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Thomas Morus

Utopia

II,3

De urbibus, ac nominatim de Amauroto

 
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Von den Städten, besonders Amaurotum

urbium qui unam norit, omnes noverit, ita sunt inter se - quatenus loci natura non obstat - omnino similes. depingam igitur unam quampiam - neque enim admodum refert quam - sed quam potius, quam Amaurotum! qua nec ulla dignior est, quippe cui senatus gratiam reliquae deferunt, nec ulla mihi notior, ut in qua annos quinque perpetuos vixerim. Wer eine Stadt kennt, kennt alle: so völlig ähnlich sind sie einander, soweit nicht die Beschaffenheit des Geländes dem entgegensteht. Ich will deshalb irgendeine beschreiben; es kommt nämlich wirklich nicht viel darauf an, welche. Aber welche lieber als Amaurotum? Denn keine verdient es mehr, da dieser Stadt die übrigen die Würde als Sitz des Senats übertragen haben und da ich sie infolge meines ununterbrochenen fünfjährigen Aufenthaltes dort besser als jeder andere kenne.
situm est igitur Amaurotum in leni deiectu montis, figura fere quadrata. nam latitudo eius paulo infra collis incoepta verticem, milibus passuum duobus ad flumen Anydrum pertinet, secundum ripam aliquanto longior. Amaurotum also liegt am flachen Abhang eines Berges und ist fast quadratisch angelegt. Denn in voller Breite beginnt die Stadt ein wenig unterhalb des Gipfels und erstreckt sich etwa zwei Meilen weit bis zum Fluss Anydrus, wobei sie sich längs des Ufers beträchtlich länger hinzieht.
oritur Anydrus milibus octoginta supra Amaurotum modico fonte, sed aliorum occursu fluminum atque in his duorum etiam mediocrium auctus ante urbem ipsam quingentos in latum passus extenditur, mox adhuc amplior sexaginta milia prolapsus excipitur oceano. Der Anydrus entspringt aus einer schwachen Quelle achtzig Meilen oberhalb Amaurotums, wird dann durch den Zufluss anderer Wasserläufe, darunter zweier von mittlerer Größe, wasserreicher und breiter und ist vor der Stadt selbst eine halbe Meile breit. Bald darauf nimmt er an Breite noch mehr zu und mündet dann sechzig Meilen weiter in den Ozean.
hoc toto spatio, quod urbem ac mare interiacet, ac supra urbem quoque aliquot milia sex horas perpetuas influens aestus ac refluus alternat celeri flumine. cum sese pelagus infert triginta in longum milia, totum Anydri alveum suis occupat undis profligato retrorsum fluvio. tum aliquanto ultra liquorem eius salsugine corrumpit, dehinc paulatim dulcescens amnis sincerus urbem perlabitur ac refugientem vicissim purus et incorruptus ad ipsas prope fauces insequitur. Auf dieser ganzen Strecke zwischen der Stadt und dem Meer sowie noch ein paar Meilen oberhalb der Stadt hemmen Ebbe und Flut in ihrem sechsstündigen Wechsel den schnellen Lauf des Flusses. Wenn die Meeresflut dreißig Meilen tief eindringt, drängt sie das Wasser des Flusses zurück und füllt sein Bett vollständig mit ihren Wellen. Das Flusswasser nimmt dann noch ein ganzes Stück weiter stromaufwärts den Salzgeschmack des Meeres an; von da ab wird es allmählich wieder süß, fließt klar durch die Stadt und drängt der bei Ebbe zurückströmenden Flut fast bis zur Mündung rein und unvermischt nach.
urbs adversae fluminis ripae non pilis ac sublicibus ligneis, sed ex opere lapideo egregie arcuato ponte commissa est ab ea parte, quae longissime distat a mari, quo naves totum id latus urbis possint inoffensae praetervehi. Die Brücke, die Amaurotum mit dem gegenüberliegenden Ufer verbindet, besteht nicht aus hölzernen Pfeilern und Balken, sondern ist ein Steinbau mit einem wunderschönen Brückenbogen. Sie befindet sich an der Stelle, die vom Meer am weitesten entfernt ist, damit die Schiffe an dieser ganzen Seite der Stadt ungehindert entlangfahren können.
habent alium praeterea fluvium, haud magnum quidem illum, sed perquam placidum ac iucundum. nam ex eodem scaturiens monte, in quo civitas collocatur, mediam illam per devexa perfluens Anydro miscetur. eius fluvii caput fontemque, quod paulo extra urbem nascitur, munimentis amplexi Amaurotani iunxerunt oppido. ne, si qua vis hostium ingruat, intercipi atque averti aqua neve corrumpi queat. Es gibt dort noch einen anderen Wasserlauf, der zwar nur klein, aber recht ruhig und erfreulich ist. Er entspringt auf demselben Berg, auf dem die Stadt liegt, fließt mitten durch sie und mündet in den Anydrus. Weil seine Quelle ein Stück außerhalb der Stadt liegt, haben sie die Amaurotaner ringsum mit Befestigungen umgeben, die bis zur Stadt reichen. So gehört die Quelle zur Stadt, und beim Einbruch einer feindlichen Macht kann das Wasser nicht abgefangen und abgelenkt oder verdorben werden.
inde canalibus coctilibus, diversim ad inferiores urbis partes aqua dirivatur; id sicubi locus fieri vetat, cisternis capacibus collecta pluvia tantumdem usus adfert. Von dort aus leitet man es in Röhren aus gebranntem Stein in verschiedenen Richtungen zu den unteren Stadtteilen. Lässt das irgendwo die Beschaffenheit des Geländes nicht zu, so sammelt man in geräumigen Zisternen das Regenwasser, das dann den gleichen Dienst leistet.
murus altus ac latus oppidum cingit turribus ac propugnaculis frequens, arida fossa, sed alta lataque ac veprium saepibus impedita tribus ab lateribus circumdat moenia, quarto flumen ipsum pro fossa est. Eine hohe und breite Mauer mit zahlreichen Türmen und Schutzwehren umgibt die Stadt auf allen Seiten; ein trockener, aber tiefer, breiter und durch Dornengestrüpp unwegsamer Graben umzieht die Stadtmauer auf drei Seiten; auf der vierten dient der Fluss selbst als Wehrgraben.
plateae cum ad vecturam, tum adversus ventos descriptae commode; aedificia neutiquam sordida, quorum longa et totum per vicum perpetua series adversa domorum fronte conspicitur. has vicorum frontes via distinguit pedes viginti lata. posterioribus aedium partibus, quanta est vici longitudo, hortus adiacet latus et vicorum tergis undique circumsaeptus. Die Straßen sind ebenso zweckmäßig für den Wagenverkehr wie für den Windschutz angelegt. Die Häuser sind keineswegs unansehnlich; man übersieht ihre lange und längs der Straße ununterbrochener Reihe von der gegenüberliegenden Häuserfront aus. Der Weg zwischen diesen beiden Fronten ist dreißig Fuß breit. An der Rückseite der Häuser zieht sich die ganze Straße entlang eine breite Gartenanlage hin, die von der Rückseite anderer Häuserreihen eingezäunt ist.
nulla domus est, quae non ut ostium in plateam, ita posticum in hortum habeat. quin bifores quoque facili tractu manus apertiles ac dein sua sponte coeuntes quemvis intromittunt; ita nihil usquam privati est. nam domos ipsas uno quoque decennio sorte commutant. Jedes Haus hat einen Eingang von der Straße her und eine Hintertür, die in den Garten führt. Die Türen haben zwei Flügel, lassen sich durch einen leisen Druck mit der Hand öffnen und schließen sich dann von selbst wieder, so dass ein jeder ins Haus hinein kann: so wenig ist irgendwo etwas Eigentum eines einzelnen; denn sogar die Häuser wechselt man alle zehn Jahre, und zwar verlost man sie.
hos hortos magni faciunt. in his vineas, fructus, herbas, flores habent. tanto nitore cultuque, ut nihil fructuosius usquam viderim, nihil elegantius. qua in re studium eorum non ipsa voluptas modo, sed vicorum quoque invicem de suo cuiusque horti cultu certamen accendit. Auf die erwähnten Gärten halten die Utopier große Stücke. In ihnen haben Sie Wein, Obst, Gemüse und Blumen in solcher Pracht und Pflege, dass es alles übertrifft, was ich irgendwo an Fruchtbarkeit und gutem Geschmack gesehen habe. Ihren Eifer dabei spornt nicht bloß ihr Vergnügen an der Gartenarbeit an, sondern auch der Wettstreit der Straßenzüge in der Pflege der einzelnen Gärten.
et certe non aliud quicquam temere urbe tota reperias, sive ad usum civium, sive ad voluptatem commodius; eoque nullius rei, quam huiusmodi hortorum, maiorem habuisse curam videtur is, qui condidit. Auf die erwähnten Gärten halten die Utopier große Stücke. In ihnen haben Sie Wein, Obst, Gemüse und Blumen in solcher Pracht und Pflege, dass es alles übertrifft, was ich irgendwo an Fruchtbarkeit und gutem Geschmack gesehen habe. Ihren Eifer dabei spornt nicht bloß ihr Vergnügen an der Gartenarbeit an, sondern auch der Wettstreit der Straßenzüge in der Pflege der einzelnen Gärten.
nam totam hanc urbis figuram iam inde ab initio descriptam ab ipso Utopo ferunt. sed ornatum, ceterumque cultum, quibus unius aetatem hominis haud suffecturam vidit, posteris adiiciendum reliquit. Wie es nämlich heißt, hat Utopus selber gleich von Anfang an diesen ganzen Plan der Stadt festgelegt. Die Ausschmückung jedoch und den weiteren Ausbau überließ er den Nachkommen in der Erkenntnis, dass ein Menschenalter dazu nicht ausreichen werde.
itaque scriptum in annalibus habent, quos ab capta usque insula mille septingentorum ac sexaginta annorum complectentes historiam diligenter et religiose perscriptos adservant, aedes initio humiles ac veluti casas et tuguria fuisse, e quolibet ligno temere factas, parietes luto obductos; culmina in aciem fastigiata stramentis operuerant. Daher steht in den Geschichtsbüchern der Utopier, die die Geschichte von 1760 Jahren seit der Eroberung der Insel umfassen, fleißig und gewissenhaft geschrieben sind und von ihnen aufbewahrt werden, die Häuser seien im Anfang niedrig gewesen, eine Art von Baracken und Hütten, ohne Sorgfalt aus irgendwelchem Holz errichtet, die Wände mit Lehm verschmiert, mit spitzen Giebeln und Strohdächern.

at nunc omnis domus visenda forma tabulatorum trium; parietum facies aut silice aut cementis aut latere coctili constructae, in alveum introrsus congesto rudere. tecta in planum subducta, quae intritis quibusdam insternunt. nullius impendii, sed ea temperatura, quae nec igni obnoxia sit et tolerandis tempestatum iniuriis plumbum superet.

Aber heutzutage ist jedes Haus ein stattlicher Bau von drei Stockwerken; die Außenseite der Wände besteht aus Granit oder einer anderen harten oder auch gebrannten Steinmasse, die inwendig mit Schutt ausgefüllt wird. Die Dächer sind flach und mit einer gewissen Stuckmasse gelegt, die nicht teuer, aber so zusammengesetzt ist, dass sie nicht brennt und noch wetterfester als Blei ist.

ventos a fenestris vitro - nam eius ibi creberrimus usus est - expellunt. interim etiam lino tenui, quod perlucido oleo aut succino perlinunt, gemino nimirum commodo. siquidem ad eum modum fit, ut et plus lucis transmittat, et ventorum minus admittat. Vor den Winden schützen sich die Utopier durch Fenster aus Glas, das dort sehr viel verwendet wird; bisweilen benutzen sie auch an dessen Stelle dünne Leinwand, die sie mit durchsichtigem Öl oder einer Bernsteinmasse bestreichen. Das hat den doppelten Vorteil, dass mehr Licht und weniger Wind durchgelassen wird.
Übersetzung bei Amazon Kindle, bearbeitet von E.Gottwein
Sententiae excerptae:
w37
Literatur:

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