geschäft nie versäumt.
 
Scaevola: Quaerunt quidem, C. Laeli, multi, ut est a Fannio dictum, sed ego id respondeo, quod animum adverti, te dolorem, quem acceperis, cum summi viri tum amicissimi morte, ferre moderate nec potuisse non commoveri nec fuisse id humanitatis tuae;Scaevola: Freilich viele, mein Gaius Laelius, stellen diese Frage, wie von Fannius bemerkt wurde; aber ich gebe Ihnen zur Antwort, was mir meine eigene Beobachtung darbietet: den Schmerz, den du durch den Tod des großen Mannes und eines vielgeliebten Freundes erlitten hast, ertragest du mit gemäßigter Geistesruhe, wiewohl du durchaus nicht hättest ungerührt bleiben können, ohne dein menschliches Gefühl zu verleugnen.
quod autem Nonis in collegio nostro non adfuisses, valetudinem respondeo causam, non maestitiam fuisse.Der Grund aber, warum du an den letzten Monaten unserer Versammlung nicht bei gewohnt hast, liege nicht in deiner Betrübnis, sondern in einer Unpässlichkeit.
Laelius: Recte tu quidem, Scaevola, et vere; nec enim ab isto officio, quod semper usurpavi, cum valerem, abduci incommodo meo debui, nec ullo casu arbitror hoc constanti homini posse contingere, ut ulla intermissio fiat officii.Laelius: Recht! Scaevola, es ist wirklich so; denn von dieser Pflicht, die ich in gesunden Tagen stets erfüllte, durfte ich mich durch einen erlittenen Verlust nicht abhalten lassen; und ich glaube nicht, dass irgendein Unfall den Mann von fester Denkungsart in die Versuchung führen wird, sich irgend eine Unterlassung seiner Pflicht zu Schulden kommen zu lassen.
 
Tu autem, Fanni, quod mihi tantum tribui dicis, quantum ego nec adgnosco nec postulo, facis amice;Du aber, mein Fannius, der du mir so viel Ehre erweist, als ich mir weder zugestehen noch verlangen kann, handelst darin sehr gütig.
sed, ut mihi videris, non recte iudicas de Catone; aut enim nemo, quod quidem magis credo, aut si quisquam, ille sapiens fuit.Übrigens ist nach meiner Ansicht dein Urteil von Cato nicht richtig. Entweder gab es noch nie einen Weisen, was ich lieber glauben will, oder, wenn es je einen gab, so war es dieser Mann.
Quo modo, ut alia omittam, mortem filii tulit! memineram Paulum, videram Galum, sed hi in pueris, Cato in perfecto et spectato viro.Um anderes zu übergehen, wie standhaft ertrug er den Tod seines Sohnes! Ich erinnere mich an (Lucius Aemilius) Paulus; ich kannte (Gaius Sulpicius) Galus. Allein diese verloren ihre Söhne noch im Kindesalter; Cato verlor den seinigen schon als ausgebildeten und angesehenen Mann.
 
Quam ob rem cave Catoni anteponas ne istum quidem ipsum, quem Apollo, ut ais, sapientissimum iudicavit; huius enim facta, illius dicta laudantur.Dass du also ja niemandem, nicht einmal dem Mann, den deiner Äußerung zufolge Apollon für den Weisesten erklärt hat, den Vorzug vor Cato einräumst! Denn von Cato rühmt man die Taten, von letzterem nur die Reden;
De me autem, ut iam cum utroque vestrum loquar, sic habetote:was aber meine Person anbelangt, so vernehmt – dies sei euch beiden gesagt – folgendes:
Ego si Scipionis desiderio me moveri negem, quam id recte faciam, viderint sapientes; sed certe mentiar.Wollte ich die Sehnsucht nach Scipio leugnen, von der mein Herz gerührt wird, so möchten etwa die Philosophen untersuchen, ob ich recht daran täte; eine Unwahrheit wäre es jedenfalls.
Moveor enim tali amico orbatus qualis, ut arbitror, nemo umquam erit, ut confirmare possum, nemo certe fuit;Mich rührt der Verlust eines solchen Freundes, desgleichen, nach meinem Dafürhalten, die Welt nie einen sehen wird, wenigstens – ich kann die Versicherung geben – nie einen gesehen hat.
sed non egeo medicina, me ipse consolor et maxime illo solacio, quod eo errore careo, quo amicorum decessu plerique angi solent.Dessen ungeachtet bedarf mein Herz keines Heilmittels der Beruhigung; ich tröste mich selbst, besonders mit dem Grund, dass ich von der Täuschung frei bin, die so viele bei dem Hingang ihrer Freunde zu beängstigen pflegt.
Nihil mali accidisse Scipioni puto, mihi accidit, si quid accidit; suis autem incommodis graviter angi non amicum sed se ipsum amantis est.Ich glaube nicht, dass dem Scipio etwas Schlimmes widerfahren ist; mich hat das Unglück getroffen, wenn es je einen getroffen hat. Wer sich aber über den eigenen Verlust schmerzlich grämt, der verrät nicht Freundes- sondern Selbstliebe.
 
Cum illo vero quis neget actum esse praeclare? Nisi enim, quod ille minime putabat, immortalitatem optare vellet, quid non adeptus est quod homini fas esset optare?Wer möchte es aber in Abrede stellen, dass jenen Mann das beste Los getroffen hat? Wenn er anders nicht, was er wohl am wenigsten erwartete, ewige Fortdauer auf Erden für wünschenswert hielt, hat er dann nicht alles erreicht, was er als Mensch zu wünschen befugt war?
qui summam spem civium, quam de eo iam puero habuerant, continuo adulescens incredibili virtute superavit,Er, der die größten Erwartungen seiner Mitbürger, die sie schon von ihm als Knaben gehegt hatten, im Laufe seiner Jünglingsjahre fortwährend durch die ungemeine Kraft seines Willens übertraf;
qui consulatum petivit numquam, factus consul est bis, primum ante tempus, iterum sibi suo tempore, rei publicae paene sero,er, der ohne das Konsulat zu suchen, zweimal Konsul wurde, das erste Mal vor der gesetzlichen Frist, das zweite Mal zur rechten Zeit, für seine Person zwar nicht zu früh, für den Staat fast zu spät;
qui duabus urbibus eversis inimicissimis huic imperio non modo praesentia verum etiam futura bella delevit.er, der durch Zerstörung zweier Städte, die Todfeinde des römischen Reiches waren, den Krieg nicht nur für die Gegenwart, sondern auch für die Zukunft im Keim erstickt hat.
Quid dicam de moribus facillimis, de pietate in matrem, liberalitate in sorores, bonitate in suos, iustitia in omnes? nota sunt vobis.Was soll ich von seinem gefälligen Charakter sagen? Was von seiner zärtlichen Liebe gegen seine Mutter? Was von seiner Freigebigkeit gegen seine Schwestern? Wie gütig er sich gegen die Seinen bewies? Wie gerecht gegen alle Menschen? – Euch sind dies bekannte Dinge.
Quam autem civitati carus fuerit, maerore funeris indicatum est.Wie teuer er aber dem Staat war, dies hat die allgemeine Trauer bei seinem Leichenbegängnis bekundet.
Quid igitur hunc paucorum annorum accessio iuvare potuisset? Senectus enim, quamvis non sit gravis, ut memini Catonem anno ante quam est mortuus mecum et cum Scipione disserere, tamen aufert eam viriditatem, in qua etiam nunc erat Scipio.Was hätte ihm also ein Zuwachs von wenigen Jahren helfen können? Denn wenn das Alter auch noch so wenig beschwerlich ist, wie ich zum Beispiel aus der Unterredung Catos weiß, die er, ich erinnere mich wohl, ein Jahr vor seinem Tod mit mir und Scipio hatte, so benimmt es uns doch die frische Lebenskraft, die damals dem Scipio noch innewohnte.
 
Quam ob rem vita quidem talis fuit vel fortuna vel gloria, ut nihil posset accedere, moriendi autem sensum celeritas abstulit;Dies aber machte sein Leben so reich, teils an Glück, teils an Ruhm, dass es in dieser Beziehung keines Zuwachses mehr fähig war. Die Empfindung des Sterbens wurde im durch die Schnelligkeit seines Todes genommen.
quo de genere mortis difficile dictu est; quid homines suspicentur, videtis;Über diese Art des Todes ist es schwer zu urteilen. Was man im allgemeinen vermutet, das wisst ihr.
hoc vere tamen licet dicere, P. Scipioni ex multis diebus, quos in vita celeberrimos laetissimosque viderit, illum diem clarissimum fuisse, cum senatu dimisso domum reductus ad vesperum est a patribus conscriptis, populo Romano, sociis et Latinis,Doch das dürfen wir in Wahrheit behaupten: so viele und so herrliche Tage er auch erlebt hatte, so war doch jener Abend, unmittelbar vor seinem Tod, der glänzendste, als er nach Entlassung des Senats von den Vätern des Gesamtrates, dem Römischen Volk, den Bundesgenossen und den Latinern nach Hause begleitet wurde.
pridie quam excessit e vita, ut ex tam alto dignitatis gradu ad superos videatur deos potius quam ad inferos pervenisse.Es war der Abend vor seinem Abscheiden aus diesem Leben; und es scheint, als sei er von dieser erhabenen Ehrenstufe nicht sowohl zu den Göttern der Unterwelt, als vielmehr zu den Göttern der Oberwelt gelangt.
 
Neque enim assentio iis, qui haec nuper disserere coeperunt cum corporibus simul animos interire atque omnia morte deleri;Ich stimme nämlich denjenigen nicht zu, die in neueren Zeiten beweisen wollten, mit dem Körper sterbe zugleich auch die Seele, und nach dem Tod sei alles aus.
plus apud me antiquorum auctoritas valet, vel nostrorum maiorum, qui mortuis tam religiosa iura tribuerunt, quod non fecissent profecto, si nihil ad eos pertinere arbitrarentur,Mehr Gewicht haben bei mir die Alten, und zwar teils unsere Vorfahren, die den Verstorbenen so geheiligte Rechte einräumten, was sie gewiss unterlassen hätten, wenn sie der Meinung gewesen wären, dass auf sie nichts mehr Einfluss habe;
vel eorum, qui in hac terra fuerunt magnamque Graeciam, quae nunc quidem deleta est, tum florebat, institutis et praeceptis suis erudierunt,teils jene Philosophen, die in unserem Land lebten und Groß-Griechenland – was freilich nicht mehr als solches existiert, aber damals in seiner Blüte stand – durch ihre Grundsätze und Vorschriften zu bilden suchten;
vel eius, qui Apollinis oraculo sapientissimus est iudicatus, qui non tum hoc, tum illud, ut in plerisque, sed idem semper, animos hominum esse divinos, iisque, cum ex corpore excessissent, reditum in caelum patere, optimoque et iustissimo cuique expeditissimum.teils jener Mann, den Apollons Spruch für den weisesten erklärt hat, der nicht, wie die meisten, bald diese, bald jene Auffassung vertrat, sondern stets dieselbe: die Seele des Menschen sei göttlich und es stehe ihr nach ihrer Trennung vom Körper die Rückkehr in den Himmel offen, und der Weg dahin sei für alle Rechtschaffenen und Guten am wenigsten beschwerlich.
 
Quod idem Scipioni videbatur, qui quidem, quasi praesagiret, perpaucis ante mortem diebus, cum et Philus et Manilius adesset et alii plures, tuque etiam, Scaevola, mecum venisses, triduum disseruit de re publica;Dieselbe Ansicht hatte auch Scipio, der uns ahnungsvoll sehr wenige Tage vor seinem Tod in Gegenwart des Philus und Manilius und mehrerer anderer Personen – auch du, Scaevola, warst mit mir gekommen – in einer dreitägigen Unterhaltung seine Gedanken über den Staat mitteilte;
cuius disputationis fuit extremum fere de immortalitate animorum, quae se in quiete per visum ex Africano audisse dicebat.der Schluss dieser Unterredung handelte von der Unsterblichkeit der Seele – dies, versicherte er, habe er nachts in einem Traumgesicht von Scipio Africanus, dem Älteren, gehört.
Id si ita est, ut optimi cuiusque animus in morte facillime evolet tamquam e custodia vinclisque corporis, cui censemus cursum ad deos faciliorem fuisse quam Scipioni?Ist es nun wirklich wahr, dass die Seele der Besten sich im Tod am leichtesten aus dem Kerker und aus den Banden des Körpers emporschwingt, wem mag wohl dieser Aufschwung zu den Göttern leichter gewesen sein als Scipio?
Quocirca maerere hoc eius eventu vereor, ne invidi magis quam amici sit.Darum befürchte ich, über dieses sein Schicksal zu trauern möchte mehr Neid als Freundschaft verraten.
Sin autem illa veriora, ut idem interitus sit animorum et corporum nec ullus sensus maneat, ut nihil boni est in morte, sic certe nihil mali;Wenn aber die andere Meinung der Wahrheit näher kommt, nach der Leib und Seele vergehen, ohne dass ein Bewusstsein bleibt, so liegt im Tod zwar nichts Gutes, aber doch auch nichts Schlimmes.
sensu enim amisso fit idem, quasi natus non esset omnino, quem tamen esse natum et nos gaudemus et haec civitas, dum erit, laetabitur.Denn erlöscht alles Bewusstsein, so ist es für Scipio dasselbe, als wenn er gar nicht gelebt hätte; gleichwohl freuen wir uns über seine Geburt und auch der Staat, solange er besteht.
 
Quam ob rem cum illo quidem, ut supra dixi, actum optime est, mecum incommodius, quem fuerat aequius, ut prius introieram, sic prius exire de vita.Deshalb ist es ihm, wie gesagt, ganz wohl ergangen; mir ging es nicht so gut, und es wäre billiger gewesen, dass ich, der ich früher ins Leben trat, dieses auch früher verlassen hätte.
Sed tamen recordatione nostrae amicitiae sic fruor, ut beate vixisse videar, quia cum Scipione vixerim, quocum mihi coniuncta cura de publica re et de privata fuit, quocum et domus fuit et militia communis et, id, in quo est omnis vis amicitiae, voluntatum, studiorum, sententiarum summa consensio.Dennoch aber gewährt mir die Erinnerung an unsere Freundschaft einen solchen Genuss, dass ich mein Leben für glücklich halte, weil es mich mit Scipio zusammengeführt hat; mit ihm teilte ich Staats- und Privatsorgen, mit ihm hatte ich Heimat und Kriegsdienst gemeinsam, und – worin insgesamt das Wesen der Freundschaft besteht – die vollkommenste Eintracht der Wünsche, Neigungen und Grundsätze.
Itaque non tam ista me sapientiae, quam modo Fannius commemoravit, fama delectat, falsa praesertim, quam quod amicitiae nostrae memoriam spero sempiternam fore,Darum macht mir nicht so sehr jener Ruf der Weisheit Freude, den kurz zuvor Fannius erwähnt hat, zumal er unbegründet ist, als vielmehr die Hoffnung, dass das Andenken an unsere Freundschaft ewig dauern werde;
idque eo mihi magis est cordi, quod ex omnibus saeculis vix tria aut quattuor nominantur paria amicorum;und dies liegt mir umso mehr am Herzen, weil im Laufe aller Jahrhunderte kaum drei oder vier Paare wahrer Freunde aufgeführt werden.
quo in genere sperare videor Scipionis et Laeli amicitiam notam posteritati fore.Dazu zähle ich auch die Freundschaft des Scipio und Laelius, in der Hoffnung, sie werde zur Kenntnis der Nachwelt gelangen.
 
Fannius: Istuc quidem, Laeli, ita necesse est. Sed quoniam amicitiae mentionem fecisti et sumus otiosi, pergratum mihi feceris, spero item Scaevolae, si quem ad modum soles de ceteris rebus, cum ex te quaeruntur, sic de amicitia disputaris, quid sentias, qualem existimes, quae praecepta des.Fannius: Freilich, mein Laelius, das muss geschehen. Allein, da du die Rede auf die Freundschaft gebracht hast, und wir jetzt Muße haben, so würdest du mir und hoffentlich auch Scaevola einen großen Gefallen erweisen, wenn du, wie über die übrigen Themen, zu denen man dich befragt, so über die Freundschaft uns deine Ansicht entwickeltest, ihren Begriff aufstelltest, und uns Vorschriften über sie geben wolltest.
Scaevola: Mihi vero erit gratum; atque id ipsum cum tecum agere conarer, Fannius antevertit. Quam ob rem utrique nostrum gratum admodum feceris.Scaevola: Das wird mir allerdings angenehm sein; Fannius ist mir, als ich dich eben darum ersuchen wollte, nur zuvor gekommen. – Uns beiden wirst du mithin einen ganz großen Gefallen erweisen.
 
17-104: Vortrag des Laelius zum Thema
I.) 17-25: Quid sentias
Laelius: Ego vero non gravarer, si mihi ipse confiderem; nam et praeclara res est et sumus, ut dixit Fannius, otiosi.Laelius: Ich hätte wirklich nichts dagegen, wenn ich mir selbst so viel zutrauen dürfte. Denn der Gegenstand ist ganz herrlich, und wir haben, wie Fannius bemerkt, wohl Zeit dazu.
Sed quis ego sum? aut quae est in me facultas? doctorum est ista consuetudo, eaque Graecorum, ut iis ponatur, de quo disputent quamvis subito; magnum opus est egetque exercitatione non parva.Aber wer bin ich denn? Oder was vermag ich schon? Philosophen, und zwar griechische, sind gewohnt, über jedes Thema, das man ihnen stellt, sogar aus dem Stegreif einen Vortrag zu halten. Eine schwere Kunst; sie bedarf keiner geringen Übung.
Quam ob rem, quae disputari de amicitia possunt, ab eis censeo petatis, qui ista profitentur;Holt euch darum, denke ich, die möglichen Belehrungen über die Freundschaft bei denen, die sich öffentlich zu dieser Kunst bekennen.
ego vos hortari tantum possum, ut amicitiam omnibus rebus humanis anteponatis;Ich meinerseits kann euch nur die Empfehlung geben, die Freundschaft allen anderen menschlichen Gütern vorzuziehen.
nihil est enim tam naturae aptum, tam conveniens ad res vel secundas vel adversas.Denn nichts (anderes) ist der Natur so angemessen, nichts unseren Bedürfnissen im Glück und Unglück so zutreffend wie die Freundschaft.
 
Sed hoc primum sentio, nisi in bonis amicitiam esse non posse; neque id ad vivum reseco, ut illi, qui haec subtilius disserunt, fortasse vere, sed ad communem utilitatem parum;Fürs erste aber bin ich der Meinung, dass Freundschaft nur unter tugendhaften Menschen möglich ist; doch ich lege dies nicht auf die Goldwaage, wie diejenigen (die Stoiker), die dergleichen allzu fein und scharf entwickeln, vielleicht wohl richtig, aber mit zu geringer Ausbeute für das Gemeinwohl.
negant enim quemquam esse virum bonum nisi sapientem.Sie behaupten nämlich, nur der weise Mann könne auch tugendhaft sein.
Sit ita sane; sed eam sapientiam interpretantur, quam adhuc mortalis nemo est consecutus;Sei dem auch wirklich so, sie bestimmen aber Weisheit so, wie sie noch kein Mensch erreicht hat.
nos autem ea, quae sunt in usu vitaque communi, non ea, quae finguntur aut optantur, spectare debemus.Wir dagegen halten uns an die gewöhnlichen Erfahrungen des wirklichen Lebens, nicht an Ideale oder fromme Wünsche.
Numquam ego dicam C. Fabricium, M'. Curium, Ti. Coruncanium, quos sapientes nostri maiores iudicabant, ad istorum normam fuisse sapientes.Nie könnte ich behaupten, dass Gaius Fabricius, Manius Curius, Titus Coruncanius, Männer, die unsere Vorfahren für weise erklärt haben, nach dem Maßstab jener Philosophen weise gewesen seien.
Quare sibi habeant sapientiae nomen et invidiosum et obscurum; concedant, ut viri boni fuerint.Lassen wir ihnen daher den beneidenswerten und ungewissen Ruhm der Weisheit; nur mögen sie zugeben, dass die genannten Männer tugendhaft waren.
Ne id quidem facient, negabunt id nisi sapienti posse concedi.Freilich selbst das werden sie nicht zugeben; sie werden behaupten, dieser Vorzug können nur dem Weisen zugestanden werden.
 
Agamus igitur pingui, ut aiunt, Minerva.Wir wollen also nach unserer schlichten und kunstlosen Denkweise verfahren.
Qui ita se gerunt, ita vivunt, ut eorum probetur fides, integritas, aequitas, liberalitas, nec sit in eis ulla cupiditas, libido, audacia, sintque magna constantia, ut ii fuerunt, modo quos nominavi, hos viros bonos, ut habiti sunt, sic etiam appellandos putemus, quia sequantur, quantum homines possunt, naturam optimam bene vivendi ducem.Wer sich so verhält, so lebt, dass seine Verlässlichkeit, Lauterkeit, Gerechtigkeit, seine edle Denkweise anerkannt wird, dass sich keine Begehrlichkeit, Lüsternheit, keine freche Anmaßung an ihm zeigt, dass er die große Charakterstärke besitzt, die den soeben genannten Männern eigen war, – solche Männer sollten wir, glaube ich, tugendhaft nennen, wofür sie von jeher galten, weil sie, soweit es für einen Menschen möglich ist, der Natur als bester Führerin zu einem guten Leben, folgen.
Sic enim mihi perspicere videor, ita natos esse nos, ut inter omnes esset societas quaedam, maior autem, ut quisque proxime accederet.Denn dazu – dies glaube ich erkannt zu haben – sind wir geboren, dass unter uns allen eine gesellschaftliche Verknüpfung bestehe, die umso enger werden sollte, je näher uns jemand steht.
Itaque cives potiores quam peregrini, propinqui quam alieni; cum his enim amicitiam natura ipsa peperit; sed ea non satis habet firmitatis.Darum gelten uns unsere Mitbürger mehr als Auswärtige, Verwandte mehr als Fremde; denn mit diesen hat die Natur schon durch die Geburt eine Freundschaft gestiftet; aber sie hat nicht genug Festigkeit.
Namque hoc praestat amicitia propinquitati, quod ex propinquitate benevolentia tolli potest, ex amicitia non potest;Denn darin besteht der Vorzug der Freundschaft vor der Verwandtschaft: In der Verwandtschaft kann das Wohlwollen verloren gehen, in der Freundschaft nicht.
sublata enim benevolentia amicitiae nomen tollitur, propinquitatis manet.Fällt das Wohlwollen weg, so hört der Name der Freundschaft auf, während der Name der Verwandtschaft bleibt.
 
Quanta autem vis amicitiae sit, ex hoc intellegi maxime potest, quod ex infinita societate generis humani, quam conciliavit ipsa natura, ita contracta res est et adducta in angustum, ut omnis caritas aut inter duos aut inter paucos iungeretur.Die hohe Bedeutung der Freundschaft ergibt sich aber vornehmlich daraus, dass aus der unendlich großen Gesellschaft des menschlichen Geschlechts überhaupt, welche die Natur selbst gestiftet hat, dieses Verhältnis sich so zusammenzieht und einengt, dass sich die Liebe im vollsten Sinn nur unter zwei oder wenigen Personen entwickelt.
Est enim amicitia nihil aliud nisi omnium divinarum humanarumque rerum cum benevolentia et caritate consensio;Die Freundschaft ist aber nichts anderes, als die vollkommenste Übereinstimmung in allen sowohl göttlichen als menschlichen Dingen, verbunden mit Wohlwollen und gegenseitiger Liebe.
qua quidem haud scio an excepta sapientia nihil melius homini sit a dis immortalibus datum.Sie ist wohl mit Ausnahme der Weisheit, das schönste Geschenk, das die unsterblichen Götter dem Menschen verliehen haben.
Divitias alii praeponunt, bonam alii valetudinem, alii potentiam, alii honores, multi etiam voluptates. Beluarum hoc quidem extremum, illa autem superiora caduca et incerta, posita non tam in consiliis nostris quam in fortunae temeritate.Der eine gibt dem Reichtum den Vorzug, ein anderer der Gesundheit, ein dritter der Macht im Staat, ein vierter Ehrenstellen, viele der Sinnenlust (Epikureer). Diese letztere ist Sache unvernünftiger Tiere jene vorigen Güter aber sind hinfällig und unzuverlässig und beruhen nicht so sehr auf unserem Willen als auf blindem Glück.
Qui autem in virtute summum bonum ponunt, praeclare illi quidem, sed haec ipsa virtus amicitiam et gignit et continet nec sine virtute amicitia esse ullo pacto potest.Diejenigen dagegen, die in der Tugend das höchste Gut finden (Stoiker, Akademiker und Peripatetiker), haben eine vortreffliche Ansicht; allein eben diese Tugend ist es, der die Freundschaft ihr Dasein und ihre Erhaltung verdankt; und ohne Tugend ist überhaupt die Freundschaft auf keine Weise denkbar.
 
Iam virtutem ex consuetudine vitae sermonisque nostri interpretemur nec eam, ut quidam docti, verborum magnificentia metiamur virosque bonos eos, qui habentur, numeremus, Paulos, Catones, Galos, Scipiones, Philos;Wir wollen uns die Tugend so denken, wie man sie nach dem gewöhnlichen Sprachgebrauch des gemeinen Lebens bestimmt, ohne sie nach der Art gewisser Philosophen (Stoiker) in einem überspannten Wortgepränge darzustellen; und wir wollen unter die tugendhaften Männer diejenigen zählen, die wirklich als solche gelten, Männer wie Paulus, Cato, Galus, Scipio und Philus.
his communis vita contenta est; eos autem omittamus, qui omnino nusquam reperiuntur.Diese genügen dem gewöhnlichen Leben. Diejenigen aber, die man doch nirgends findet, wollen wir unberücksichtigt lassen.
 
Talis igitur inter viros amicitia tantas opportunitates habet, quantas vix queo dicere.Unter solchen Männern also hat die Freundschaft unaussprechliche Vorteile.
Principio qui potest esse 'vita vitalis', ut ait Ennius, quae non in amici mutua benevolentia conquiescit?Wie kann zunächst, wie Ennius sagt, "ein Leben lebenswert" sein, wenn es nicht im gegenseitigem Wohlwollen eines Freundes ruht?
Quid dulcius, quam habere, quicum omnia audeas sic loqui, ut tecum?Was ist süßer, als jemanden zu haben, mit dem man so sprechen darf, wie mit sich selbst?
Qui esset tantus fructus in prosperis rebus, nisi haberes, qui illis aeque ac tu ipse gauderet?Was wäre für dich der volle Genuss im Glück, wenn du niemanden hättest, der sich mit dir darüber freuen könnte wie du selbst?
adversas vero ferre difficile esset sine eo, qui illas gravius etiam quam tu ferret.Schwer würde es dir werden, das Unglück zu ertragen, wenn du niemanden hättest, der es noch schmerzlicher fühlte als du selbst.
Denique ceterae res, quae expetuntur, opportunae sunt singulae rebus fere singulis, divitiae, ut utare, opes, ut colare, honores, ut laudere, voluptates, ut gaudeas, valetudo, ut dolore careas et muneribus fungare corporis;Endlich sind die übrigen Dinge, die man sich wünscht, nur immer zu einzelnen Zwecken dienlich; der Reichtum, um davon zu leben; die Macht, um Achtung zu erlangen; die Ehrenstellen, um gepriesen zu werden; sinnliche Vergnügungen, um sie freudig zu genießen; Gesundheit, um von Schmerz frei zu bleiben und die körperlichen Tätigkeiten verrichten zu können.
amicitia res plurimas continet; quoquo te verteris, praesto est, nullo loco excluditur, numquam intempestiva, numquam molesta est;Die Freundschaft dagegen vereinigt sehr viele Vorteile in sich: wohin du dich wendest, ist sie zugegen, kein Ort schließt sie aus; niemals kommt sie ungelegen, nie wird sie zur Last.
itaque non aqua, non igni, ut aiunt, locis pluribus utimur quam amicitia.Daher sind wir auf Feuer und Wasser, wie es im Sprichwort heißt, nicht öfter angewiesen, als auf die Freundschaft.
Neque ego nunc de vulgari aut de mediocri, quae tamen ipsa et delectat et prodest, sed de vera et perfecta loquor, qualis eorum, qui pauci nominantur, fuit.Ich rede übrigens nicht von gemeinen und mittleren Freundschaften, die jedoch auch ihre Freuden und Vorteile gewähren, sondern von der wahren und vollkommenen Freundschaft, wie sie nur unter den wenigen Personen, die die Geschichte aufzählt, stattgefunden hat.
Nam et secundas res splendidiores facit amicitia et adversas partiens communicansque leviores.Denn das Glück macht die Freundschaft glänzender und das Unglück durch Teilnahme und gemeinschaftliches Mitgefühl leichter.
 
Cumque plurimas et maximas commoditates amicitia contineat, tum illa nimirum praestat omnibus, quod bonam spem praelucet in posterum nec debilitari animos aut cadere patitur.Unter so vielen und so großen Vorteilen, die die Freundschaft in sich begreift, ist dies ihr größter Vorzug, dass sie hoffnungsvoll in die Zukunft sehen und unseren Mut weder schwach werden noch sinken lässt.
Verum enim amicum qui intuetur, tamquam exemplar aliquod intuetur sui.Denn im wahren Freund erblickt jeder das Abbild seines eigenen Ichs.
Quocirca et absentes adsunt et egentes abundant et imbecilli valent et, quod difficilius dictu est, mortui vivunt;Deswegen sind abwesende Freunde anwesend, haben dürftige Überfluss, sind schwache stark, und – was noch seltsamer klingt – verstorbene Freunde leben.
tantus eos honos, memoria, desiderium prosequitur amicorum.So groß ist die Ehre, das Andenken und die Sehnsucht der Freunde, die ihnen nachfolgt.
Ex quo illorum beata mors videtur, horum vita laudabilis.Aus diesem Grund erscheint deren Tod glückselig, preiswürdig aber dieser Leben.
Quod si exemeris ex rerum natura benevolentiae coniunctionem, nec domus ulla nec urbs stare poterit, ne agri quidem cultus permanebit.Wollte man das Band des Wohlwollens aus der Welt hinwegnehmen: kein Haus, keine Stadt wird mehr bestehen, nicht einmal der Ackerbau wird fortdauern.
Id si minus intellegitur, quanta vis amicitiae concordiaeque sit, ex dissensionibus atque ex discordiis percipi potest.Kann man aber nicht schon auf diesem Weg deutlich einsehen, wie groß der Einfluss der Freundschaft und Eintracht ist, so lässt sich dies aus der Uneinigkeit und aus der Zwietracht erkennen.
Quae enim domus tam stabilis, quae tam firma civitas est, quae non odiis et discidiis funditus possit everti? Ex quo, quantum boni sit in amicitia, iudicari potest.Welches Haus ist so beständig, welcher Staat so stark, dass er nicht durch Hass und Zwiespalt von Grund aus zerstört werden könnte? Daraus lässt sich der hohe Wert ermessen, der in der Freundschaft liegt.
 
Agrigentinum quidem doctum quendam virum carminibus Graecis vaticinatum ferunt, quae in rerum natura totoque mundo constarent quaeque moverentur, ea contrahere amicitiam, dissipare discordiam.Ein Philosoph aus Agrigent (Empedokles) soll in griechischen Versen gesungen haben, alles, was in der Natur und in der ganzen Welt feststehe und sich bewege, das werde durch Freundschaft verknüpft, durch Feindschaft zerstört.
Atque hoc quidem omnes mortales et intellegunt et re probant.Eine Wahrheit, die alle Sterblichen einsehen und in der Tat billigen.
Itaque si quando aliquod officium exstitit amici in periculis aut adeundis aut communicandis, quis est, qui id non maximis efferat laudibus?Sobald daher nur ein Beispiel eines Freundschaftsdienstes vorkommt, entweder die Ausführung eines gefährlichen Unternehmens oder die Teilnahme an einer Gefahr, wer preist diese Tat nicht mit den größten Lobsprüchen?
Qui clamores tota cavea nuper in hospitis et amici mei M. Pacuvi nova fabula, cum ignorante rege, uter Orestes esset, Pylades Orestem se esse diceret, ut pro illo necaretur, Orestes autem, ita ut erat, Orestem se esse perseveraret!Welches lautes Beifallsgeschrei erhob sich neulich auf allen Zuschauerbänken in dem neuen Schauspiel meines Gast- und Herzensfreundes, des Dichters Markus Pacuvius! Und zwar in der Szene, als der König nicht wusste, wer Orestes war, und Pylades sich für Orestes ausgab, um sich für diesen hinrichten zu lassen, Orestes aber der Wahrheit gemäß darauf beharrte, er sei Orestes!
Stantes plaudebant in re ficta; quid arbitramur in vera facturos fuisse?Alles stand auf und klatschte; und doch war es nur eine Dichtung; was wäre wohl bei einer wahren Geschichte geschehen?
Facile indicabat ipsa natura vim suam, cum homines, quod facere ipsi non possent, id recte fieri in altero iudicarent.Die Natur selbst zeigte da ungehemmt ihre Macht, als die Menschen etwas, was sie selbst zu tun nicht fähig wären, bei einem anderen richtig fanden.
Hactenus mihi videor de amicitia, quid sentirem, potuisse dicere; si quae praeterea sunt (credo autem esse multa), ab iis, si videbitur, qui ista disputant, quaeritote.Soweit, glaube ich, meine Gedanken über die Freundschaft euch mitteilen zu können. Was die übrigen Punkte anlangt, – es gibt wohl noch viele –, so möget ihr, wenn es euch beliebt, diejenigen befragen, die über solche Materien wissenschaftliche Vorträge halten.
 
Fannius: Nos autem a te potius; quamquam etiam ab istis saepe quaesivi et audivi non invitus equidem; sed aliud quoddam filum orationis tuae.Fannius: Wir möchten lieber dich befragen; wiewohl ich auch schon oft jene befragt und zu meiner Zufriedenheit Auskunft erhalten habe. Allein dein Vortrag ist anders gestaltet.
Scaevola: Tum magis id diceres, Fanni, si nuper in hortis Scipionis, cum est de re publica disputatum, adfuisses.Scaevola: Du würdest umso eher so sprechen, mein Fannius, wenn du neulich in den Gärten Scipios zugegen gewesen wärest, als man sich wissenschaftlich über den Staat unterhielt.
Qualis tum patronus iustitiae fuit contra accuratam orationem Phili!Welch ein Anwalt der Gerechtigkeit war Scipio dort gegen die feinen Begriffe des Philus.
Fannius: Facile id quidem fuit iustitiam iustissimo viro defendere.Fannius: Für den gerechtesten Mann war es freilich leicht, die Gerechtigkeit zu verteidigen.
Scaevola: Quid? amicitiam nonne facile ei, qui ob eam summa fide, constantia iustitiaque servatam maximam gloriam ceperit?Scaevola: Und für die Freundschaft zu sprechen? Sollte es ihm nicht leicht gewesen sein, der wegen der in ihr bewährten Treue, Festigkeit und Rechtlichkeit den größten Ruhm erlangt hat?
 
I.) 26-35: Qualem existumes
Laelius: Vim hoc quidem est adferre. Quid enim refert, qua me ratione cogatis? cogitis certe.Laelius: Das heißt, einem Gewalt antun. Denn was liegt daran, wie ihr mich zwingt? Ist doch gewiss, dass ihr mich zwingt.
Studiis enim generorum, praesertim in re bona, cum difficile est, tum ne aequum quidem obsistere.Denn einen Wunsch von Schwiegersöhnen, zumal wenn er etwas Gutes betrifft, nicht zu erfüllen, ist schwer und jedenfalls unbillig.
Saepissime igitur mihi de amicitia cogitanti maxime illud considerandum videri solet, utrum propter imbecillitatem atque inopiam desiderata sit amicitia, ut dandi, quod quisque minus per se ipse posset, id acciperet ab alio vicissimque redderet, an esset hoc quidem proprium amicitiae, sed antiquior et pulchrior et magis a natura ipsa profecta alia causa.Sehr oft denke ich über die Freundschaft nach; dabei scheint mir gewöhnlich der Punkt am meisten Betrachtung zu verdienen, ob das Verlangen nach Freundschaft aus dem Gefühl unserer Schwäche und Hilfsbedürftigkeit entstanden ist, um durch gegenseitige Hilfeleistungen das, was jeder für sich allein nicht vermag, von einem andern zu erhalten und ihm wieder zu erweisen, oder ob dies zwar eine besondere Eigentümlichkeit der Freundschaft ist, dennoch aber ein wichtigerer und schönerer Grund anderer Art in der Natur des Menschen selbst liegt.
Amor enim, ex quo amicitia nominata est, princeps est ad benevolentiam coniungendam.Denn die Liebe (amor), von der (bei den Römern) die Freundschaft (amicitia) ihren Namen hat, ist die Grundursache des gegenseitigen Wohlwollens.
Nam utilitates quidem etiam ab iis percipiuntur saepe, qui simulatione amicitiae coluntur et observantur temporis causa, in amicitia autem nihil fictum est, nihil simulatum et, quidquid est, id est verum et voluntarium.Vorteile genießt man auch von denen, die man nur unter der Maske der Freundschaft ehrt und um der Zeitumstände willen hochachtet. Die Freundschaft dagegen kennt keine Verstellung, keine Heuchelei, und was in ihr liegt, ist Wahrheit und freier Wille.
 
Quapropter a natura mihi videtur potius quam ab indigentia orta amicitia, applicatione magis animi cum quodam sensu amandi quam cogitatione, quantum illa res utilitatis esset habitura.Daher scheint mir der Ursprung der Freundschaft mehr in einem Naturtrieb zu liegen als in dem zeitlichen Bedürfnis; mehr in einem mit dem Trieb zu lieben verbundenen Streben der Seele nach Vereinigung als in der Berechnung besonderer Vorteile, die sie gewähren werde.
Quod quidem quale sit, etiam in bestiis quibusdam animadverti potest, quae ex se natos ita amant ad quoddam tempus et ab eis ita amantur, ut facile earum sensus appareat.Welche Bewandtnis es aber damit hat, lässt sich auch bei einigen Tieren bemerken, die bis zu einer gewissen Zeit ihre Jungen mit erkennbarer Innigkeit ebenso lieben, wie sie von ihnen geliebt werden.
Quod in homine multo est evidentius, primum ex ea caritate, quae est inter natos et parentes, quae dirimi nisi detestabili scelere non potest;Noch weit augenscheinlicher tritt dies bei den Menschen hervor, und zwar zuerst in der Liebe, die zwischen Eltern und Kindern stattfindet und die nur durch einen abscheulichen Frevel aufgelöscht werden kann;
deinde cum similis sensus exstitit amoris, si aliquem nacti sumus, cuius cum moribus et natura congruamus, quod in eo quasi lumen aliquod probitatis et virtutis perspicere videamur.sodann in einer ähnlichen Gesinnung derjenigen Liebe, die uns anwandelt, wenn wir jemanden gefunden haben, mit dessen äußerem und innerem Charakter wir übereinstimmen, indem wir in ihm gleichsam ein leuchtendes Muster der Rechtschaffenheit und Tugend zu erkennen glauben.
 
Nihil est enim virtute amabilius, nihil, quod magis adliciat ad diligendum, quippe cum propter virtutem et probitatem etiam eos, quos numquam vidimus, quodam modo diligamus.Nichts ist ja liebenswürdiger als die Tugend; nichts zieht das Herz mehr zur Liebe an; denn um der Tugend und Rechtschaffenheit willen lieben wir in gewissem Maße selbst solche Personen, die wir noch nie gesehen haben.
Quis est, qui C. Fabrici, M'. Curi non cum caritate aliqua benevola memoriam usurpet, quos numquam viderit?Wer wollte zum Beispiel nicht oft einen Gaius Fabricius, einen Manius Curius in das Andenken der Liebe und des Wohlwollens zurückrufen, wenn er sie auch nicht persönlich gekannt hat?
quis autem est, qui Tarquinium Superbum, qui Sp. Cassium, Sp. Maelium non oderit?Wer dagegen sollte nicht einen Tarquinius, den Despoten, einen Spurius Cassius und Spurius Maelius hassen?
Cum duobus ducibus de imperio in Italia est decertatum, Pyrrho et Hannibale; ab altero propter probitatem eius non nimis alienos animos habemus, alterum propter crudelitatem semper haec civitas oderit.Mit zwei Feldherrn haben wir um die Oberherrschaft in Italien gekämpft, mit Pyrrhus und Hannibal. Gegen den Ersteren haben wir um seiner Rechtschaffenheit willen keine zu große Abneigung; den Letzteren wird dieser Staat wegen seiner Grausamkeit stets mit Hass verfolgen.
 
Quod si tanta vis probitatis est, ut eam vel in iis, quos numquam vidimus, vel, quod maius est, in hoste etiam diligamus, quid mirum est, si animi hominum moveantur, cum eorum, quibuscum usu coniuncti esse possunt, virtutem et bonitatem perspicere videantur?Wenn nun die Rechtschaffenheit so viel über uns vermag, dass wir sie auch an solchen Personen, die wir noch nie gesehen haben, oder, was noch mehr sagen will, sogar am Feind hochschätzen, was Wunder, wenn auf menschliche Gemüter die Beobachtung der Tugend und Rechtschaffenheit derjenigen einen Eindruck macht, deren Umgang sie genießen können?
Quamquam confirmatur amor et beneficio accepto et studio perspecto et consuetudine adiuncta;Gleichwohl gewinnt die Liebe durch das Empfangen von Wohltaten, durch die Bemerkung von Eifer und durch das Hinzukommen eines näheren Umgangs an Stärke.
quibus rebus ad illum primum motum animi et amoris adhibitis admirabilis quaedam exardescit benevolentiae magnitudo.Wenn diese Umstände sich zu jener ersten Regung des Herzens und der Liebe gesellen, so entflammt sich dieses Wohlwollen zu einer wunderbaren Stärke.
Quam si qui putant ab imbecillitate proficisci, ut sit, per quem adsequatur, quod quisque desideret, humilem sane relinquunt et minime generosum, ut ita dicam, ortum amicitiae, quam ex inopia atque indigentia natam volunt.Die Freundschaft aber aus dem Gefühl der Schwäche und aus dem Trieb nach Befriedigung unserer Bedürfnisse abzuleiten heißt, ihr wahrlich einen niedrigen und sehr unedlen Ursprung zuzuweisen, indem sie in diesem Fall Mangel und Hilflosigkeit erzeugt haben sollen.
Quod si ita esset, ut quisque minimum esse in se arbitraretur, ita ad amicitiam esset aptissimus; quod longe secus est.Wenn dem so wäre, so müsste jeder umso empfänglicher für die Freundschaft sein, je weniger Kraft er in sich selbst fühlte. Und doch verhält sich die Sache ganz anders.
 
Ut enim quisque sibi plurimum confidit et ut quisque maxime virtute et sapientia sic munitus est, ut nullo egeat suaque omnia in se ipso posita iudicet, ita in amicitiis expetendis colendisque maxime excellit.Denn je mehr einer sich selbst zutraut, je mehr ihn Tugend und Weisheit so stark machen, dass er keines anderen bedarf und alles in sich selbst zu haben glaubt, desto mehr zeichnet er sich in dem Verlangen nach Freundschaft und durch ihre Pflege aus.
Quid enim? Africanus indigens mei? Minime hercule! ac ne ego quidem illius; sed ego admiratione quadam virtutis eius, ille vicissim opinione fortasse non nulla, quam de meis moribus habebat, me dilexit; auxit benevolentiam consuetudo.Wie nämlich? Bedurfte Africanus meiner? Wahrlich nicht im geringsten; so wenig, als ich seiner. Vielmehr war die Hochachtung, die ich seiner Tugend zollte, und seinerseits die vielleicht nicht ungünstige Meinung, die er von meinem Charakter hatte, der Grund unserer gegenseitigen (auf Wahl beruhenden) Liebe; und das Wohlwollen erhöhte den Umgang.
Sed quamquam utilitates multae et magnae consecutae sunt, non sunt tamen ab earum spe causae diligendi profectae.Obgleich sich aber viele große Vorteile daraus ergaben, so liegen doch die Beweggründe unserer Liebe nicht in der Hoffnung auf sie.
 
Ut enim benefici liberalesque sumus, non ut exigamus gratiam (neque enim beneficium faeneramur, sed natura propensi ad liberalitatem sumus), sic amicitiam non spe mercedis adducti, sed quod omnis eius fructus in ipso amore inest, expetendam putamus.Gleich wie wir nämlich wohltätig und freigebig sind, nicht um Vergeltung einzufordern – denn wir wuchern nicht mit unseren Wohltaten – sondern weil wir eine natürliche Neigung zur Freigebigkeit haben, so halten wir die Freundschaft für ein wünschenswertes Gut, nicht angelockt durch die Hoffnung auf Lohn, sondern weil ihr ganzer Genuss in der Liebe selbst besteht.
 
Ab his qui pecudum ritu ad voluptatem omnia referunt longe dissentiunt, nec mirum;Über das alles denken freilich diejenigen ganz anders, die nach Art der Tiere alles auf das sinnliche Vergnügen beziehen (Epikureer); wer wollte sich darüber wundern?
nihil enim altum, nihil magnificum ac divinum suspicere possunt, qui suas omnes cogitationes abiecerunt in rem tam humilem tamque contemptam.Zu nichts Erhabenen, zu nichts Großem, zu nichts Göttlichen richten diejenigen ihre Blicke empor, die alle ihre Vorstellungen zu einem so niedrigen und verächtlichen Gegenstand herabgewürdigt haben.
Quam ob rem hos quidem ab hoc sermone removeamus, ipsi autem intellegamus natura gigni sensum diligendi et benevolentiae caritatem facta significatione probitatis.Deswegen wollen wir solche Menschen von unserer Unterredung ausschließen; wir selbst aber wollen erkennen, dass das Gefühl der Liebe und inniges Wohlwollen von Natur entstehen, sobald man nur Rechtschaffenheit bemerkt hat.
Quam qui adpetiverunt, applicant se et propius admovent, ut et usu eius, quem diligere coeperunt, fruantur et moribus, sintque pares in amore et aequales propensioresque ad bene merendum quam ad reposcendum;Diejenigen, die nach ihr verlangen, schmiegen sich näher und näher aneinander an, um aus dem Umgang mit dem und aus dessen Charakter Genuss zu schöpfen, den sie liebgewonnen haben, und um in der Liebe gleich stark und von gleicher Art und geneigter zu werden, sich um andere verdient zu machen, als um Gegendienste zu fordern.
atque haec inter eos sit honesta certatio.Und dies soll der Wirkungskreis ihres edlen Wettstreites werden.
Sic et utilitates ex amicitia maximae capientur et erit eius ortus a natura quam ab imbecillitate gravior et verior.Auf diese Weise wird aus der Freundschaft sowohl der größte Nutzen gezogen, als auch wird ihr Ursprung aus der Natur ehrwürdiger und echter erscheinen als aus dem Bewusstsein der Hilfsbedürftigkeit.
Nam si utilitas amicitias conglutinaret, eadem commutata dissolveret; sed quia natura mutari non potest, idcirco verae amicitiae sempiternae sunt.Denn wenn der Nutzen die Freundschaften knüpfte, so müsste dessen Wechsel sie auch wieder auflösen. Doch eben darum, weil die Natur unveränderlich ist, sind wahre Freundschaften ewig. –
Ortum quidem amicitiae videtis, nisi quid ad haec forte vultis.Hiermit habe ich euch den wahren Ursprung der Freundschaft vor Augen gelegt; wenn ihr nicht etwa noch einiges dazu vermisst.
Fannius: Tu vero perge, Laeli; pro hoc enim, qui minor est natu, meo iure respondeo.Fannius: Nein! Fahre nur fort, Laelius! Denn für Scaevola, der ja jünger ist, habe ich das Recht zu antworten.
 
Scaevola: Recte tu quidem. Quam ob rem audiamus.Scaevola: Ganz recht! So lasst uns denn hören!
Laelius: Audite vero, optimi viri, ea, quae saepissime inter me et Scipionem de amicitia disserebantur.Laelius: So vernehmt denn, meine lieben Freunde, was Scipio und ich sehr häufig zum Thema Freundschaft erörterten: –
Quamquam ille quidem nihil difficilius esse dicebat, quam amicitiam usque ad extremum vitae diem permanere.Freilich meinte jener, nichts sei so schwer, als eine Freundschaft bis ans Lebensende fortzuführen.
Nam vel ut non idem expediret, incidere saepe, vel ut de re publica non idem sentiretur; mutari etiam mores hominum saepe dicebat, alias adversis rebus, alias aetate ingravescente.Denn oft trete der Fall ein, dass entweder nicht beide Freunde zugleich ihren Vorteil finden oder dass beide in ihren politischen Ansichten geteilt wären; oft verändere sich auch der Charakter der Menschen, das eine Mal durch erlittenes Unglück, das andere Mal durch das zunehmende Alter.
Atque earum rerum exemplum ex similitudine capiebat ineuntis aetatis, quod summi puerorum amores saepe una cum praetexta toga ponerentur.Zum Beleg seiner Meinung führte er den analogen Fall aus dem Knabenalter an: die innigste Liebe zwischen Knaben werde oft zugleich mit der Knabentoga abgelegt.
 
Sin autem ad adulescentiam perduxissent, dirimi tamen interdum contentione vel uxoriae condicionis vel commodi alicuius, quod idem adipisci uterque non posset. Wenn sie aber auch die Freundschaft bis zur spätesten Jugendzeit weitergeführt hätten, so werde diese doch bisweilen getrennt durch Streitigkeiten, sei es wegen einer Heiratsangelegenheit oder sonstigen Vorteils, den nicht beide zugleich erlangen können.
Quod si qui longius in amicitia provecti essent, tamen saepe labefactari, si in honoris contentionem incidissent;Wenn es auch welche gebe, die noch auf länger hinaus die Freundschaft unterhalten hätten, so könne doch oft der Wettstreit bei Bewerbungen um eine Ehrenstelle sie wanken machen.
pestem enim nullam maiorem esse amicitiis quam in plerisque pecuniae cupiditatem, in optimis quibusque honoris certamen et gloriae; ex quo inimicitias maximas saepe inter amicissimos exstitisse.Es gebe nämlich kein verderblicheres Übel für die Freundschaft als die Geldsucht, die man bei den meisten Menschen finde, als den Wettstreit um Ruhm und Ehre, der gerade bei den edelsten Menschen stattfinde. Daraus seien selbst unter den vertrautesten Freunden schon oft die größten Feindschaften entsprungen.
 
Magna etiam discidia et plerumque iusta nasci, cum aliquid ab amicis, quod rectum non esset, postularetur, ut aut libidinis ministri aut adiutores essent ad iniuriam;Denn große und meist gerechte Uneinigkeiten entstünden da, wo Freunde einander etwas Ungerechtes zumuten, wo sie zum Beispiel den Freund zum Werkzeug ihrer Lust oder zum Gehilfen ihrer Ungerechtigkeit missbrauchen wollen;
quod qui recusarent, quamvis honeste id facerent, ius tamen amicitiae deserere arguerentur ab iis, quibus obsequi nollent.Wer eine solche Zumutung selbst aus den edelsten Gründen zurückweise, werde von denjenigen der Verletzung der Freundespflicht beschuldigt, deren Wünschen er nicht willfahren wolle;
Illos autem, qui quidvis ab amico auderent postulare, postulatione ipsa profiteri omnia se amici causa esse facturos.Diejenigen aber, die so dreist wären, von ihren Freunden alles zu verlangen, legten eben durch ihr Verlangen das Geständnis ab, dass sie, einem Freund zuliebe, sich zu allem verstünden.
Eorum querella inveterata non modo familiaritates exstingui solere sed odia etiam gigni sempiterna.Durch die Klagen solcher Leute pflegten, setzte er hinzu, nicht nur alte Freundschaften getrennt, sondern auch ewiger Hass gestiftet zu werden.
Haec ita multa quasi fata impendere amicitiis, ut omnia subterfugere non modo sapientiae sed etiam felicitatis diceret sibi videri.Diese Gefahren schwebten in so großer zahl gleichsam schicksalshaft über der Freundschaft, dass ihnen allen zu entgehen, ihm ebenso Sache der Weisheit, als des Glücks zu sein scheine.
 
I.) 36-100: Quae praecepta des
Quam ob rem id primum videamus, si placet, quatenus amor in amicitia progredi debeat.Wir wollen daher, wenn es euch beliebt, zunächst untersuchen, wie weit die Liebe in der Freundschaft gehen darf.
Numne, si Coriolanus habuit amicos, ferre contra patriam arma illi cum Coriolano debuerunt?Wenn zum Beispiel Coriolanus Freunde hatte, mussten diese zusammen mit ihm die Waffen gegen das Vaterland erheben?
num Vecellinum amici regnum adpetentem, num Maelium debuerunt iuvare?Durften einen Vecellinus, als er nach der Alleinherrschaft strebte, einen Spurius Maelius, ihre Freunde unterstützen?
 
Ti. quidem Gracchum rem publicam vexantem a Q. Tuberone aequalibusque amicis derelictum videbamus. Wir haben erlebt, wie Tiberius Gracchus, als er den Staat beunruhigte, von Quintus Tubero und von seinen Altersfreunden gänzlich verlassen wurde.
At C. Blossius Cumanus, hospes familiae vestrae, Scaevola, cum ad me, quod aderam Laenati et Rupilio consulibus in consilio, deprecatum venisset, hanc, ut sibi ignoscerem, causam adferebat, quod tanti Ti. Gracchum fecisset, ut, quidquid ille vellet, sibi faciendum putaret.Als aber Gaius Blossius aus Cumae, ein Gastfreund eurer Familie, mein Scaevola, zu der Zeit, wo mich die Konsuln Laenas und Rupilius bloß zur Beratung bei der Untersuchung beigezogen hatten, zu mir gekommen war, um sich zu entschuldigen, so führte er für die erbetene Verzeihung den Grund an, er habe so viel auf Tiberius Gracchus gehalten, dass er glaubte, alles tun zu müssen, was jener nur wollte.
Tum ego: 'Etiamne, si te in Capitolium faces ferre vellet?' 'Numquam' inquit 'voluisset id quidem; sed si voluisset, paruissem.'Hierauf sagte ich ihm: Hättest Du wohl auch Lust gehabt, das Kapitol in Brand zu stecken, wenn er's dich geheißen hätte? – Er für sich, antwortete er, hätte das nie gewünscht. – Aber gesetzt, er hätte es gewünscht? – Nun, so wäre ich ihm gefolgt.
Videtis, quam nefaria vox! Et hercule ita fecit, vel plus etiam, quam dixit; non enim paruit ille Ti. Gracchi temeritati, sed praefuit, nec se comitem illius furoris, sed ducem praebuit.Ihr seht, welch ein frevelhaftes Wort das war! Und in der Tat so handelte er auch; ja er tat noch weit mehr, als er ausgesprochen hatte. Denn er war nicht bloß das dienende Werkzeug der unbesonnenen Pläne des Tiberius Gracchus, sondern leitete sie sogar; nicht bloß den Begleiter des tollen Aufrührers gab er ab, sondern sogar seinen Führer.
Itaque hac amentia quaestione nova perterritus in Asiam profugit, ad hostes se contulit, poenas rei publicae graves iustasque persolvit.Im Zustand dieser Raserei entfloh er, geschreckt durch eine außerordentliche Untersuchung, nach Asien, begab sich zu den Feinden und büßte dort für sein Vergehen am Staat schwere, aber gerechte Strafen.
Nulla est igitur excusatio peccati, si amici causa peccaveris;Ein Fehler wird also damit nicht entschuldigt, wenn man sagt, man habe ihn einem Freund zuliebe begangen.
nam cum conciliatrix amicitiae virtutis opinio fuerit, difficile est amicitiam manere, si a virtute defeceris.Denn war die gute Meinung von der Tugend die Stifterin der Freundschaft, so kann diese wohl nicht leicht fortdauern, wenn man der Tugend untreu wird.
 
Quod si rectum statuerimus vel concedere amicis, quidquid velint, vel impetrare ab iis, quidquid velimus, perfecta quidem sapientia si simus, nihil habeat res vitii; Gestehen wir den Freunden das Recht zu, sich alle ihre Wünsche gegenseitig zu erfüllen, so müssten wir eine vollkommene Weisheit besitzen, wenn dieser Grundsatz fehlerfrei sein sollte;
sed loquimur de iis amicis, qui ante oculos sunt, quos vidimus aut de quibus memoriam accepimus, quos novit vita communis.aber wir reden hier von solchen Freunden, wie wir sie wirklich vor unseren Augen haben, die wir noch gekannt oder von denen wir geschichtliche Nachrichten haben oder wie sie das gewöhnliche Leben kennt.
Ex hoc numero nobis exempla sumenda sunt, et eorum quidem maxime, qui ad sapientiam proxime accedunt.Aus der Zahl dieser Männer müssen wir die Beispiele holen und zwar besonders solche, die dem Ziel der Weisheit am nächsten stehen.
 
Videmus Papum Aemilium Luscino familiarem fuisse (sic a patribus accepimus), bis una consules, collegas in censura; Wir wissen aus den Nachrichten von unseren Vätern, dass Papus Aemilius und Gaius Luscinus vertraute Freunde waren; – beide begleiteten zweimal zur gleichen Zeit das Konsulat und beide waren Zensoren;
tum et cum iis et inter se coniunctissimos fuisse M'. Curium, Ti. Coruncanium memoriae proditum est.sodann ist uns geschichtlich überliefert, dass Manius Curius und Tiberius Coruncanius mit diesen Männern und unter sich selbst auf sehr vertrautem Fuß gelebt haben.
Igitur ne suspicari quidem possumus quemquam horum ab amico quippiam contendisse, quod contra fidem, contra ius iurandum, contra rem publicam esset.Bei solchen Männern dürfen wir also nicht einmal den Argwohn hegen, dass einer von ihnen seinem Freund etwas zugemutet hätte, dessen Gewährung gegen Pflicht und Gewissen, gegen eidliche Verbindlichkeit, gegen das Staatswohl gewesen wäre.
Nam hoc quidem in talibus viris quid attinet dicere, si contendisset, impetraturum non fuisse, cum illi sanctissimi viri fuerint, aeque autem nefas sit tale aliquid et facere rogatum et rogare.Bei so würdigen Männern lässt sich voraussetzen, dass eine solche Zumutung vergeblich gewesen wäre, da jene Männer höchst gewissenhaft waren, ist es aber gleich unerlaubt, eine solche Bitte zu erfüllen, als sie zu äußern.
At vero Ti. Gracchum sequebantur C. Carbo, C. Cato, et minime tum quidem C. frater, nunc idem acerrimus.Und doch hielt es mit Tiberius Gracchus ein Gaius Carbo und Gaius Cato, sowie der eigene Bruder Gaius; dieser, damals sein unbedeutendster Anhänger, jetzt der hitzigste.
 
Haec igitur lex in amicitia sanciatur, ut neque rogemus res turpes nec faciamus rogati.Es soll daher in der Freundschaft als unverbrüchliches Gesetz gelten, weder um etwas Unerlaubtes zu bitten, noch, wenn man darum gebeten wird, es zu tun.
Turpis enim excusatio est et minime accipienda, cum in ceteris peccatis, tum si quis contra rem publicam se amici causa fecisse fateatur.Denn es ist eine elende und ganz unzulässige Entschuldigung, wenn man bei sonstigen Vergehen oder besonders bei Staatsverbrechen vorgeben will, man habe eines Freundes wegen so gehandelt.
Etenim eo loco, Fanni et Scaevola, locati sumus, ut nos longe prospicere oporteat futuros casus rei publicae.Denn wir befinden uns, mein Fannius und Scaevola, in einer solchen Lage, dass es unsere Pflicht ist, einen weiten Blick auf die bevorstehenden Ereignisse des Staates zu werfen.
Deflexit iam aliquantum de spatio curriculoque consuetudo maiorum.Die Gewohnheit unserer Väter ist bereits ein wenig von ihrem Geleise und von ihrer Bahn abgewichen.
 
Ti. Gracchus regnum occupare conatus est, vel regnavit is quidem paucos menses. Tiberius Gracchus strebte nach Alleinherrschaft oder er war vielmehr wenige Monate lang in ihrem Besitz.
Num quid simile populus Romanus audierat aut viderat? Hunc etiam post mortem secuti amici et propinqui quid in P. Scipione effecerint, sine lacrimis non queo dicere. Hatte je das römische Volk etwas Ähnliches gehört oder angesehen?Seine Freunde und Verwandte hängen ihm noch nach dem Tode an; und nicht ohne Tränen kann ich es aussprechen, was sie an Publius Scipio verübten.
Nam Carbonem, quocumque modo potuimus, propter recentem poenam Ti. Gracchi sustinuimus;Denn Carbo haben wir, weil die Strafe des Tiberius Gracchus noch in zu frischem Andenken war, auf alle mögliche Art geschont.
de C. Gracchi autem tribunatu quid expectem, non libet augurari.Was ich von dem Tribunat des Gaius Gracchus erwarten soll, darüber mag ich mich in keine Vorhersage treffen.
Serpit deinde res; quae proclivis ad perniciem, cum semel coepit, labitur.So etwas greift immer weiter um sich; und hat es einmal angefangen, so schlägt es immer rascher zum allgemeinen Verderben aus.
Videtis, in tabella iam ante quanta sit facta labes primo Gabinia lege, biennio autem post Cassia.Ihr seht, was für Unheil schon früher in dem Tafelgesetz (lex tabellaria) unserem Staat zugefügt worden ist, zuerst durch das Gesetz des Gabinius und zwei Jahre später durch das des Cassius.
Videre iam videor populum a senatu disiunctum, multitudinis arbitrio res maximas agi.Es kommt mir vor, als sähe ich bereits das Volk vom Senat getrennt, und die wichtigsten Angelegenheiten nach der Willkür der Menge behandelt.
Plures enim discent, quem ad modum haec fiant, quam quem ad modum iis resistatur. Denn in größerer Zahl wird man lernen, wie man dergleichen Dinge anzufangen hat, als wie man ihnen widerstehen muss.
 
Quorsum haec? Quia sine sociis nemo quicquam tale conatur.Wozu aber diese Bemerkungen? Weil sich niemand ohne Genossen in eine solche Unternehmung einlässt.
Praecipiendum est igitur bonis, ut, si in eius modi amicitias ignari casu aliquo inciderint, ne existiment ita se alligatos, ut ab amicis in magna aliqua re publica peccantibus non discedant;Man muss daher den Gutgesinnten den Rat erteilen, wenn ihnen der Zufall ohne ihr Wissen solche Freunde zuführt, sich nicht in dem Grad an diese gebunden zu halten, als dürften sie sich selbst von Freunden, die sich eines großen Staatsverbrechens schuldig machen, nicht trennen.
improbis autem poena statuenda est, nec vero minor iis, qui secuti erunt alterum, quam iis, qui ipsi fuerint impietatis duces.Den Frevlern aber muss man die Strafe festsetzen, und zwar keine geringere denen, die dem Beispiel der andern nur folgen, als denen, die die eigentlichen Anstifter des Frevels gegen das Vaterland sind.
Quis clarior in Graecia Themistocle, quis potentior? qui cum imperator bello Persico servitute Graeciam liberavisset propterque invidiam in exsilium expulsus esset, ingratae patriae iniuriam non tulit, quam ferre debuit;Wer war in Griechenland berühmter als Themistokles? Wer mächtiger? Allein als er Griechenland im persischen Krieg von der persischen Sklaverei befreit hatte und aus neidischer Missgunst verbannt worden war, konnte er das Unrecht seines undankbaren Vaterlandes nicht verschmerzen, was doch seine Pflicht gewesen wäre.
fecit idem, quod viginti annis ante apud nos fecerat Coriolanus. His adiutor contra patriam inventus est nemo; itaque mortem sibi uterque conscivit.Er handelte gerade wie 20 Jahre früher bei uns Coriolanus. Für diese Männer fand sich kein Beistand gegen das Vaterland. Darum entleibten sich beide selbst.
 
Quare talis improborum consensio non modo excusatione amicitiae tegenda non est, sed potius supplicio omni vindicanda est, ut ne quis concessum putet amicum vel bellum patriae inferentem sequi;Daher darf ein solches Einverständnis schlecht denkender Menschen nicht durch Entschuldigungsgründe der Freundschaft beschönigt werden, sondern ist auf das strengste zu bestrafen, damit niemand sich für berechtigt hält, dem Freund selbst dann zu folgen, wenn er gegen das Vaterland Krieg anzettelt.
quod quidem, ut res ire coepit, haud scio an aliquando futurum sit.Und dieser Fall dürfte bei dem eingeschlagenen Lauf der Dinge wohl bevorstehen.
Mihi autem non minori curae est, qualis res publica post mortem meam futura, quam qualis hodie sit.Hier aber liegt der Zustand des Staates nach meinem Tod ebenso am Herzen wie der gegenwärtige.
 
Haec igitur prima lex amicitiae sanciatur, ut ab amicis honesta petamus, amicorum causa honesta faciamus, ne exspectemus quidem, dum rogemur;Das erste Gesetz der Freundschaft besteht also darin, dass man nur das, was sittlich erlaubt ist, von Freunden verlangt und für Freunde selbst tut und dass man nicht erst wartet, bis man darum gebeten wird.
studium semper adsit, cunctatio absit; consilium vero dare audeamus libere.Tatkräftige Bemühen sei stets vorhanden, Zaudern sei fern. Man finde den Mut, freimütig Rat zu erteilen.
Plurimum in amicitia amicorum bene suadentium valeat auctoritas, eaque et adhibeatur ad monendum non modo aperte sed etiam acriter, si res postulabit, et adhibitae pareatur.Mehr als alles gelte in der Freundschaft das Ansehen wohlmeinender Freunde; man benütze dieses Ansehen nicht nur zu einer offenen, sondern auch zu einer scharfen Ermahnung, wenn es die Umstände erfordern; und ist man betroffen, so leiste man Folge.
 
Nam quibusdam, quos audio sapientes habitos in Graecia, placuisse opinor mirabilia quaedam (sed nihil est, quod illi non persequantur argutiis):Von eingen Leiuten, die man, wie ich höre, in Griechenland für weise gehalten hat, sind seltsame Meinungen aufgestellt worden. Es gibt ja keinen Gegenstand, den sie mit ihren Spitzfindigkeiten verschont hätten.
partim fugiendas esse nimias amicitias, ne necesse sit unum sollicitum esse pro pluribus;So lehren sie zum Teil, man müsse sich vor zu engen Freundschaften hüten, damit nicht der einzelne nötig habe, sich um mehrere zu kümmern;
satis superque esse sibi suarum cuique rerum, alienis nimis implicari molestum esse; commodissimum esse quam laxissimas habenas habere amicitiae, quas vel adducas, cum velis, vel remittas;jeder habe mit sich selbst schon mehr als genug zu tun; sich zu sehr in fremde Angelegenheiten zu mischen, sei lästig; das Bequemste sei, den Zügel der Freundschaft so schlaff als möglich zu halten, um ihn nach Belieben anziehen oder nachlassen zu können;
caput enim esse ad beate vivendum securitatem, qua frui non possit animus, si tamquam parturiat unus pro pluribus.denn das Haupterfordernis zu einem glücklichen Leben sei die Sorgenfreiheit, deren Genuss dem Gemüt nicht zuteil werden könne, wenn einer für mehrere gleichsam Geburtswehen durchstehen müsse.
 
Alios autem dicere aiunt multo etiam inhumanius (quem locum breviter paulo ante perstrinxi) praesidii adiumentique causa, non benevolentiae neque caritatis, amicitias esse expetendas;Andere, heißt es, behaupteten noch viel unmenschlicher (ein Punkt, den ich etwas früher kurz berührt habe), nicht um des Wohlwollens und der Liebe, sondern um des Schutzes und der Hilfe willen seien Freundschaften wünschenswert.
itaque, ut quisque minimum firmitatis haberet minimumque virium, ita amicitias appetere maxime;Daher komme es, dass einer, je weniger Stärke und Kraft er besitze, sich desto eifriger um Freundschaften bewerbe.
ex eo fieri, ut mulierculae magis amicitiarum praesidia quaerant quam viri et inopes quam opulenti et calamitosi quam ii, qui putentur beati.Dies sei der Grund, warum das weibliche Geschlecht mehr als das männliche den Schutz der Freundschaft suche, Unbemittelte mehr als Begüterte, Unglückliche mehr als Leute in glücklichen Umständen.
 
O praeclaram sapientiam! Solem enim e mundo tollere videntur, qui amicitiam e vita tollunt, qua nihil a dis immortalibus melius habemus, nihil iucundius. Oh welch herrliche Weisheit! Die Sonne scheinen die aus der Welt hinwegzunehmen, die ihr die Freundschaft wegnehmen, das beste und lieblichste Geschenk, das wir den unsterblichen Göttern verdanken.
Quae est enim ista securitas? Specie quidem blanda, sed reapse multis locis repudianda.Und worin besteht denn jene gepriesene Sorgenfreiheit? Der Außenseite nach schmeichelt sie sich zwar ein; aber dem Wesen nach ist sie durchaus verwerflich.
Neque enim est consentaneum ullam honestam rem actionemve, ne sollicitus sis, aut non suscipere aut susceptam deponere.Es ist nämlich nicht vernunftgemäß, eine sittlich gute Sache oder Handlung, um sich jeder Sorge zu entheben, entweder gar nicht zu übernehmen oder, wenn man sie übernommen hat, von sich abzuwälzen.
Quod si curam fugimus, virtus fugienda est, quae necesse est cum aliqua cura res sibi contrarias aspernetur atque oderit, ut bonitas malitiam, temperantia libidinem, ignaviam fortitudo;Sind wir sorgenscheu, so müssen wir auch tugendscheu werden; denn es liegt im Wesen der Tugend, mit einer gewissen Sorge ihr Gegenteil zu verabscheuen und zu hassen, wie das Gute das Schlechte, Enthaltsamkeit die Ausschweifung, Tapferkeit die Feigheit.
itaque videas rebus iniustis iustos maxime dolere, imbellibus fortes, flagitiosis modestos.Daher kann man wahrnehmen, wie sich der Gerechte über das Unrecht, der Kraftvolle über Schwäche, der Enthaltsame über Ausschweifung am meisten betrübt.
Ergo hoc proprium est animi bene constituti et laetari bonis rebus et dolere contrariis.Darum ist die Freude am Guten und die Betrübnis über ihr Gegenteil die Eigentümlichkeit eines durch Grundsätze geregelten Gemütes.
 
Quam ob rem si cadit in sapientem animi dolor, qui profecto cadit, nisi ex eius animo exstirpatam humanitatem arbitramur, quae causa est, cur amicitiam funditus tollamus e vita, ne aliquas propter eam suscipiamus molestias?Wofern also den Weisen auch Seelenschmerz trifft, was gewiss der Fall ist, wenn wir anders nicht alles menschliche Gefühl aus seinem Gemüt ausgerottet wissen wollen, warum sollen wir denn die Freundschaft deswegen ganz aus dem Leben verbannen, um aller Beschwerlichkeiten von Ihrer Seite enthoben zu sein?
Quid enim interest motu animi sublato non dico inter pecudem et hominem, sed inter hominem et truncum aut saxum aut quidvis generis eiusdem?Denn will man alle lebhafteren Regungen des Herzens verbannen, was ist denn noch für ein Unterschied – ich will nicht sagen zwischen dem Menschen und dem Vieh, sondern – zwischen dem Menschen und einem Stein oder Klotz oder anderem dergleichen?
Neque enim sunt isti audiendi, qui virtutem duram et quasi ferream esse quandam volunt; quae quidem est cum multis in rebus, tum in amicitia tenera atque tractabilis, ut et bonis amici quasi diffundatur et incommodis contrahatur.Die verdienen wohl kein Gehör, die meinen, die Tugend müsse hart und gleichsam von Eisen sein: Sie ist in vielen anderen Fällen, besonders aber in der Freundschaft, sanft und geschmeidig, so dass, wenn dem Freund Glück zuteil wird, das Herz sich weitet, und, trifft ihn Unglück, sich beengt fühlt.
Quam ob rem angor iste, qui pro amico saepe capiendus est, non tantum valet ut tollat e vita amicitiam, non plus quam ut virtutes, quia non nullas curas et molestias adferunt, repudientur.Darum ist die Beklemmung des Herzens, die man oft für den Freund sich gefallen lassen muss, kein Grund, die Freundschaft aus dem Leben zu verbannen, ebenso wenig als man die Tugend verwerflich findet, weil sie uns manchmal Sorgen und Schmerzen auferlegt.
Cum autem contrahat amicitiam, ut supra dixi, si qua significatio virtutis eluceat, ad quam se similis animus applicet et adiungat, id cum contigit, amor exoriatur necesse est.Schon oben habe ich bemerkt, dass eigentlich der Umstand die Freundschaft anknüpft, dass man bei jemandem ein einleuchtendes Kennzeichen der Tugend wahrnimmt, an die sich sodann ein gleichgesinntes Gemüt mit Neigung anschließt. In diesem Fall muss notwendig Liebe entstehen.
 
Quid enim tam absurdum quam delectari multis inanimis rebus, ut honore, ut gloria, ut aedificio, ut vestitu cultuque corporis, animo autem virtute praedito, eo, qui vel amare vel, ut ita dicam, redamare possit, non admodum delectari?Gibt es wohl eine größere Torheit, als wenn wir an so manchen unbeseelten Dingen Freude finden, zum Beispiel an äußerer Ehre, an Ruhm, an schönen Gebäuden und schönen Kleidern, an Putz, während ein mit Tugend begabtes Gemüt, ein solches, das der Liebe und Gegenliebe fähig ist, uns keine gar große Freude macht?
Nihil est enim remuneratione benevolentiae, nihil vicissitudine studiorum officiorumque iucundius.Nichts ist nämlich erfreulicher als Erwiderung des Wohlwollens, als gegenseitiger Austausch der Neigungen und Verpflichtungen.
 
Quid, si illud etiam addimus, quod recte addi potest, nihil esse, quod ad se rem ullam tam alliciat et attrahat quam ad amicitiam similitudo? Nehmen wir noch die mit Recht hierher gehörigen Umstand dazu, dass nichts so anlockend und anziehend ist als die Ähnlichkeit bei der Freundschaft:
concedetur profecto verum esse, ut bonos boni diligant adsciscantque sibi quasi propinquitate coniunctos atque natura.so ergibt sich unstreitig daraus die Wahrheit, dass der Gute nur den Guten lieben und den annehmen soll, der gleichsam durch eine natürliche Verwandtschaft an ihn gebunden ist.
Nihil est enim appetentius similium sui nec rapacius quam natura.Denn nichts greift mit größerer Begierde nach Seinesgleichen als die Natur.
Quam ob rem hoc quidem, Fanni et Scaevola, constet, ut opinor, bonis inter bonos quasi necessariam benevolentiam, qui est amicitiae fons a natura constitutus.Deswegen ist, mein Fannius und Scaevola, für mich wenigstens das entschieden: zwischen guten und rechtschaffenen Menschen obwaltet ein notwendiges Wohlwollen, und dieses Wohlwollen ist die natürliche Quelle der Freundschaft.
Sed eadem bonitas etiam ad multitudinem pertinet.Doch eben diese natürliche Herzensgüte erstreckt sich auch auf die Menge. Cic.Lael.50.e
Non enim est inhumana virtus neque immunis neque superba, quae etiam populos universos tueri iisque optime consulere soleat; quod non faceret profecto, si a caritate vulgi abhorreret.Denn die Tugend ist nicht gleichgültig gegenüber den Menschen, nicht gefühllos, nicht übermütig; ja sie beschützt sogar ganze Völker und pflegt für ihr Wohl aufs beste zu sorgen, was sie gewiss nicht tun würde, wenn sie der allgemeinen Menschenliebe ganz abhold wäre. –
 
Atque etiam mihi quidem videntur, qui utilitatum causa fingunt amicitias, amabilissimum nodum amicitiae tollere. Aber auch diejenigen, die sich die Freundschaften um äußerer Vorteile willen geschlossen denken, scheinen mir das liebenswürdige Band der Freundschaft aufzuheben.
Non enim tam utilitas parta per amicum quam amici amor ipse delectat, tumque illud fit, quod ab amico est profectum, iucundum, si cum studio est profectum;Denn ein durch den Freund errungener Vorteil gewährt nicht so viel Freude als die Liebe des Freundes selbst; und erst dann wird das, was vom Freund kommt, angenehm, wenn es aus liebevollem Herzen kommt;
tantumque abest, ut amicitiae propter indigentiam colantur, ut ii, qui opibus et copiis maximeque virtute, in qua plurimum est praesidii, minime alterius indigeant, liberalissimi sint et beneficentissimi.und weit gefehlt, dass Freundschaften um der Hilfsbedürftigkeit willen gepflegt werden: gerade solche Menschen, die beim Besitz ihrer Macht und ihres Reichtums und besonders beim Besitz der Tugend, in der man ohnehin den meisten Schutz und die meiste Hilfe findet, anderer am wenigsten bedürfen, sind immer am freigebigsten und wohltätigsten;
Atque haud sciam an ne opus sit quidem nihil umquam omnino deesse amicis.und vielleicht wäre es nicht einmal zweckmäßig, dass Freunde nie Bedürfnisse hätten.
Ubi enim studia nostra viguissent, si numquam consilio, numquam opera nostra nec domi nec militiae Scipio eguisset?Denn wo hätte sich je von unserer Seite eine Zuneigung lebendig äußern können, wenn Scipio nie meinen Rat, nie meine Hilfe, weder zu Hause noch im Feld bedurft hätte?
Non igitur utilitatem amicitia, sed utilitas amicitiam secuta est.Die Freundschaft war also keine Folge des Nutzens, sondern der Nutzen Folge der Freundschaft.
 
Non ergo erunt homines deliciis diffluentes audiendi, si quando de amicitia, quam nec usu nec ratione habent cognitam, disputabunt.Weichlinge, die im Vergnügen schwimmen, verdienen daher kein Gehör, wenn sie einmal von der Freundschaft sprechen, die sie weder aus der Erfahrung noch aus der Vernunft erkannt haben.
Nam quis est, – pro deorum fidem atque hominum! – qui velit, ut neque diligat quemquam nec ipse ab ullo diligatur, circumfluere omnibus copiis atque in omnium rerum abundantia vivere?Denn – bei allem, was Göttern und Menschen heilig ist! – wer möchte wohl in allem möglichen Überfluss leben und alles zur Fülle genießen unter der Bedingung, dass er niemanden liebe und selbst von niemandem geliebt werden dürfe?
Haec enim est tyrannorum vita nimirum, in qua nulla fides, nulla caritas, nulla stabilis benevolentiae potest esse fiducia, omnia semper suspecta atque sollicita, nullus locus amicitiae.Denn von der Art ist das Leben der Tyrannen, wo natürlich keine Treue, keine Liebe, kein Vertrauen auf dauerndes Wohlwollen stattfindet; wo uns alles Verdacht und Besorgnis einflößt und sich für die Freundschaft kein Platz findet.
 
Quis enim aut eum diligat quem metuat, aut eum a quo se metui putet?Denn wer wollte den lieben, den er fürchtet, oder den, von dem er gefürchtet zu werden glaubt?
Coluntur tamen simulatione dumtaxat ad tempus.Scheinfreundschaften gibt es allerdings, denen man sich wenigstens auf einige Zeit widmet.
Quod si forte, ut fit plerumque, ceciderunt, tum intellegitur, quam fuerint inopes amicorum.Erfolgt aber etwa ein Sturz – und dieser Fall ist nicht ungewöhnlich – dann erkennt man erst, wie arm an Freunden man war.
Quod Tarquinium dixisse ferunt, tum exsulantem se intellexisse, quos fidos amicos habuisset, quos infidos, cum iam neutris gratiam referre posset.So soll Tarquinius gesagt haben, wer seine treuen und wer seine untreuen Freunde waren, das habe er erst nach seiner Verbannung eingesehen, als er nicht mehr imstande war, es beiden Teilen zu vergelten.
 
Quamquam miror, illa superbia et importunitate si quemquam amicum habere potuit.Gleichwohl finde ich es unbegreiflich, dass ein Mann von so berüchtigtem Übermut und Ungestüm auch nur einen Freund besitzen konnte.
Atque ut huius, quem dixi, mores veros amicos parare non potuerunt, sic multorum opes praepotentium excludunt amicitias fideles.Und so wie der Charakter des genannten Mannes unfähig war, wahre Freunde zu gewinnen, so schließt auch oft die Gewalt des Übermächtigen treue Freundschaft aus.
Non enim solum ipsa Fortuna caeca est, sed eos etiam plerumque efficit caecos, quos complexa est;Denn nicht allein ist die Glücksgöttin selbst blind, sondern sie verblendet auch ihre meisten Günstlinge.
itaque efferuntur fere fastidio et contumacia, nec quicquam insipiente fortunato intolerabilius fieri potest.Darum erheben sich diese gewöhnlich in ihrem Hochmut und Eigensinn; und es kann nichts Unerträglicheres geben, als einen Toren, der dem Glück im Schoß sitzt.
Atque hoc quidem videre licet, eos qui antea commodis fuerint moribus, imperio, potestate, prosperis rebus immutari, sperni ab iis veteres amicitias, indulgeri novis.Und auch dies lässt sich beobachten, dass Befehlsgewlt, Macht und glücklichere Lebensverhältnisse solche Menschen, die früher ein gefälliges Betragen zeigten, so verändern, dass sie alte Freunde verschmähen und sich neuen ergeben.
 
Quid autem stultius quam, cum plurimum copiis, facultatibus, opibus possint, cetera parare, quae parantur pecunia, equos, famulos, vestem egregiam, vasa pretiosa, amicos non parare, optimam et pulcherrimam vitae, ut ita dicam, supellectilem?Gibt es aber eine größere Torheit, als die Vorteile, die Reichtum, Überfluss und Macht gewähren, so zu benutzen, dass man sich zwar das verschafft, was man um Geld haben kann, zum Beispiel Pferde, Diener, schöne Kleider, kostbare Gefäße, aber keine Freunde, die doch, wenn ich so sagen darf, der beste und schönste Hausrat im Leben sind?
etenim cetera cum parant, cui parent, nesciunt, nec cuius causa laborent (eius enim est istorum quidque, qui vicit viribus);Wenn man sich alles übrige verschafft, so weiß man nicht, für wen man es sich verschafft, und für wen man sich so viel Mühe gibt, denn jedes dieser Dinge kann dem Stärkeren zufallen.
amicitiarum sua cuique permanet stabilis et certa possessio; ut, etiamsi illa maneant, quae sunt quasi dona Fortunae, tamen vita inculta et deserta ab amicis non possit esse iucunda. Sed haec hactenus.Die Freundschaft aber ist für jeden ein dauerhafter und zuverlässiger Besitz – ja, wenn auch jene Dinge blieben, die gleichsam Geschenke des Glücks sind, so müsste doch ein Leben, das von Freunden verlassen den Wert der Freundschaft nicht kennt, ohne Freude sein. – Doch genug hiervon!
 
Constituendi autem sunt, qui sint in amicitia fines et quasi termini diligendi.Wir haben jetzt die Schranken und das Gebiet der Freundschaft zu bestimmen.
De quibus tres video sententias ferri, quarum nullam probo, unam, ut eodem modo erga amicum adfecti simus, quo erga nosmet ipsos, alteram, ut nostra in amicos benevolentia illorum erga nos benevolentiae pariter aequaliterque respondeat, tertiam, ut, quanti quisque se ipse facit, tanti fiat ab amicis.Hierfür gelten, soviel ich weiß, drei Ansichten, von denen ich aber keine gutheißen kann. Die erste verlangt: Wir sollen gegen unsere Freunde ebenso gesinnt sein, wie gegen uns selbst; die zweite: Unsere wohlwollende Liebe gegen unsere Freunde soll deren wohlwollender Liebe gegen uns selbst in gleichem Maß entsprechen; die dritte: Jeder soll von seinem Freund so hoch geschätzt werden, wie er sich selbst schätzt.
 
Harum trium sententiarum nulli prorsus assentior.Keiner dieser drei Ansichten kann ich vollkommen beipflichten.
Nec enim illa prima vera est, ut, quem ad modum in se quisque sit, sic in amicum sit animatus.Schon die erste ist nicht wahr, nach der man gegen den Freund ebenso gesinnt sein soll, wie gegen sich selbst.
Quam multa enim, quae nostra causa numquam faceremus, facimus causa amicorum! precari ab indigno, supplicare, tum acerbius in aliquem invehi insectarique vehementius, quae in nostris rebus non satis honeste, in amicorum fiunt honestissime;Wie viel tun wir unseren Freunden zuliebe, was wir uns zuliebe nicht tun würden! Zum Beispiel wenn wir uns mit Bitten, ja mit demütigem Flehen an einen Unwürdigen wenden, wenn wir heftig gegen jemanden losfahren und auf ihn eindringen. Dies alles verbietet uns in unserer eigenen Angelegenheit die Ehre, während es sich für den Freund aufs vollkommenste mit ihr verträgt.
 
multaeque res sunt, in quibus de suis commodis viri boni multa detrahunt detrahique patiuntur, ut iis amici potius quam ipsi fruantur.Es gibt auch vieles, wo rechtschaffene Männer ihrem eigenen Vorteil selbst Abbruch tun oder tun lassen, um den Genuss davon lieber dem Freund als sich selbst zuzuwenden. –
Altera sententia est, quae definit amicitiam paribus officiis ac voluntatibus.Die zweite Ansicht bezieht die Freundschaft auf gleiche Dienstleistungen und Gesinnungen.
Hoc quidem est nimis exigue et exiliter ad calculos vocare amicitiam, ut par sit ratio acceptorum et datorum.Das heißt wahrhaftig die Freundschaft auf eine gar kleinliche Weise zu berechnen, wenn die Rechnung der Einnahmen und Ausgaben miteinander gerade aufgehen muss.
Divitior mihi et affluentior videtur esse vera amicitia nec observare restricte, ne plus reddat, quam acceperit;Die wahre Freundschaft ist meiner Meinung nach reicher, lässt anderen mehr zufließen und hält nicht streng darauf, ja nicht mehr auszugeben, als sie einnimmt.
neque enim verendum est, ne quid excidat, aut ne quid in terram defluat, aut ne plus aequo quid in amicitiam congeratur.Denn es ist für sie nicht zu befürchten, es möchte etwas entfallen oder auf den Boden laufen oder es möchte etwas der Freundschaft über Gebühr zugewendet werden. –
 
Tertius vero ille finis deterrimus, ut, quanti quisque se ipse faciat, tanti fiat ab amicis.Die verwerflichste Art der Bestimmung des Gebietes der Freundschaft ist die dritte, nach der jeder seinen Freund nur so hochschätzen soll, als er sich selbst schätzt.
Saepe enim in quibusdam aut animus abiectior est aut spes amplificandae fortunae fractior.Denn es gibt Menschen, bei denen öfter entweder das Herz ganz entmutigt, oder die Hoffnung auf die Verbesserung ihrer Glücksumstände zu sehr niedergeschlagen ist.
Non est igitur amici talem esse in eum, qualis ille in se est, sed potius eniti et efficere, ut amici iacentem animum excitet inducatque in spem cogitationemque meliorem.Es ist deshalb des Freundes unwürdig, sich so gegen den Freund zu verhalten, wie dieser gegen sich selbst ist; vielmehr muss er das zu erstreben und zu bewirken suchen, dass er den gesunkenen Mut seines Freundes aufrichte und ihn wieder auf bessere Hoffnungen und Gedanken bringe.
Alius igitur finis verae amicitiae constituendus est, si prius, quid maxime reprehendere Scipio solitus sit, dixero.Auf eine andere Art muss also das Gebiet der wahren Freundschaft bestimmt werden. Vorher aber will ich noch das aussprechen, was Scipio am meisten zu missbilligen pflegte:
Negabat ullam vocem inimiciorem amicitiae potuisse reperiri quam eius, qui dixisset ita amare oportere, ut si aliquando esset osurus;"Keinen Ausspruch", sagte er, "gibt es, der mit der Freundschaft in so feindseligem Widerstreit steht, als der, man müsse seinen Freund so lieben, wie wenn man ihn einmal wieder hassen müsste."
nec vero se adduci posse, ut hoc, quem ad modum putaretur, a Biante esse dictum crederet, qui sapiens habitus esset unus e septem; impuri cuiusdam aut ambitiosi aut omnia ad suam potentiam revocantis esse sententiam.Auch konnte Scipio seiner eigenen Äußerung zufolge nie zu der allgemein verbreiteten Überzeugung gebracht werden, dass dieser Ausspruch von Bias, einem der Sieben Weisen herrühre; vielmehr schrieb er ihn einem schmutzigen, oder ehr- und herrschsüchtigen Menschen zu.
Quonam enim modo quisquam amicus esse poterit ei, cui se putabit inimicum esse posse? quin etiam necesse erit cupere et optare, ut quam saepissime peccet amicus, quo plures det sibi tamquam ansas ad reprehendendum;Wie kann man denn ein Freund dessen sein, dessen Feind zu werden man für möglich hält? Im Gegenteil, man wird in diesem Fall sogar begierig wünschen müssen, dass der Freund recht oft fehle, um mehr Veranlassung zu finden, ihn zu tadeln.
rursum autem recte factis commodisque amicorum necesse erit angi, dolere, invidere.Auf der anderen Seite werden seine edlen Handlungen und sein Glück Bekümmernisse, Verdruss und Neid erregen müssen.
 
Quare hoc quidem praeceptum, cuiuscumque est, ad tollendam amicitiam valet;Daher führt jene Vorschrift, sie mag nun kommen, von wem sie will, auf Vernichtung der Freundschaft.
illud potius praecipiendum fuit, ut eam diligentiam adhiberemus in amicitiis comparandis, ut ne quando amare inciperemus eum, quem aliquando odisse possemus.Eher hätte man Grundsatz aufstellen müssen: "Man soll in der Wahl seiner Freunde die nötige Sorgfalt anwenden, damit man nie einen zu lieben anfängt, den man einmal hassen könnte."
Quin etiam si minus felices in diligendo fuissemus, ferendum id Scipio potius quam inimicitiarum tempus cogitandum putabat.Sollte auch die Wahl unserer Freunde nicht ganz glücklich ausgefallen sein, so müsse man das, meinte Scipio, lieber hinnehmen, als auf eine Gelegenheit zu Feindschaft zu sinnen.
 
His igitur finibus utendum arbitror, ut, cum emendati mores amicorum sint, tum sit inter eos omnium rerum, consiliorum, voluntatum sine ulla exceptione communitas, ut, etiamsi qua fortuna acciderit, ut minus iustae amicorum voluntates adiuvandae sint, in quibus eorum aut caput agatur aut fama, declinandum de via sit, modo ne summa turpitudo sequatur;Meiner Ansicht nach hat man sich daher in der Freundschaft an folgende Bestimmungen zu halten: Unter Freunden muss, die Reinheit ihres Charakters vorausgesetzt, eine unbedingte Gemeinschaft aller Dinge, aller Absichten und aller Meinungen stattfinden. Ja man darf sogar, wenn der Fall eintreten sollte, dass widerrechtliche Wünsche des Freundes zu unterstützen sind, zum Beispiel bei Vorfällen, wo das Leben oder der gute Name des Freundes auf dem Spiel steht, von der geraden Bahn des Rechtes etwas abgehen. Nur muss man dabei eine grobe Verletzung der Ehre vermeiden.
est enim, quatenus amicitiae dari venia possit.Bis auf einen gewissen Punkt kann man der Freundschaft einiges zugute halten.
Nec vero neglegenda est fama nec mediocre telum ad res gerendas existimare oportet benevolentiam civium; quam blanditiis et assentando colligere turpe est;Aber gegen unseren guten Namen dürfen wir nicht gleichgültig sein, und man hat das Wohlwollen seiner Mitbürger als ein bedeutendes Schutz- und Hilfsmittel für die öffentliche Tätigkeit zu betrachten; dasselbe jedoch durch Schmeichelei und Augendienerei zu erbitten, ist entehrend.
virtus, quam sequitur caritas, minime repudianda est.Die Tugend, die herzliche Liebe anderer zur Folge hat, darf man durchaus nicht hintansetzen.
 
Sed (saepe enim redeo ad Scipionem, cuius omnis sermo erat de amicitia) querebatur, quod omnibus in rebus homines diligentiores essent; Allerdings beklagte sich dieser Mann – ich komme nämlich oft auf Scipio zurück, der das Hauptwort über die Freundschaft führte –, die Menschen seien in allen anderen Dingen sorgfältiger.
capras et oves quot quisque haberet, dicere posse, amicos quot haberet, non posse dicere et in illis quidem parandis adhibere curam, in amicis eligendis neglegentis esse nec habere quasi signa quaedam et notas, quibus eos, qui ad amicitias essent idonei, iudicarent.Jeder wisse zwar, wieviel Ziegen und Schafe er habe, aber nicht, wie viele Freunde. Auf die Anschaffung der Tiere verwendeten die Leute Mühe und Fleiß, in der Wahl der Freunde hingegen seien sie nachlässig; es fehle ihnen gleichsam an Kennzeichen und Merkmalen, an denen sie diejenigen erkennen könnten, die der Freundschaft fähig sind.
Sunt igitur firmi et stabiles et constantes eligendi; cuius generis est magna penuria. Et iudicare difficile est sane nisi expertum;Männer von festem, sicherem und beständigem Charakter sind es also, die wir uns zu Freunden wählen müssen. Davon gibt es freilich wenige; und ohne Prüfung ist ohnehin die Beurteilung schwer.
experiendum autem est in ipsa amicitia. Ita praecurrit amicitia iudicium tollitque experiendi potestatem.Diese Prüfung aber lässt sich erst während der Freundschaft selbst anstellen; insofern eilt die Freundschaft dem Urteil voraus und nimmt uns die Möglichkeit der Prüfung.
 
Est igitur prudentis sustinere ut currum, sic impetum benevolentiae, quo utamur quasi equis temptatis, sic amicitia ex aliqua parte periclitatis moribus amicorum.Die Klugheit verlangt daher, dem ungestümen Drängen des Wohlwollens wie dem Lauf eines Wagens Einhalt zu gebieten; und zwar soll man sich, wie man von Pferden erst nach Versuchen Gebrauch macht, so Freundschaften erst dann überlassen, wenn der Charakter der Freunde einigermaßen erprobt ist.
Quidam saepe in parva pecunia perspiciuntur, quam sint leves, quidam autem, quos parva movere non potuit, cognoscuntur in magna.Manche verraten ihre Schwäche schon bei einer kleinen Geldsumme, andere geben sie bei einer großen zu erkennen, wenn eine kleine keinen Eindruck auf sie machen konnte.
Sin vero erunt aliqui reperti, qui pecuniam praeferre amicitiae sordidum existiment, ubi eos inveniemus, qui honores, magistratus, imperia, potestates, opes amicitiae non anteponant, ut, cum ex altera parte proposita haec sint, ex altera ius amicitiae, non multo illa malint?Sollten sich aber auch welche finden, die es für schmutzig halten, das Geld der Freundschaft vorzuziehen, wo werden wir sodann diejenigen finden, die Ehrenstellen, Ämter, Befehlshaberstellen, Gewalt und Macht der Freundschaft nicht vorziehen, und die nicht in dem Fall, dass ihnen in der einen Waagschale diese Güter, in der anderen die Freundschaft mit ihren Rechten und Pflichten zur Wahl vorgelegt würde, nicht bei weitem jenen Gütern den Vorzug geben würden?
Imbecilla enim est natura ad contemnendam potentiam; quam etiamsi neglecta amicitia consecuti sint, obscuratum iri arbitrantur, quia non sine magna causa sit neglecta amicitia.Die menschliche Natur ist zu schwach, um gleichgültig gegen den Reiz der Macht zu sein; und hat man sich selbst mit Aufopferung der Freundschaft in deren Besitzt gesetzt, so glaubt man doch darin eine Bemäntelung zu finden, dass man nicht ohne wichtige Beweggründe die Freundschaft aufgegeben habe.
 
Itaque verae amicitiae difficillime reperiuntur in iis, qui in honoribus reque publica versantur; ubi enim istum invenias, qui honorem amici anteponat suo?Darum findet man wahre Freundschaften so selten bei Männern, die in öffentlichen Staatsämtern stehen. Denn wo willst du denn Mann finden, der die Ehre des Freundes der eigenen vorzöge?
Quid? haec ut omittam, quam graves, quam difficiles plerisque videntur calamitatum societates! ad quas non est facile inventu, qui descendant.Ferner – um das übrige auszulassen: wie lästig, wie drückend ist für die meisten die Teilnahme am Unglück! Dazu wird sich nicht leicht jemand bequemen.
Quamquam Ennius recte: Amicus certus in re incerta cernitur, tamen haec duo levitatis et infirmitatis plerosque convincunt, aut si in bonis rebus contemnunt aut in malis deserunt. Zwar sagt Ennius zu Recht: "Ein sicherer Freund bewährt sich im Wankelmut des Glücks." Dessen ungeachtet gibt es zwei Fälle, die die meisten Menschen der Schwachheit und Flatterhaftigkeit überführen: erstens, wenn sie den Freund in ihrem Glück verachten; zweitens, wenn sie ihn in seinem Unglück im Stich lassen.
Qui igitur utraque in re gravem, constantem, stabilem se in amicitia praestiterit, hunc ex maxime raro genere hominum iudicare debemus et paene divino.Wer sich also in beiden Fällen als ernsthaft, beständig und unwandelbar in der Freundschaft bewiesen hat, den müssen wir zu einem höchst seltenen Schlag von Menschen, ja fast unter die Götter zählen.
 
Firmamentum autem stabilitatis constantiaeque eius, quam in amicitia quaerimus, fides est; nihil est enim stabile, quod infidum est.Der Grundpfeiler dieser festen Dauer, die wir in der Freundschaft suchen, ist die Treue. Denn nichts ist von Bestand, was treulos ist.
Simplicem praeterea et communem et consentientem, id est qui rebus isdem moveatur, eligi par est, quae omnia pertinent ad fidelitatem;Der Freund, den wir wählen, muss außerdem ohne Falsch sein, mitteilsam und mit uns in seiner Grundhaltung übereinstimmen, d.h. von gleichen Eindrücken wie wir bewegt werden; lauter Eigenschaften, die zur Treue gehören.
neque enim fidum potest esse multiplex ingenium et tortuosum, neque vero, qui non isdem rebus movetur naturaque consentit, aut fidus aut stabilis potest esse.Denn weder kann ein Gemüt voller Falten und Krümmungen treu sein; noch kann der treu oder beständig sein, der nicht für gleiche Eindrücke mit uns empfänglich ist und nicht seinem Wesen nach mit uns übereinstimmt.
Addendum eodem est, ut ne criminibus aut inferendis delectetur aut credat oblatis, quae pertinent omnia ad eam, quam iam dudum tracto, constantiam.Dazu kommt, dass der Freund weder selbst Freude daran finden soll, andere anzuschuldigen, noch den von andern vorgebrachten Anschuldigungen Glauben schenkt. Alles dies sind Erfordernisse der bis jetzt abgehandelten Beständigkeit.
Ita fit verum illud, quod initio dixi, amicitiam nisi inter bonos esse non posse.So bestätigt sich die Wahrheit des anfangs aufgestellten Satzes, dass Freundschaft nur unter tugendhaften Menschen denkbar ist.
Est enim boni viri, quem eundem sapientem licet dicere, haec duo tenere in amicitia:Denn der Tugendhafte, den wir auch den Weisen nennen dürfen, beobachtet in der Freundschaft folgende zwei Grundsätze:
primum ne quid fictum sit neve simulatum; aperte enim vel odisse magis ingenui est, quam fronte occultare sententiam;Erstens keine Verstellung, keine Heuchelei darf stattfinden; denn sogar andere zu hassen, ist, wenn es offen geschieht, noch edler, als die Gesinnung unter verstellter Miene zu verbergen.
deinde non solum ab aliquo allatas criminationes repellere, sed ne ipsum quidem esse suspiciosum, semper aliquid existimantem ab amico esse violatum.Zweitens hat man nicht bloß vorgebrachte Anschuldigungen abzuweisen, sondern man soll auch sich selbst nicht gern dem Argwohn hingeben und nicht glauben, der Freund habe seine Pflicht gegen uns verletzt.
 
Accedat huc suavitas quaedam oportet sermonum atque morum, haudquaquam mediocre condimentum amicitiae.Dazu muss sich eine gewisse Freundlichkeit in der Unterhaltung und Anmut der Sitten gesellen, eine nicht unbedeutende Würze der Freundschaft.
Tristitia autem et in omni re severitas habet illa quidem gravitatem, sed amicitia remissior esse debet et liberior et dulcior et ad omnem comitatem facilitatemque proclivior.Ein finsteres und stets ernstes Benehmen – es gibt uns freilich eine gewisse Würde; allein die Freundschaft muss aufgeräumter, zwangloser, lieblicher und für Freundlichkeit und Gefälligkeit empfänglicher sein.
 
Exsistit autem hoc loco quaedam quaestio subdifficilis, num quando amici novi, digni amicitia, veteribus sint anteponendi, ut equis vetulis teneros anteponere solemus.Es entsteht hier allerdings die etwas schwierige Frage, ob nicht zuweilen neue Freunde, die unsere Freundschaft verdienen, alten Freunden vorzuziehen sind, wie man zum Beispiel jungen Pferden vor alten den Vorzug zu geben pflegt.
Indigna homine dubitatio! Non enim debent esse amicitiarum sicut aliarum rerum satietates;Wahrhaftig, eine des Menschen unwürdige Bedenklichkeit! Denn der Freundschaft darf man nicht überdrüssig werden, wie anderer Dinge.
veterrima quaeque, ut ea vina, quae vetustatem ferunt, esse debet suavissima; verumque illud est, quod dicitur, multos modios salis simul edendos esse, ut amicitiae munus expletum sit.Je älter die Freundschaften sind, desto lieblicher sind sie, wie Weine, die sich lange gehalten haben; und wahr ist das Sprichwort: „Man muss viele Scheffel Salz miteinander aufgezehrt haben, wenn das Werk der Freundschaft vollendet sein soll.“
 
Novitates autem, si spem adferunt, ut tamquam in herbis non fallacibus fructus appareat, non sunt illae quidem repudiandae, vetustas tamen suo loco conservanda; maxima est enim vis vetustatis et consuetudinis.Neue Freundschaftsbündnisse darf man nicht verschmähen, wenn sie uns, wie Gewächse, die uns nicht enttäuschen, die Hoffnung einstiger Frucht gewähren. Alte Freundschaften jedoch müssen ihren Rang behaupten. Denn die Macht der Gewohnheit und des Alters ist sehr groß.
Quin in ipso equo, cuius modo feci mentionem, si nulla res impediat, nemo est, quin eo, quo consuevit, libentius utatur quam intractato et novo.Ja, um bei dem Gleichnis des Pferdes zu bleiben, das ich soeben gebraucht habe, jedermann bedient sich doch, vorausgesetzt, dass kein anderes da ist, lieber eines Pferdes, an das er gewöhnt ist als eines neuen, das noch nicht abgerichtet ist;
Nec vero in hoc quod est animal, sed in iis etiam, quae sunt inanima, consuetudo valet, cum locis ipsis delectemur, montuosis etiam et silvestribus, in quibus diutius commorati sumus.aber nicht nur im Tierreich, sondern auch im Bereich der leblosen Natur äußert die Gewohnheit ihre Macht, da wir sogar an gebirgigen und waldreichen Gegenden ein Vergnügen finden, wenn wir uns lange Zeit in ihnen aufgehalten haben. –
 
Sed maximum est in amicitia parem esse inferiori.Aber von höchster Wichtigkeit in der Freundschaft ist es, dass der Höhere sich dem Geringeren gleichstelle.
Saepe enim excellentiae quaedam sunt, qualis erat Scipionis in nostro, ut ita dicam, grege.Denn oft gibt es einzelne ausgezeichnete Personen, wie zum Beispiel Scipio in unserem Kreis, wenn ich so sagen darf.
Numquam se ille Philo, numquam Rupilio, numquam Mummio anteposuit, numquam inferioris ordinis amicis, Q. vero Maximum fratrem, egregium virum omnino, sibi nequaquam parem, quod is anteibat aetate, tamquam superiorem colebat suosque omnes per se posse esse ampliores volebat.Nie maßte sich dieser Mann einen Vorzug vor Philus an, nie vor Rupilius, nie vor Mummius, nie vor Freunden niedrigeren Standes. Ja seinem Bruder Quintus Maximus, einem vortrefflichen Mann, der ihm an Rang allerdings weit nachstand, erwies er dennoch, weil er älter war, eine Achtung, wie sie nur einem Höheren gebührt; und es war ihm mehr darum zu tun, dass die Seinigen durch ihn zu höherem Ansehen gelangen konnten.
 
Quod faciendum imitandumque est omnibus, ut, si quam praestantiam virtutis, ingenii, fortunae consecuti sint, impertiant ea suis communicentque cum proximis;Diese Handlungsweise verdient allgemeine Nachahmung. Aus diesem Grund sollte jeder, der irgend einen sittlichen oder geistigen Vorzug erreicht oder irgendein besonderes Glück gemacht hat, alle diese Vorzüge den Seinigen zugute kommen und an ihnen seine nächsten Angehörigen teilnehmen lassen;
ut, si parentibus nati sint humilibus, si propinquos habeant imbecilliore vel animo vel fortuna, eorum augeant opes eisque honori sint et dignitati.so verbessert er deren Umstände, die von gemeinen Eltern abstammen, und verhilft denen zu Ansehen und Ehre, die weniger mutige oder glückliche Verwandte haben.
Ut in fabulis, qui aliquamdiu propter ignorationem stirpis et generis in famulatu fuerunt, cum cogniti sunt et aut deorum aut regum filii inventi, retinent tamen caritatem in pastores, quos patres multos annos esse duxerunt.Beispiele davon gibt uns die Welt der Bühne, wo diejenigen, die ihrer unbekannten Geburt und Abkunft wegen eine Zeit lang in Dienstbarkeit lebten, auch nach der Entdeckung ihrer Abstammung von Göttern oder Königen doch ihrer Liebe zu den Hirten treu blieben, in denen sie viele Jahre lang ihre Väter zu sehen glaubten.
Quod est multo profecto magis in veris patribus certisque faciendum.Sind aber die wahren Eltern bekannt, so sind wir zur einem solchen Betragen gewiss umso mehr verpflichtet.
Fructus enim ingenii et virtutis omnisque praestantiae tum maximus capitur, cum in proximum quemque confertur.Denn von einem Vorzug des Geistes, der Tugend und überhaupt einer jeden Auszeichnung zieht man dann den größten Genuss, wenn man ihn jedem in dem Grad zufließen lässt, als er uns näher steht.
 
Ut igitur ii, qui sunt in amicitiae coniunctionisque necessitudine superiores, exaequare se cum inferioribus debent, sic inferiores non dolere se a suis aut ingenio aut fortuna aut dignitate superari.Ist es aber im engen Bund der Freundschaft oder sonstiger Beziehung Pflicht für den Höheren, sich Freunden geringeren Standes gleichzustellen, so ist es auf der anderen Seite Pflicht der Geringeren, nicht darüber gekränkt zu sein, wenn ihre Freunde sie an Vorzügen des Geistes oder des Glücks oder an Würde übertreffen.
Quorum plerique aut queruntur semper aliquid aut etiam exprobrant, eoque magis, si habere se putant, quod officiose et amice et cum labore aliquo suo factum queant dicere.Allein die meisten wissen immer etwas zu klagen oder dem Freund Vorwürfe zu machen, und dies um so mehr, wenn sie glauben, Fälle anführen zu können, wo sie selbst auf eine dienstfertige und liebevolle Weise mit eigener Anstrengung für den Freund etwas getan haben.
Odiosum sane genus hominum officia exprobrantium; quae meminisse debet is, in quem conlata sunt, non commemorare, qui contulit.Gewiss eine hassenswerter Menschenschlag, der anderen Wohltaten vorrückt, deren bloß der Empfänger gedenken, die aber, wer sie erwies, nicht erwähnen soll.
 
Quam ob rem, ut ii qui superiores sunt submittere se debent in amicitia, sic quodam modo inferiores extollere.So wie sich also die Höheren in der Freundschaft herablassen sollen, so müssen sie auch Niedrigere zu erheben suchen.
Sunt enim quidam, qui molestas amicitias faciunt, cum ipsi se contemni putant;Denn manche machen sich selbst die Freundschaft dadurch zur Last, dass sie glauben, gering geschätzt zu werden.
quod non fere contingit, nisi iis, qui etiam contemnendos se arbitrantur; qui hac opinione non modo verbis sed etiam opere levandi sunt.Dies ist gewöhnlich bei denen der Fall, die sich selbst der Geringschätzung wert halten; und man muss ihnen diesen Wahn nicht nur durch Zureden, sondern auch durch tätige Beweise der Achtung zu nehmen suchen.
 
Tantum autem cuique tribuendum, primum quantum ipse efficere possis, deinde etiam quantum ille, quem diligas atque adiuves, sustinere.Unsere Wirksamkeit im Dienst der Freundschaft muss sich erstlich nach dem Maß unserer eigenen Kraft, zweitens nach dem Grad der Fähigkeit des Freundes richten, der Gegenstand unsrer Liebe und Fürsorge ist.
Non enim neque tu possis, quamvis excellas, omnes tuos ad honores amplissimos perducere, ut Scipio P. Rupilium potuit consulem efficere, fratrem eius L. non potuit. Denn wie überwiegend auch unser Einfluss sein mag, so können wir doch nicht alle die Unsrigen zu den ansehnlichsten Ehrenstellen erheben. So konnte zum Beispiel Scipio zwar dem Publius Rupilius, nicht aber dessen Bruder Lucius das Konsulat verschaffen.
Quod si etiam possis quidvis deferre ad alterum, videndum est tamen, quid ille possit sustinere.Gesetzt aber auch, wir könnten dem andern, was wir auch immer wollten, zuwenden, so haben wir doch darauf zu sehen, was er zu leisten vermag.
 
Omnino amicitiae corroboratis iam confirmatisque et ingeniis et aetatibus iudicandae sunt, nec, si qui ineunte aetate venandi aut pilae studiosi fuerunt, eos habere necessarios, quos tum eodem studio praeditos dilexerunt. Überhaupt hat man den Wert der Freundschaft erst dann zu bestimmen, wenn Verstand, Charakter und Alter eine gewisse Festigkeit und Reife erlangt haben. Auch haben diejenigen, die etwa in früher Jugend die Jagd oder das Ballspiel leidenschaftlich liebten, nicht notwendigerweise mit denen enge Freundschaft, die sie damals eben wegen ihrer gleichen Leidenschaft liebten.
Isto enim modo nutrices et paedagogi iure vetustatis plurimum benevolentiae postulabunt;Denn käme es hierauf an, hätten unsere Ammen und Erzieher nach dem Recht der früheren Bekanntschaft auf unser größtes Wohlwollen Anspruch.
qui neglegendi quidem non sunt, sed alio quodam modo aestimandi.Man darf diese freilich nicht vernachlässigen, allein mit der ihnen gebührenden Achtung hat es eine andere Bewandtnis.
Aliter amicitiae stabiles permanere non possunt.Ohne diese Rücksicht kann die Freundschaft nicht von dauerhaften Bestand sein.
Dispares enim mores disparia studia sequuntur, quorum dissimilitudo dissociat amicitias;Denn ungleiche Charaktere haben ungleiche Neigungen im Gefolge, und eben diese Verschiedenheit entzweit Freunde;
nec ob aliam causam ullam boni improbis, improbi bonis amici esse non possunt, nisi quod tanta est inter eos, quanta maxima potest esse, morum studiorumque distantia.und aus keinem anderen Grund ist es unmöglich, dass unter guten und schlechten Menschen Freundschaft besteht, als weil hier der Abstand der Charaktere und Neigungen auf dem denkbar höchsten Grad steht.
 
Recte etiam praecipi potest in amicitiis, ne intemperata quaedam benevolentia, quod persaepe fit, impediat magnas utilitates amicorum.Mit Recht kann man in der Freundschaft auch die Regel aufstellen, es solle, was so oft der Fall ist, kein übertriebenes Wohlwollen unsere Freunde an der Ausführung nützlichen Unternehmungen hindern.
Nec enim, ut ad fabulas redeam, Troiam Neoptolemus capere potuisset, si Lycomedem, apud quem erat educatus, multis cum lacrimis iter suum impedientem audire voluisset.Denn, um zur Bühne zurückzukehren: Neoptolemos hätte Troia nicht erobern können, wenn er auf Lykomedes, bei dem er erzogen worden war, hätte hören wollen, als er ihn unter vielen Tränen von seinem Zug abzuhalten suchte.
Et saepe incidunt magnae res, ut discedendum sit ab amicis; quas qui impedire vult, quod desiderium non facile ferat, is et infirmus est mollisque natura et ob eam ipsam causam in amicitia parum iustus.Und oft treten wichtige Fälle ein, wo man sich von Freunden trennen muss. Wer nur diese Fälle zu entfernen zu, weil seine Sehnsucht den Verlust nicht ertragen kann, der zeigt ein schwaches und weichliches Gemüt und eben deshalb zu wenig rechtlichen Sinn gegen seinen Freund.
 
Atque in omni re considerandum est, et quid postules ab amico et quid patiare a te impetrari.Und doch sollte man stets sowohl die Forderungen beachten, die man an den Freund stellt, als auch die Bitten, die man ihm gewähren darf.
Est etiam quaedam calamitas in amicitiis dimittendis non numquam necessaria;Zuweilen tritt aber auch die unglückliche Notwendigkeit für uns ein, geschlossene Freundschaften wieder aufzuheben.
iam enim a sapientium familiaritatibus ad vulgares amicitias oratio nostra delabitur.Unser Vortrag kommt jetzt nämlich von den freundschaftlichen Verbindungen des Weisen zu den alltäglichen Freundschaften.
Erumpunt saepe vitia amicorum tum in ipsos amicos, tum in alienos, quorum tamen ad amicos redundet infamia.Oft lassen sich Freunde Fehler zu Schulden kommen, das eine Mal gegen Freunde, das andere Mal gegen Fremde, wovon jedoch immer die Schande auf die Freunde selbst zurückfällt.
Tales igitur amicitiae sunt remissione usus eluendae et, ut Catonem dicere audivi, dissuendae magis quam discindendae, nisi quaedam admodum intolerabilis iniuria exarserit, ut neque rectum neque honestum sit nec fieri possit, ut non statim alienatio disiunctioque faciunda sit.Solche Freundschaften muss man durch Abschwächung im Umgang allmählich erlöschen lassen und ein solches Band, wie ich Cato sagen hörte, eher auftrennen als zerschneiden; es läge denn ein so unerträgliches Unrecht gegen uns vor, dass es weder recht noch schicklich noch überhaupt möglich bliebe, die innere Lossagung und äußeren Trennung auch nur einen Augenblick aufzuschieben.
 
Sin autem aut morum aut studiorum commutatio quaedam, ut fieri solet, facta erit aut in rei publicae partibus dissensio intercesserit (loquor enim iam, ut paulo ante dixi, non de sapientium sed de communibus amicitiis), cavendum erit, ne non solum amicitiae depositae, sed etiam inimicitiae susceptae videantur.Haben sich hingegen, was nicht ungewöhnlich ist, Charakter und Neigungen geändert oder hat politische Parteisucht zu Misshelligkeiten geführt – ich rede jetzt nämlich, wie ich kurz zuvor bemerkt habe, nicht von den Freundschaften der Weisen, sondern von den alltäglichen – so hat man sich vor dem Anschein zu hüten, nicht bloß die Freundschaft sei aufgehoben, sondern auch Feindschaft sei aufgenommen worden.
Nihil est enim turpius quam cum eo bellum gerere, quocum familiariter vixeris.Denn nichts entehrt mehr, als mit demjenigen Krieg zu führen, mit dem man vorher auf einem freundschaftlichen Fuß gelebt hat.
Ab amicitia Q. Pompei meo nomine se removerat, ut scitis, Scipio; propter dissensionem autem, quae erat in re publica, alienatus est a collega nostro Metello; utrumque egit graviter, auctoritate et offensione animi non acerba.Von der Freundschaft des Quintus Pompeius hatte sich Scipio, wie ihr wisst, mir zuliebe zurückgezogen; wegen eines Streites aber über eine Staatsangelegenheit sagte er sich von meinem Amtsgenossen Metellus los. Bei beiden Veranlassungen handelte er mit Ernst, Würde und ohne bittere Kränkung.
 
Quam ob rem primum danda opera est, ne qua amicorum discidia fiant; sin tale aliquid evenerit, ut exstinctae potius amicitiae quam oppressae videantur.Mit Fleiß muss man daher vor allem zu verhindern suchen, dass Trennungen zwischen Freunden stattfinden; wenn sich aber etwas der Art zuträgt, so muss das Licht der Freundschaft mehr allmählich erlöschen, als mit Gewalt ausgeschlagen werden.
Cavendum vero, ne etiam in graves inimicitias convertant se amicitiae; ex quibus iurgia, maledicta, contumeliae gignuntur.Ferner hüte man sich, dass Freundschaften in bittere Feindschaften umschlagen. Daraus entstehen nur Zänkereien, Schmähungen und Beschimpfungen.
Quae tamen si tolerabiles erunt, ferendae sunt, et hic honos veteri amicitiae tribuendus, ut is in culpa sit, qui faciat, non is qui patiatur iniuriam.Selbst diese muss man sich, wenn sie erträglich sind, gefallen lassen; und man ist der alten Freundschaft so viel Ehre schuldig, dass nur der die Schuld trägt, der beleidigt, nicht der Beleidigte.
Omnino omnium horum vitiorum atque incommodorum una cautio est atque una provisio, ut ne nimis cito diligere incipiant neve non dignos.Gegen alle diese Fehler und Unannehmlichkeiten gibt es eine sichere Vorsichtsregel: wir sollen nicht gar zu schnell anfangen zu lieben, und nur würdige.
 
Digni autem sunt amicitia, quibus in ipsis inest causa, cur diligantur.Würdig unserer Freundschaft sind aber diejenigen, in denen selbst der Grund liegt, der sie der Liebe wert macht.
Rarum genus. Et quidem omnia praeclara rara, nec quicquam difficilius quam reperire, quod sit omni ex parte in suo genere perfectum.Freilich eine Seltenheit! Aber alles Vortreffliche ist selten und nichts ist schwieriger, als etwas aufzufinden, was in seiner Art in jeder Beziehung vollkommen wäre.
Sed plerique neque in rebus humanis quicquam bonum norunt, nisi quod fructuosum sit; et amicos tamquam pecudes eos potissimum diligunt, ex quibus sperant se maximum fructum esse capturos.Aber die meisten Menschen kennen in der Welt nichts Gutes außer dem, was ihnen Nutzen bringt; und sie lieben unter ihren Freunden wie unter ihren Viehherden am meisten diejenigen, die ihnen den größten Nutzen versprechen.
 
Ita pulcherrima illa et maxime naturali carent amicitia per se et propter se expetita, nec ipsi sibi exemplo sunt, haec vis amicitiae et qualis et quanta sit.So entbehren sie jene so schöne und so natürliche Freundschaft, die an und für sich begehrenswert ist; und sind sich so nicht selbst Beispiel für das Wesen der Freundschaft, ihren hohen Wert und ihre Wichtigkeit.
Ipse enim se quisque diligit, non ut aliquam a se ipse mercedem exigat caritatis suae, sed quod per se sibi quisque carus est.Denn jeder liebt sich selbst, nicht, um für diese Liebe von sich den Lohn zu fordern, sondern weil einem jeden sein eigenes Selbst an und für sich lieb ist.
Quod nisi idem in amicitiam transferetur, verus amicus numquam reperietur; est enim is, qui est tamquam alter idem.Wenn wir nun dasselbe nicht auch auf die Freundschaft übertragen, so wird sich nie ein wahrer Freund finden. Denn dieser ist gleichsam unser zweites Ich.
 
Quod si hoc apparet in bestiis, volucribus, nantibus, agrestibus, cicuribus, feris, primum ut se ipsae diligant (id enim pariter cum omni animante nascitur), deinde ut requirant atque appetant, ad quas se applicent eiusdem generis animantis, idque faciunt cum desiderio et cum quadam similitudine amoris humani, quanto id magis in homine fit natura!Dies zeigt sich schon bei den Tieren, sie mögen in der Luft, im Wasser oder auf dem Land leben, wild oder zahm sein. Erstlich lieben sie sich, ein Trieb, der jedem lebenden Geschöpf angeboren ist; zweitens suchen sie begierig Wesen ihrer Art auf, um sich an sie anzuschließen, und zwar mit einer Sehnsucht, die mit der Liebe des Menschen Ähnlichkeit hat. Um wie viel mehr muss dieser Trieb in der Natur des Menschen liegen!
qui et se ipse diligit et alterum anquirit, cuius animum ita cum suo misceat, ut efficiat paene unum ex duobus.Dieser liebt sich selbst und sucht einen anderen auf, dessen Seele er so innig mit der seinen verbindet, dass er aus zwei Seelen gleichsam eine schafft!
 
Sed plerique perverse, ne dicam impudenter, habere talem amicum volunt, quales ipsi esse non possunt; quaeque ipsi non tribuunt amicis, haec ab iis desiderant.Aber die meisten Menschen wünschen sich ganz verkehrt, fast möchte ich sagen unverschämt, solche Freunde, wie sie es selbst nicht sein können; und was sie selbst dem Freund nicht zu leisten vermögen, das erwarten Sie von ihm.
Par est autem primum ipsum esse virum bonum, tum alterum similem sui quaerere.Richtig aber wäre es, zuerst selbst tugendhaft zu sein, ehe man sich dann einen andern, ähnlichen, sucht.
In talibus ea, quam iam dudum tractamus, stabilitas amicitiae confirmari potest, cum homines benevolentia coniuncti primum cupiditatibus iis, quibus ceteri serviunt, imperabunt, deinde aequitate iustitiaque gaudebunt, omniaque alter pro altero suscipiet, neque quicquam umquam nisi honestum et rectum alter ab altero postulabit, neque solum colent inter se ac diligent sed etiam verebuntur.Nur unter solchen Menschen kann sich jene Beständigkeit der Freundschaft, von der wir schon lange reden, kräftigen, wenn Männer, die das Wohlwollen verbindet, zunächst diejenigen Gelüste beherrschen, deren Sklaven andere sind, sodann an Billigkeit und Gerechtigkeit Gefallen finden, einer für den andern gern alles übernimmt und nur das von dem anderen verlangt, was schicklich und recht ist; wenn sie sich gegenseitig nicht nur achten und lieben, sondern auch eine sittliche Scheu voreinander haben.
Nam maximum ornamentum amicitiae tollit, qui ex ea tollit verecundiam.Denn wer der Freundschaft die sittliche Scheu nimmt, der nimmt ihr ihre größte Zierde.
 
Itaque in iis perniciosus est error, qui existimant libidinum peccatorumque omnium patere in amicitia licentiam;Darum sind diejenigen in einem verderblichen Irrtum befangen, die sich einbilden, die Freundschaft eröffne eine Freistätte für alle Lüste und Verfehlungen.
virtutum amicitia adiutrix a natura data est, non vitiorum comes, ut, quoniam solitaria non posset virtus ad ea, quae summa sunt, pervenire, coniuncta et consociata cum altera perveniret.Nicht zur Gefährtin des Lasters hat die Natur die Freundschaft ausersehen, sondern zur Gehilfin der Tugend, damit diese, weil sie nicht für sich allein zum höchsten Ziel gelangen kann, dies in enger Gemeinschaft mit der Freundschaft erreiche.
Quae si quos inter societas aut est aut fuit aut futura est, eorum est habendus ad summum naturae bonum optumus beatissimusque comitatus.Gelingt diese Verbindung bei irgendwem in Gegenwart, Vergangenheit oder Zukunft, so hat man sie als bestes und seligstes Geleit auf dem Pfad zum höchsten von der Natur bestimmten Gut anzusehen.
 
Haec est, inquam, societas, in qua omnia insunt, quae putant homines expetenda, honestas, gloria, tranquillitas animi atque iucunditas, ut et, cum haec adsint, beata vita sit et sine his esse non possit.Eine solche Verbindung, behaupte ich, ist es, die alles in sich schließt, was dem Menschen als wünschenswert erscheint, Ehre, Ruhm, Seelenruhe und frohen Lebensgenuss. Wo diese Güter sind, da ist das selige Leben, ohne sie aber nicht.
Quod cum optimum maximumque sit, si id volumus adipisci, virtuti opera danda est, sine qua nec amicitiam neque ullam rem expetendam consequi possumus;Wollen wir zum Besitz dieser edelsten und vollkommensten Güter gelangen, so müssen wir uns der Tugend befleißigen, ohne die uns weder die Freundschaft noch sonst ein wünschenswertes Gut zuteil werden kann.
ea vero neglecta qui se amicos habere arbitrantur, tum se denique errasse sentiunt, cum eos gravis aliquis casus experiri cogit.Wer aber, ohne die Tugend zu achten, dennoch Freunde zu haben wähnt, wird dann erst seine Täuschung bemerken, wenn irgend ein großes Unglück ihn nötigt, sie auf die Probe zu stellen.
 
Quocirca (dicendum est enim saepius), cum iudicaris, diligere oportet, non, cum dilexeris, iudicare. Darum muss (ich kann es nicht oft genug betonen) die Prüfung der Liebe, nicht die Liebe der Prüfung vorangehen.
Sed cum multis in rebus neglegentia plectimur, tum maxime in amicis et deligendis et colendis;Oft genug werden wir für unsere Nachlässigkeit bestraft, am meisten aber in der Wahl und Behandlung unserer Freunde.
praeposteris enim utimur consiliis et acta agimus, quod vetamur vetere proverbio.Denn oft wollen wir erst später klug sein und „handeln zuerst, dann denken wir“, was uns schon ein altes Sprichwort untersagt.
Nam implicati ultro et citro vel usu diuturno vel etiam officiis repente in medio cursu amicitias exorta aliqua offensione disrumpimus.Denn obwohl wir teils durch täglichen Umgang, teils auch durch Gefälligkeiten beidseits einander verbunden sind, zerreißen wir dann mit einem Mal beim kleinsten Anstoß mitten im Lauf das Band der Freundschaft.
 
Quo etiam magis vituperanda est rei maxime necessariae tanta incuria.Um so mehr ist eine so große Achtlosigkeit in einer so wichtigen und notwendigen Angelegenheit zu tadeln.
Una est enim amicitia in rebus humanis, de cuius utilitate omnes uno ore consentiunt.Denn die Freundschaft ist für den Menschen das einzige, über dessen Wert alle nur mit einer Stimme sprechen.
Quamquam a multis virtus ipsa contemnitur et venditatio quaedam atque ostentatio esse dicitur;Indes achten viele dabei die Tugend sogar gering und geben sie für Prahlerei und bloße Selbstdarstellung aus.
multi divitias despiciunt, quos parvo contentos tenuis victus cultusque delectat;Viele verachten Reichtum, begnügen sich mit wenig und finden Gefallen an einem sparsamen Lebenswandel.
honores vero, quorum cupiditate quidam inflammantur, quam multi ita contemnunt, ut nihil inanius, nihil esse levius existiment!Ehrenvolle Ämter vollends, für die sich manchen leidenschaftlich begeistern: wie viele Menschen schätzen sie so gering, dass sie nichts für eitler, nichts für geringfügiger halten!
itemque cetera, quae quibusdam admirabilia videntur, permulti sunt, qui pro nihilo putent;Ebenso gibt es sehr viele, die andere Dinge, die von manchen bewundert werden, für nichts erachten.
de amicitia omnes ad unum idem sentiunt, et ii, qui ad rem publicam se contulerunt, et ii, qui rerum cognitione doctrinaque delectantur, et ii, qui suum negotium gerunt otiosi, postremo ii, qui se totos tradiderunt voluptatibus, sine amicitia vitam esse nullam, si modo velint aliqua ex parte liberaliter vivere.Über die Freundschaft herrscht allgemein nur eine Ansicht: Staatsmänner, Gelehrte, private Geschäftsleute und solche, die nur dem Vergnügen leben, sind, wenn sie nur einigermaßen wie Gebildete leben wollen, der Meinung, dass es ohne Freundschaft so gut wie kein Leben gibt.
 
Serpit enim nescio quo modo per omnium vitas amicitia nec ullam aetatis degendae rationem patitur esse expertem sui.Die Freundschaft schleicht sich nämlich irgendwie in aller Menschen Leben ein, und lässt keine Lebensweise ohne ihren Einfluss.
Quin etiam si quis asperitate ea est et immanitate naturae, congressus ut hominum fugiat atque oderit, qualem fuisse Athenis Timonem nescio quem accepimus, tamen is pati non possit, ut non anquirat aliquem, apud quem evomat virus acerbitatis suae.Wäre auch jemand von so rauher und unempfindlicher Gemütsart, dass er allen Umgang mit Menschen flieht und hasst, wie uns ein Beispiel aus Athen in der Person eines gewissen Timon überliefert wird, so könnte ein solcher Mensch es doch nicht über sich bringen, sich nicht nach jemandem umzusehen, bei dem er das Gift seiner bitteren Laune ausschütten könnte.
Atque hoc maxime iudicaretur, si quid tale posset contingere, ut aliquis nos deus ex hac hominum frequentia tolleret et in solitudine uspiam collocaret atque ibi suppeditans omnium rerum, quas natura desiderat, abundantiam et copiam hominis omnino aspiciendi potestatem eriperet.Dies würde dann wohl am besten als wahr erkannt, wenn der Fall möglich wäre, dass uns eine Gottheit aus diesem Gewühl der menschlichen Gesellschaft entrückte, in irgendeine Einöde versetzte und uns hier zwar unsere Naturbedürfnisse in reichem Maße befriedigte, uns aber jede Gelegenheit entzöge, eines Menschen ansichtig zu werden.
Quis tam esset ferreus, qui eam vitam ferre posset, cuique non auferret fructum voluptatum omnium solitudo?Wer wäre so gefühllos, dass er ein solches Leben aushalten könnte, dass ihm dieses Alleinsein nicht alle Lebensgenüsse raubte?
 
Verum ergo illud est, quod a Tarentino Archyta, ut opinor, dici solitum nostros senes commemorare audivi ab aliis senibus auditum:Wahr ist also jener Ausspruch, von dem, wenn ich nicht irre, die Alten bei uns erwähnten, der Tarentiner Archytas habe ihn im Mund geführt, und sie hätten ihn wieder von Alten aus früherer Zeit gehört:
"si quis in caelum ascendisset naturamque mundi et pulchritudinem siderum perspexisset, insuavem illam admirationem ei fore; quae iucundissima fuisset, si aliquem, cui narraret, habuisset." "Wäre jemand in den Himmel gestiegen und hätte von dort aus den Kosmos und die Schönheit der Gestirne geschaut, so wäre für ihn jener wundervolle Anblick reizlos geblieben, der ihn höchst entzückt hätte, wenn er jemanden gehabt hätte, dem er es hätte erzählen können."
Sic natura solitarium nihil amat semperque ad aliquod tamquam adminiculum adnititur; quod in amicissimo quoque dulcissimum est.So liebt die Natur durchaus nicht die Einsamkeit, sondern strebt immer gleichsam nach einer Stütze, die um so erfreulicher ist, je befreundeter sie ist.
Sed cum tot signis eadem natura declaret, quid velit, anquirat, desideret, tamen obsurdescimus nescio quo modo nec ea, quae ab ea monemur, audimus.Aber obgleich eben diese Natur es ist, die durch so viele Kennzeichen zu verstehen gibt, was sie will, sucht, bedarf, so sind wir doch irgendwie taub gegen ihre Stimme und horchen nicht auf ihre Mahnungen.
Est enim varius et multiplex usus amicitiae, multaeque causae suspicionum offensionumque dantur, quas tum evitare, tum elevare, tum ferre sapientis est;Denn vielfach und mannigfaltig sind die Erfahrungen, die man in der Freundschaft macht; und zahlreich sind die Anlässe zu Argwohn und Kränkung. Diese teils zu vermeiden, teils zu mildern, teils zu ertragen ist Pflicht des Weisen.
una illa sublevanda offensio est, ut et veritas in amicitia et fides retineatur:Eine Art der Kränkung muss ganz besonders gemildert werden, damit Wahrhaftigkeit und Vertrauen sich in der Freundschaft erhalten.
nam et monendi amici saepe sunt et obiurgandi, et haec accipienda amice, cum benevole fiunt.Freunde bedürfen nämlich nicht selten der Ermahnung und der Zurechtweisung, die man, wenn sie mit Wohlwollen gegeben werden, freundschaftlich aufnehmen muss.
 
Sed nescio quo modo verum est, quod in Andria familiaris meus dicit: "Obsequium amicos, veritas odium parit."Aber leider ist nur zu wahr, was mein Freund Terenz in seinem „Mädchen von Andros“ sagt: "Willfährigkeit schafft Freunde, Wahrheit Hass." (1,41)
Molesta veritas, siquidem ex ea nascitur odium, quod est venenum amicitiae, sed obsequium multo molestius, quod peccatis indulgens praecipitem amicum ferri sinit;Die Wahrheit ist belastend, wenn aus ihr Hass entspringt, der Gift für die Freundschaft ist. Allein die Willfährigkeit ist noch weit belastender, weil sie Verfehlungen nachsieht, und den Freund jählings ins Verderben stürzen lässt.
maxima autem culpa in eo, qui et veritatem aspernatur et in fraudem obsequio impellitur.Die meiste Schuld aber trägt der, der die Wahrheit verschmäht und sich durch schmeichlerische Zustimmung täuschen lässt.
Omni igitur hac in re habenda ratio et diligentia est, primum ut monitio acerbitate, deinde ut obiurgatio contumelia careat;Es ist demnach hier jede Rücksicht und Sorgfalt zu üben, einmal, dass die Ermahnung des Freundes ohne Bitterkeit, sodann dass die Zurechtweisung frei von Beschimpfung bleibe.
in obsequio autem, quoniam Terentiano verbo libenter utimur, comitas adsit, assentatio, vitiorum adiutrix, procul amoveatur, quae non modo amico, sed ne libero quidem digna est; aliter enim cum tyranno, aliter cum amico vivitur.Dieser Willfährigkeit aber muss, weil ich gern ein Wort aus Terenz anführe, "Freundlichkeit zur Seite gehen"; fern bleibe dagegen die Schmeichelei, die Gehilfin der Laster, die nicht nur eines wahren Freundes, sondern auch eines freien und edlen Mannes unwürdig ist. Denn anders lebt man mit einem Freund, anders mit einem Tyrannen.
 
Cuius autem aures clausae veritati sunt, ut ab amico verum audire nequeat, huius salus desperanda est.Wer aber sein Ohr der Wahrheit so sehr verschließt, dass er sie nicht einmal von seinem Freund hören will, an dessen Rettung darf man verzweifeln.
Scitum est enim illud Catonis, ut multa: melius de quibusdam acerbos inimicos mereri quam eos amicos, qui dulces videantur; illos verum saepe dicere, hos numquam.Von Erfahrung zeugt jener Einfall Catos, wie so vieles von ihm: "Bittere Feinde machten sich um manche verdienter als scheinbar angenehm höfliche Freunde. Jene sagten doch oft die Wahrheit, diese niemals."
Atque illud absurdum, quod ii, qui monentur, eam molestiam, quam debent capere, non capiunt, eam capiunt, qua debent vacare;Es ist in der Tat ungereimt, dass denen, die zurecht gewiesen werden, gerade das nicht zuwider ist, was ihnen zuwider sein sollte, und ihnen hingegen dasjenige ein widriges Gefühl verursacht, was sie nicht so empfinden sollten.
peccasse enim se non anguntur, obiurgari moleste ferunt; quod contra oportebat delicto dolere, correctione gaudere.Das Vergehen macht ihnen keinen Kummer; bloß die Zurechtweisung ist ihnen zuwider. Es sollte aber umgekehrt der Fall sein: das Vergehen sollte ihnen schmerzlich, die Zurechtweisung erfreulich sein.
 
Ut igitur et monere et moneri proprium est verae amicitiae et alterum libere facere, non aspere, alterum patienter accipere, non repugnanter, sic habendum est nullam in amicitiis pestem esse maiorem quam adulationem, blanditiam, assentationem;So wie es nun zur wahren Freundschaft gehört, sich gegenseitig zurechtzuweisen, was der eine Teil freimütig, jedoch ohne Bitterkeit tun, der andere mit Geduld und ohne Sträuben annehmen soll, so darf man auch überzeugt sein, dass es nichts Verderblicheres in der Freundschaft gibt als sklavische Kriecherei, niedrige Gefälligkeit und heuchlerische Beifallsbezeugung.
quamvis enim multis nominibus est hoc vitium notandum levium hominum atque fallacium ad voluntatem loquentium omnia, nihil ad veritatem.Denn mit allen möglichen Worten sollte man dieses Laster brandmarken, eine Eigenart leichtsinniger und betrügerischer Menschen, die, was sie reden, nicht der Wahrheit gemäß, sondern andern zu Gefallen reden.
 
Cum autem omnium rerum simulatio vitiosa est (tollit enim iudicium veri idque adulterat), tum amicitiae repugnat maxime; delet enim veritatem, sine qua nomen amicitiae valere non potest.Verstellung ist in jedem Fall fehlerhaft – denn sie macht die Erkenntnis der Wahrheit unmöglich oder verfälscht sie – besonders aber steht sie mit der Freundschaft in höchstem Widerspruch, weil sie die Wahrheit vernichtet, ohne die der Name der Freundschaft gehaltlos ist.
Nam cum amicitiae vis sit in eo, ut unus quasi animus fiat ex pluribus, qui id fieri poterit, si ne in uno quidem quoque unus animus erit idemque semper, sed varius, commutabilis, multiplex?Das Wesen der Freundschaft besteht ja gerade darin, dass aus mehreren Seelen gleichsam eine wird; wie ist dies aber möglich, wenn nicht einmal in jedem einzelnen die Seele sich immer gleich bleibt, sondern wechselhaft, veränderlich und vielgestaltig ist?
 
Quid enim potest esse tam flexibile, tam devium quam animus eius qui ad alterius non modo sensum ac voluntatem sed etiam vultum atque nutum convertitur?Was kann nämlich so biegsam und so unstet sein, wie die Seele dessen, der sich nicht bloß nach dem Sinn und Willen des andern, sondern auch nach dessen Wink und Miene richtet?
"Negat quis, nego; ait, aio; postremo imperavi egomet mihi omnia adsentari.""Sagt jemand Nein, ich auch; sagt jemand Ja, ich auch.Kurz! So gebot ich's mir: nur jedem Recht zu geben."
ut ait idem Terentius, sed ille in Gnathonis persona, quod amici genus adhibere omnino levitatis est.Auch Worte des Terenz, die er jedoch dem Gnatho (einem Speichellecker) in den Mund legt. Solches Gelichter als Freund zuzulassen, wäre reiner Leichtsinn.
 
Multi autem, Gnathonum similes, cum sint loco, fortuna, fama superiores, horum est assentatio molesta, cum ad vanitatem accessit auctoritas.Da aber viele, die Leuten wie Gnatho ganz ähnlich sind, an Stand, Vermögen und Ruhm über uns stehen, so ist ihre Schmeichelei um so lästiger, da ihr Ansehen ihren eitlen Reden noch Gewicht gibt.
 
Secerni autem blandus amicus a vero et internosci tam potest adhibita diligentia quam omnia fucata et simulata a sinceris atque veris.Indessen kann der schmeichelnde Freund von dem wahren, wenn man Sorgfalt walten lässt, ebenso gut unterschieden und erkannt werden, wie man überhaupt alles Geschminkte und Geheuchelte vom Echten und Wahren unterscheiden kann.
Contio, quae ex imperitissimis constat, tamen iudicare solet, quid intersit inter popularem, id est assentatorem et levem civem, et inter constantem et severum et gravem.Eine Volksversammlung, die aus den unerfahrensten Leuten besteht, weiß doch gewöhnlich wohl zu unterscheiden zwischen einem nach Volksgunst buhlenden Schmeichler und Wicht und einem festen, ernsten und ehrwürdigen Bürger.
 
Quibus blanditiis C. Papirius nuper influebat in auris contionis, cum ferret legem de tribunis plebis reficiendis!Welch Schmeicheleien ergoss kürzlich erst Gaius Papirius in die Ohren der Volksversammlung, als er das Gesetz über die Wiederwahl der Volkstribunen einbrachte!
Dissuasimus nos; sed nihil de me, de Scipione dicam libentius. Quanta illi, di immortales, fuit gravitas, quanta in oratione maiestas! ut facile ducem populi Romani, non comitem diceres.Ich sprach dagegen. Doch kein Wort von mir! Lieber will ich von Scipio reden. Welche Würde, ihr unsterblichen Götter, welche Majestät lag in seiner Rede! Gern hätte man ihn den Anführer des römischen Volkes genannt, nicht seinen Geleiter.
Sed adfuistis, et est in manibus oratio. Itaque lex popularis suffragiis populi repudiata est.Doch ihr wart ja zugegen und die Rede ist in euren Händen. So kam es, dass ein dem Volk schmeichelnder Gesetzesvorschlag durch die Stimmen des Volkes verworfen wurde.
Atque, ut ad me redeam, meministis, Q. Maximo, fratre Scipionis, et L. Mancino consulibus, quam popularis lex de sacerdotiis C. Licini Crassi videbatur!Um wieder auf mich zu kommen: Ihr werdet euch erinnern, wie sehr jenes Gesetz über die Priesterämter, das Gaius Licinius Crassus im Konsulatsjahr des Quintus Maximus - der Bruders von Scipio - und des Lucius Mancinus eingebracht hatte, auf die Volksgunst berechnet schien.
cooptatio enim collegiorum ad populi beneficium transferebatur;Denn die Ergänzungswahl sollte von den Kollegien in die Gunst des Volkes übertragen werden.
atque is primus instituit in forum versus agere cum populo.Er begann übrigens als erster, mit dem Gesicht zum Forum gewendet, mit dem Volk zu verhandeln.
Tamen illius vendibilem orationem religio deorum immortalium nobis defendentibus facile vincebat.Doch trug unter meiner Verteidigung die Ehrfurcht vor den unsterblichen Göttern leicht den Sieg über seinen marktschreierischen Vortrag davon.
Atque id actum est praetore me quinquennio ante, quam consul sum factus; ita re magis quam summa auctoritate causa illa defensa est.Die Verhandlung fiel in die Zeit, als ich noch Prätor war, fünf Jahre vor meinem Konsulat. Es war also nicht das äußere Ansehen des Redners, als vielmehr die innere Wahrhaftigkeit, die sich durchsetzte.
 
Quod si in scaena, id est in contione, in qua rebus fictis et adumbratis loci plurimum est, tamen verum valet, si modo id patefactum et illustratum est, quid in amicitia fieri oportet, quae tota veritate perpenditur?Wenn nun auf der Bühne, ich meine auf der Rednerbühne, wo Erdichtung und Täuschung ganz vorzüglich ihre Stelle finden, die Wahrheit selbst dann, wenn sie sich nur im hellen und klareren Licht zeigt, ihr Gewicht behauptet, wie viel muss sie nicht in der Freundschaft gelten, deren ganzer Wert auf der Waagschale der Wahrheit abgewogen wird!
in qua nisi, ut dicitur, apertum pectus videas tuumque ostendas, nihil fidum, nihil exploratum habeas, ne amare quidem aut amari, cum, id quam vere fiat, ignores.Lässt in der Freundschaft nicht ein Freund den anderen, wie man sagt, ins offene Herz blicken, so gibt es in diesem Verhältnis keine Zuverlässigkeit und keine Gewissheit, nicht einmal Liebe oder Gegenliebe, da man ja nicht weiß, mit welchem Grad von Aufrichtigkeit sie geäußert wird.
Quamquam ista assentatio, quamvis perniciosa sit, nocere tamen nemini potest nisi ei, qui eam recipit atque ea delectatur.Indessen kann jene Schmeichelei, so verderblich sie auch ist, doch nur dem schaden, der sie zulässt und ein Wohlgefallen an ihr findet.
Ita fit, ut is assentatoribus patefaciat aures suas maxime, qui ipse sibi assentetur et se maxime ipse delectet.Daher kommt es, dass dem Schmeichler am willigsten solche ihr Ohr öffnen, die sich selbst schmeicheln und in sehr hohem Grad selbstgefällig sind.
 
Omnino est amans sui virtus; optime enim se ipsa novit, quamque amabilis sit, intellegit.Allerdings ist die Tugend ihr eigener Freund; sie kennt sich ja selbst am genausten und weiß, wie liebenswürdig sie ist.
Ego autem non de virtute nunc loquor sed de virtutis opinione. Virtute enim ipsa non tam multi praediti esse quam videri volunt. Ich rede hier aber auch nicht von der wahren Tugend, sondern von dem Tugenddünkel. Denn weniger als die, die tugendhaft scheinen wollen sind die, die tugendhaft sind.
Hos delectat assentatio, his fictus ad ipsorum voluntatem sermo cum adhibetur, orationem illam vanam testimonium esse laudum suarum putant.Jenen tut Schmeichelei gut; richtet man an sie ein nach ihrem Geschmack ausgesonnenes Schmeichelwort, glauben sie, diese nichtige Rede sei ein Zeugnis ihrer Verdienste.
Nulla est igitur haec amicitia, cum alter verum audire non vult, alter ad mentiendum paratus est.Das ist nun wohl keine Freundschaft, wenn der eine die Wahrheit nicht hören mag, und der andere nur zum Lügen bereit ist.
Nec parasitorum in comoediis assentatio faceta nobis videretur, nisi essent milites gloriosi.Das lobpreisende Geschwätz der Parasiten in der Komödie würde uns nicht so witzig erscheinen, wenn es da nicht die großsprecherischen Soldaten gäbe:
"Magnas vero agere gratias Thais mihi?" Satis erat respondere: "magnas"; "ingentes" inquit. "Die Thais dankte doch gehorsamst mir?" (Ter.Eun.391) Es wäre genug gewesen zu antworten: "gehorsamst", aber nein: "untertänigst" sagte Gnatho.
Semper auget assentator id, quod is, cuius ad voluntatem dicitur, vult esse magnum.Immer vergrößert der Schmeichler das, was derjenige, dem er zu Gefallen redet, in großem Maßstab liebt.
 
Quam ob rem, quamquam blanda ista vanitas apud eos valet, qui ipsi illam allectant et invitant, tamen etiam graviores constantioresque admonendi sunt, ut animadvertant, ne callida assentatione capiantur.Obgleich nun diese schmeichlerische Nichtigkeit nur bei denen Eingang findet, die den Schmeichler selbst dazu herausfordern und anstiften, so muss man doch auch Männer von ernsterem und festerem Sinn ermahnen, darauf zu achten, nicht in den Schlingen raffinierter Schmeichelei gefangen zu werden.
Aperte enim adulantem nemo non videt, nisi qui admodum est excors; callidus ille et occultus ne se insinuet, studiose cavendum est;Den unverhohlenen Schmeichler durchschaut freilich jeder, wenn er nicht ganz blöde ist. Aber dass sich der nicht einniste, der sich raffiniert zu tarnen versteht, davor hat man sich sorgfältig zu hüten.
nec enim facillime agnoscitur, quippe qui etiam adversando saepe assentetur et litigare se simulans blandiatur atque ad extremum det manus vincique se patiatur, ut is, qui illusus sit, plus vidisse videatur.Denn dieser wird nicht so leicht erkannt, da er seine Schmeichelei oft hinter Widerspruch verbirgt und unter dem Schein, als streite er, viel Schönes sagt, zuletzt gleichsam die Waffen streckt und sich für überwunden erklärt, nur damit sein Opfer glauben möge, es habe den größeren Weitblick gehabt.
Quid autem turpius quam illudi? Quod ut ne accidat, magis cavendum est: "Ut me hodie ante omnes comicos stultos senes | Versaris atque inlusseris lautissume."Was ist aber unwürdiger, als sich so zum Besten haben zu lassen? Und davor hat man hat sich besonders zu hüten: "Als ärgsten Gecken auf der Bühne willst du mich | Umtreiben heute, mich anschmieren königlich." (Caecilius Statius: Erbin)
 
III.) 100-104: Epilog (Schluss)
Das Lob der virtus als der unabdingbaren Voraussetzung echter Freundschaft
Haec enim etiam in fabulis stultissima persona est improvidorum et credulorum senum.Denn die albersten Rollen sind im Theater immer die der unvorsichtigen und leichtgläubigen Greise. –
Sed nescio quo pacto ab amicitiis perfectorum hominum, id est sapientium (de hac dico sapientia, quae videtur in hominem cadere posse), ad leves amicitias defluxit oratio.Doch ich bin in meinem Vortrag irgendwie von den Freundschaften der Vollkommenen, d.h. der Weisen (ich rede hier von der Weisheit, die dem Menschen offenkundig erreichbar ist) zu den oberflächlichen Freundschaften abgeschweift.
Quam ob rem ad illa prima redeamus eaque ipsa concludamus aliquando.Lasst uns daher zu jenem Ausgangspunkt zurückkehren und dieses Thema endlich abschließen.
Virtus, virtus, inquam, C. Fanni, et tu, Q. Muci, et conciliat amicitias et conservat. In ea est enim convenientia rerum, in ea stabilitas, in ea constantia; Die Tugend, mein Gaius Fannius und du, Quintus Mucius, die Tugend ist es, die Freundschaften stiftet und erhält. Denn in ihr herrscht Einklang, in ihr Stetigkeit, in ihr Festigkeit.
quae cum se extulit et ostendit suum lumen et idem aspexit agnovitque in alio, ad id se admovet vicissimque accipit illud, quod in altero est;Wenn sie sich emporhebt und ihr Licht leuchten lässt und dieses auch bei anderen gewahrt wird und erkennt, so neigt sie sich hin und ergreift, was in dem andern ist;
ex quo exardescit sive amor sive amicitia; utrumque enim dictum est ab amando;daraus erglüht gegenseitige Liebe (amor) oder Freundschaft (amicitia). Denn beide römischen Ausdrücke kommen von amare her.
amare autem nihil est aliud nisi eum ipsum diligere, quem ames, nulla indigentia, nulla utilitate quaesita; quae tamen ipsa efflorescit ex amicitia, etiamsi tu eam minus secutus sis.Amare heißt aber nichts anderes als den Gegenstand der Liebe an und für sich wertzuschätzen, ohne Rücksicht auf eigenes Bedürfnis oder auf eigenen Vorteil; gleichwohl entsprosst auch dieser der Freundschaft, selbst wenn man ihn nicht eigentlich bezweckte.
 
Hac nos adulescentes benevolentia senes illos, L. Paulum, M. Catonem, C. Galum, P. Nasicam, Ti. Gracchum, Scipionis nostri socerum, dileximus;Ein solches Gefühl der Wertschätzung und wohlwollender Liebe hegte ich in meiner Jugend gegen jene Greise, den Lucius Paulus, Marcus Cato, Gaius Galus, Publius Nasica, Tiberius Gracchus, den Schwiegervater unseres Scipio.
haec etiam magis elucet inter aequales, ut inter me et Scipionem, L. Furium, P. Rupilium, Sp. Mummium.Noch glänzender aber entfaltet sich diese Liebe unter Altersgenossen, wie zwischen mir und Scipio, Lucius Furius, Publius Rupilius und Spurius Mummius.
Vicissim autem senes in adulescentium caritate acquiescimus, ut in vestra, ut in Q. Tuberonis;Umgekehrt finden wir als Greise Ruhe und Erholung in der Liebe junger Männer, wie in der eurigen und der des Quintus Tubero.
equidem etiam admodum adulescentis P. Rutili, A. Vergini familiaritate delector.Ja, auch der freundschaftliche Umgang mit dem noch sehr jungen Publius Rutilius und mit Aulus Verginius macht mir Vergnügen;
Quoniamque ita ratio comparata est vitae naturaeque nostrae, ut alia ex alia aetas oriatur, maxime quidem optandum est, ut cum aequalibus possis, quibuscum tamquam e carceribus emissus sis, cum isdem ad calcem, ut dicitur, pervenire.und da nach dem natürlichen Lauf unseres Lebens ein Alter dem anderen Platz macht, so ist es freilich sehr zu wünschen, mit denselben Altersgenossen, mit denen vereint man gleichsam aus den Schranken entlassen worden ist, auch zum Ziel der Laufbahn zu gelangen.
 
Sed quoniam res humanae fragiles caducaeque sunt, semper aliqui anquirendi sunt quos diligamus et a quibus diligamur; caritate enim benevolentiaque sublata omnis est e vita sublata iucunditas.Allein da alles Menschliche schwach und hinfällig ist, so muss man sich immer nach solchen umsehen, die unsere Liebe verdienen und von denen wir wieder geliebt werden; denn hören Liebe und Wohlwollen auf, so schwinden alle Reize aus dem Leben.
Mihi quidem Scipio, quamquam est subito ereptus, vivit tamen semperque vivet;Für mich jedenfalls lebt Scipio, so schnell er mir auch von der Seite gerissen wurde, doch noch immer fort, und wird auch fernerhin leben.
virtutem enim amavi illius viri, quae exstincta non est; nec mihi soli versatur ante oculos, qui illam semper in manibus habui, sed etiam posteris erit clara et insignis.Denn die Tugend jenes Mannes ist es, die ich liebgewann; und diese ist nicht erloschen; und nicht nur mir, dem sie beständig gegenwärtig war, schwebt sie vor Augen, sondern auch für die Nachkommen wird sie ein leuchtendes Vorbild bleiben.
Nemo umquam animo aut spe maiora suscipiet, qui sibi non illius memoriam atque imaginem proponendam putet.Niemand wird je großen Entwürfe und Hoffnungen nachgehen, ohne zu glauben, sich das Andenken und das Vorbild jenes Mannes vorzuhalten zu müssen.
 
Equidem ex omnibus rebus, quas mihi aut fortuna aut natura tribuit, nihil habeo, quod cum amicitia Scipionis possim comparare.Ich wenigstens weiß unter allem, was mir die Natur gewährt hat, nichts, was ich mit Scipios Freundschaft vergleichen könnte.
In hac mihi de re publica consensus, in hac rerum privatarum consilium, in eadem requies plena oblectationis fuit.In ihr fand ich Einklang der Ansichten vom Staat, in ihr belehrenden Rat für das Privatleben, in ihr freudenvolle Erholung.
Numquam illum ne minima quidem re offendi, quod quidem senserim, nihil audivi ex eo, ipse quod nollem;Nie habe ich ihn, soweit ich mir bewusst bin, auch nur mit der geringsten Kleinigkeit beleidigt; nie habe ich aus seinem Mund ein unangenehmes Wort vernommen:
una domus erat, idem victus, isque communis, neque solum militia, sed etiam peregrinationes rusticationesque communes.ein Haus, dieselbe gemeinsame Lebensweise vereinigte uns; auf Feldzügen, auf Reisen, auf dem Land waren wir immer beisammen.
 
Nam quid ego de studiis dicam cognoscendi semper aliquid atque discendi, in quibus remoti ab oculis populi omne otiosum tempus contrivimus?Und was soll ich unsere ständigen Bemühungen erwähnen, etwas zu erkennen oder zu lernen, mit denen wir, entrückt aus den Augen der Welt, die Zeit unserer Muse hingebracht haben?
Quarum rerum recordatio et memoria si una cum illo occidisset, desiderium coniunctissimi atque amantissimi viri ferre nullo modo possem.Wäre das Andenken und die Erinnerung an dies alles mit ihm zugleich erloschen, so würde ich wahrlich die Sehnsucht nach einem Mann, mit dem ich so innig verbunden war, nicht ertragen können.
Sed nec illa exstincta sunt alunturque potius et augentur cogitatione et memoria mea, et si illis plane orbatus essem, magnum tamen adfert mihi aetas ipsa solacium.Aber nicht erloschen sind diese Dinge; sie werden vielmehr genährt und erhöht durch mein Nachdenken und durch meine Erinnerung; und wäre ich ihrer auch ganz beraubt, so gewährte mir doch selbst mein Alter großen Trost.
Diutius enim iam in hoc desiderio esse non possum. Omnia autem brevia tolerabilia esse debent, etiamsi magna sunt.Denn allzu lange kann meine sehnsuchtsvolle Trennung nicht mehr dauern. Alles aber, was kurze Zeit dauert, muss erträglich sein, wenn es auch eine große Last ist.
Haec habui, de amicitia quae dicerem. Vos autem hortor, ut ita virtutem locetis, sine qua amicitia esse non potest, ut ea excepta nihil amicitia praestabilius putetis.Dies sind meine Gedanken über die Freundschaft, die ich euch vortragen wollte. Euch aber ermahne ich der Freundschaft, denn sie ist ohne die Tugend nicht möglich, nach der Tugend den höchsten Rang beizulegen.
 
 
 
 
Übersetzung nach W.M.Pahl bearbeitet von E.Gottwein
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w45
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