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M.Minucius Felix

Octavius

12-13

5. und letzter Teil der "Heidenrede": Das irdische Los der Christen beweist die Ohnmacht oder Ungerechtigkeit ihres Gottes. Der christlichen Lehre fehlt es an philosophischer Fundierung.

 
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Der christliche Glaube kann ebenso wenig über die Armut des diesseitigen Lebens hinwegtrösten, wie die ungebildeten Christen überhaupt fähig sind, metaphysische Fragen zu behandeln. Gegenbeispiel: Sokrates.

XII. (1) Nec saltem de praesentibus capitis experimentum, quam vos inritae pollicitationis cassa vota decipiant: quid post mortem inpendeat, miseri, dum adhuc vivitis, aestimate.

XII. (1) Nicht einmal von der Gegenwart lasst ihr euch belehren, wie sehr euch eitle Wünsche eines unerfüllbaren Versprechens täuschen: euren Zustand nach dem Tod, ihr Armen, entnehmt aus der Zeit, da ihr noch lebt.
(2) Ecce pars vestrum et maior, melior, ut dicitis, egetis, algetis, opere, fame laboratis, et deus patitur, dissimulat, non vult aut non potest opitulari suis; ita aut invalidus aut iniquus est! (2) Seht! Ein Teil von euch, und zwar der größere, der bessere, wie ihr sagt, hat Not und Frost, hat die Arbeit und kein Brot, und Gott duldet es und sieht es absichtlich nicht, er will oder kann seinen Anhängern nicht helfen: so ist er entweder ohnmächtig oder ungerecht.
(3) Tu, qui inmortalitatem postumam somnias, cum periculo quateris, cum febribus ureris, cum dolore laceraris, nondum condicionem tuam sentis, nondum adgnoscis fragilitatem? invitus, miser infirmitatis argueris nec fateris! (3) Wenn dich, der du von einer Unsterblichkeit nach diesem Leben träumst, eine Gefahr erschüttert, wenn du in Fieberhitze liegst, wenn der Schmerz dich zerfleischt, fühlst du selbst dann deine Lage nicht? Anerkennst du auch da nicht deine Armseligkeit? Wider Willen wirst du Armer deiner Ohnmacht geziehen und gestehst es dir nicht.
(4) Sed omitto communia. Ecce vobis minae, supplicia, tormenta, et iam non adorandae sed subeundae cruces, ignes etiam, quos et praedicitis et timetis: ubi deus ille, qui subvenire revivescentibus potest, viventibus non potest? (4) Doch ich lasse, was allen gemeinsam ist. Seht! Für euch gibt es Drohungen, Tod und Folter und Kreuze, nicht mehr zur Anbetung, sondern zur Marter, auch Feuer, das ihr vorhersagt und wieder fürchtet: wo ist jener Gott, der den Wiederauflebenden helfen kann, den Lebenden aber nicht?
(5) Nonne Romani sine vestro deo imperant, regnant, fruuntur orbe toto vestrique dominantur? Vos vero suspensi interim atque solliciti honestis voluptatibus abstinetis: non spectacula visitis, non pompis interestis, convivia publica absque vobis; sacra certamina, praecerptos cibos et delibatos altaribus potus abhorretis. (5) Herrschen und regieren nicht die Römer ohne euren Gott, besitzen sie nicht die ganze Welt und sind sie nicht eure Gebieter? Ihr aber in eurer Angst und Kümmernis enthaltet euch ehrbarer Vergnügungen, besucht keine Schauspiele, wohnt keiner Prozession bei, die öffentlichen Mahlzeiten sehen euch nicht, die heiligen Spiele, die zu Ehren der Götter angeschnittenen Speisen und die für die Altäre abgeschöpften Getränke verabscheut ihr.
(6) Sic reformidatis deos, quos negatis! Non floribus caput nectitis, non corpus odoribus honestatis; reservatis unguenta funeribus, coronas etiam sepulcris denegatis, pallidi, trepidi, misericordia digni, sed nostrorum deorum. Ita nec resurgitis miseri nec interim vivitis! (6) So fürchtet ihr die Götter, die ihr leugnet. Nicht flechtet ihr Blumen in das Haar, nicht ziert ihr den Leib durch den Wohlgeruch der Salben. Ihr spart diese für die Leichen, die Blumenkränze verweigert ihr sogar den Gräbern, ihr blassen und zaghaften Leute, des Mitleids würdig, jedoch des Mitleids unserer Götter. So steht ihr Armen einst nicht wieder auf und lebt jetzt auch nicht.
(7) Proinde, si quid sapientiae vobis aut verecundiae est, desinite caeli plagas et mundi fata et secreta rimari: satis est pro pedibus aspicere, maxime indoctis, inpolitis, rudibus, agrestibus, quibus non est datum intellegere civilia, multo magis denegatum est disserere divina. (7) Wenn ihr also einige Weisheit und einiges Ehrgefühl besitzt, so hört auf, die Zonen des Himmels, das Schicksal und die Geheimnisse der Welt zu erforschen: für Leute ohne alle Bildung und Lebensart voll Rohheit und Ungeschliffenheit, genügt es, vor sich hinzusehen; sie haben keine Anlage und keinen Sinn für die Bildung dieser Welt, um so weniger also das Zeug dazu, Göttliches zu behandeln.
XIII. (1) Quamquam, si philosophandi libido est, Socraten, sapientiae principem, quisque vestrum tantus est, si potuerit, imitetur. Eius viri, quotiens de caelestibus rogabatur, nota responsio est: 'quod supra nos, nihil ad nos.' XIII. (1) Übrigens wenn einer eine Leidenschaft hat zu philosophieren, so möge er, wer immer von euren Leuten ein solches Genie ist, dem Fürsten der Philosophie, dem Sokrates, nacheifern, wenn er es kann. Dieses Mannes Antwort auf jede metaphysische Frage ist bekannt: "Was über uns, nichts für uns."
(2) Merito ergo de oraculo testimonium meruit prudentiae singularis. Quod oraculum, idem ipse persensit, idcirco universis esse praepositum, non quod omnia comperisset, sed quod nihil se scire didicisset: ita confessae inperitiae summa prudentia est. (2) Mit Recht also verdiente er vom Orakel das Zeugnis ungewöhnlicher Weisheit. Was das Orakel, das hat der Philosophenfürst selbst ganz wohl eingesehen, er sei deshalb allen vorgezogen worden, nicht als ob er alles wisse, sondern weil er so viel gelernt habe, dass er nichts wisse. So liegt im Geständnis der Unwissenheit die Summe der Weisheit.
(3) Hoc fonte defluxit Arcesilae et multo post Carneadis et Academicorum plurimorum in summis quaestionibus tuta dubitatio, quo genere philosophari et caute indocti possunt et docti gloriose. (3) Diese Erkenntnis war die Quelle, aus der für Arkesilaos, dem viel späteren Karneades und für die Mehrzahl der Akademiker in den wichtigsten Fragen die Berechtigung des Zweifels floss; auf diese Art können Ungelehrte mit Vorsicht, Gelehrte mit Ruhm Philosophie treiben.
(4) Quid? Simonidis Melici nonne admiranda omnibus et sectanda cunctatio? Qui Simonides, cum de eo, quid et quales arbitraretur deos, ab Hierone tyranno quaereretur, primo deliberationi diem petiit, postridie biduum prorogavit, mox alterum tantum admonitus adiunxit. Postremo, cum causas tantae morae tyrannus inquireret, respondit ille: quod sibi, quanto inquisitio tardior pergeret, tanto veritas fieret obscurior. (4) Wie allgemeiner Bewunderung und Nachahmung würdig ist nicht die Zurückhaltung des Lyrikers Simonides? Als ihn der Tyrann Hiero um das Wissen und die Natur der Götter fragte, erbat er sich anfangs einen Tag Bedenkzeit, am nächsten Tag verlängerte er sie zu zwei Tagen und bald fügte er nach wiederholter Mahnung nochmals so viele dazu. Als schließlich eher Tyrann nach den Ursachen einer solchen Zurückhaltung forschte, gab der Dichter den Grund an, dass ihm die Wahrheit in dem Grad dunkler werde, je langwieriger die Untersuchung fortschreite.
(5) Mea quoque opinione, quae sunt dubia, ut sunt, relinquenda sunt, nec, tot ac tantis viris deliberantibus, temere et audaciter in alteram partem ferenda sententia est, ne aut anilis inducatur superstitio aut omnis religio destruatur. (5) Meine Meinung ist auch so. Was zweifelhaft ist, soll man lassen, wie es ist, und wo viele ausgezeichnete Denker nicht entscheiden, nicht leichtfertig und gewagt für die eine Seite sich schlüssig machen; sonst gibt es Altweiber-Aberglauben oder es löst sich alle Religion auf.
Deutsche Übersetzung nach: Aloys Bieringer, 1871, bearbeitet von E.Gottwein
Sententiae excerptae:
w42
Literatur:

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