Nostri consocii (Google, Affilinet) crustulis memorialibus utuntur. Concedis, si legere pergis.
 
 
 
top
Phaedrus

 

fabularum liber I
 I 
Ap
 

Übersetzung nach H.J.Kerler

1,1 | 1,3 | 1,4

 

vorherige Seite

folgende Seite
Versmaß: Der iambische Senar

Senarius purus

  • Sechs iambische Füße mit Hauptcäsur nach der Senkung des dritten Fußes
  • Der Senar kann 
    • in seiner Reinform (senarius purus) verwendet werden (in der Lyrik, Catull.4, Catull.29) , 
    • etwas freier (Catull.52); Fabeln des Phaedrus), aber auch 
    • sehr frei (als Sprechvers in der Komödie mit vielen Auflösungen besonders bei Plautus):
senarius iambicus
1,1
Lupus et agnus
1
2
3
4
5
6
7
8
9
10
11
12
13
14
15
Ad rívum‿eúndem lúpus et ágnus véneránt
Sití compúlsi; súperiór stabát lupús
Longéque‿inférior ágnus. Túnc fauce‿ímprobá
Latro‿íncitátus iúrgií causam‿íntulít.
"Cur" ínquit "túrbuléntam fécistí mihí
Aquám bibénti?" Lánigér contrá timéns:
"Qui póssum, quaéso, fácere, quód quererís, lupé?
A té decúrrit ád meós haustús liquór".
Repúlsus ílle véritátis víribús:
"Ante hós sex ménses mále,‿ait, díxistí mihí".
Respóndit ágnus: "équidem nátus nón erám".
"Pater hércle túus ibi,‿ínquit, mále dixít mihí".
Atque‿íta corréptum lácerat íniustá necé.
Haec própter íllos scrípta‿est hómines fábulá,
Qui fíctis caúsis ínnocéntes ópprimúnt.
1,1
Der Wolf und das Lamm
1
2
3
4
5
6
7
8
9
10
11
12
13
14
15
An einem Bach erschienen Wolf und Lamm zugleich,
Vom Durst getrieben: weiter oben stand der Wolf,
Das Lamm fern unten. Siehe, da erfand des Streites
Ursache gleich der Räuber, von Mordlust gereizt.
"Was", sprach er, "hast du trübe mir den Bach gemacht,
Da ich hier trinke?" Zitternd sprach darauf das Lamm:
"Was du mich, Wolf, beschuldigst, wie ist's möglich mir?
Fließt doch von dir zu meinem Trinken her der Quell."
Doch jener, abgewiesen durch der Wahrheit Kraft,
Begann: "Du hast gescholten vor sechs Monden mich."
Darauf das Lamm: "Geboren war ich da noch nicht."
"Dein Vater", sprach er, "aber schimpfte mich fürwahr!"
Und also griff und würgte er es grausam hin.
Die Fabel ist auf solche Menschen abgefasst,
Die einen Frommen drängen mit Betrug und List.

 

Aufgaben:

  1. Wie unterscheiden sich die beiden letzten Verse ihrer Art nach von allen vorhergehenden?
  2. In welchem Verhältnis sieht die Fabel Macht und Recht zueinander?
  3. Das entsprechende griechische Vorbild des Aisopos beginnt: "Als ein Wolf ein Lamm aus einem Flusse trinken sah,..."
    1. Worin liegt der Unterschied zu Phaedrus?
    2. Welchen Beginn hältst du für gelungener?
  4. Man hat in der Fabel einen Bezug auf die Lebenswirklichkeit des Phaedrus vermutet, der unter Kaiser Tiberius lebte und von Seianus verfolgt worden sein soll. Wieso kann man vor deiesem Hintergrund von einem Verfremdungseffekt ("V-Effekt") der Fabel sprechen?
1,2
Ranae regem petierunt
1
2
3
4
5
6
7
8
9
10
11
12
13
14
15
16
17
18
19
20
21
22
23
24
25
26
27
28
29
30
31
Athénae cúm florérent aéquis légibús,
Procáx libértas cívitátem míscuít,
Frenúmque sólvit prístinúm licéntiá.
Hic cónspirátis fáctiónum pártibús
Arcém tyránnus óccupát Pisístratús.
Cum trístem sérvitútem flérent átticí,
Non quía crudélis ílle, séd quoniám gravé
Omne‿ ínsuétis ónus, et coépissént querí,
Aesópus tálem túm fabéllam réttulít:
     'Ranaé, vagántes líberís palúdibús,
clamóre mágno régem pétiere‿áb Iové,
qui díssolútos móres ví compéscerét.
Patér deórum rísit átque‿illís dedít
parvúm tigíllum, míssum quód subitó vadí
motú sonóque térruít pavidúm genús.
Hoc mérsum límo cúm iacerét diútiús,
forte‿úna tácite prófert é stagnó caput,
et éxploráto rége cúnctas évocát.
Illaé timóre pósito cértatím‿adnatánt,
lignúmque súpra túrba pétulans ínsilít.
Quod cum‿ínquinássent ómni cóntuméliá,
aliúm rogántes régem mísere‿ád Iovém,
inútilis quóniam‿ésset quí fuerát datús.
Tum mísit íllis hýdrum, quí dente‿ásperó
corrípere coépit síngulás. Frustrá necém
fugitánt inértes; vócem praécludít metús.
Furtim‿ígitur dánt Mercúrio mándata‿ád Iovem,
adflíctis út succúrrat. Túnc contrá Tonans
"Quiá noluístis véstrum férre" inquít "bonúm,
malúm perférte!". Vós quoque,‿ó civés,' aít
'hoc sústinéte, maíus né veniát, malúm'.
1,2
Die Frösche erbitten einen König

1
2
3
4
5
6
7
8
9
10
11
12
13
14
15
16
17
18
19
20
21
22
23
24
25
26
27
28
29
30
31

Einst blüht' Athen Unordnung und Gerechtigkeit;
Doch rohe Willkür störte bald des Staates Ruh':
Frechheit macht des Gesetzes alten zügel los.
Peisistratos bemächtigt sich, da die Partein
Zum Kampfe sich verschwören, als Tyrann der Burg.
Da nun der Unterdrückung Last Athen beweint
(Nicht weil er ein grausam herrschte, sondern jede Last
Für die nicht dran Gewöhnten unerträglich ist),
So trägt Aesop den Klagenden die Fabel vor:
     In freien Sümpfen hauste noch das Froschgeschlecht:
Daher riefen sie zum König Iupiter empor,
Mit Göttermacht zu steuern dem verkehrten Sinn.
Es lacht der Göttervater, und zum König gab
Ein Stückchen Holz er ihnen. Plötzlich warf er es
Herab: vor dem Getöse zitterte das Volk.
Es lag im Schlamm schon lange Zeit. Da hob einmal
Ein Frosch den Kopf behutsam aus dem Sumpf hervor,
Beschaut' zugleich den König und rief alle her.
Der Schrecken war vorüber: um die Wette schwimmt
Und hüpft ein frecher Haufen um das Holz herum.
Und als man es mit alter Schmach und Schimpf befleckt,
Schickt man zu Zeus: ein andrer König wird erfleht,
Untauglich sei der erste, welchen er gesetzt.
Nun schickt er eine Schlange, die mit scharfem Zahn
Begann zu haschen alle. Da bemühn umsonst
Die Schwachen sich zu retten: Furcht schließt selbst den Mund.
Man wagt nur, durch Mercurius zu Zeus zu flehn,
Den Vielbedrängten beizustehn. Da sprach der Gott:
Weil ihr nicht tragen möchtet euer frühres Glück
Harrt aus im Unglück. Also nun, Mitbürger auch,
Sprach er, ertraget dieses, dass nichts Schlimmres kommt.
1,3
Graculus superbus et pavo
1
2
3
4
5
6
7
8
9
10
11
12
13
14
15
16
Ne glóriári líbeat álienís bonís
Suóque pótius hábitu vítam dégeré,
Aesópus nóbis hóc exémplum pródidít.
Tuméns ináni gráculús supérbiá,
Pennás, pavóni quaé decíderant, sústulít
Seque‿éxornávit. Deínde cóntemnéns suós
Se‿immíscuít pavónum fórmosó gregí.
Illi‿ímpudénti pénnas éripiúnt aví
Fugántque róstris. Mále mulcátus gráculús
Redíre maérens coépit ad própriúm genús;
A quó repúlsus trístem sústinuít notám.
Tum quídam‿ex íllis, quós priús despéxerát:
"Conténtus nóstris sí fuísses sédibús
Et, quód natúra déderat, vóluissés patí,
Nec íllam‿expértus ésses cóntuméliám
Nec hánc repúlsam túa sentíret cálamitás".
1,3
Die stolze Krähe und der Pfau
1
2
3
4
5
6
7
8
9
10
11
12
13
14
15
16
Mit angeborgten Gütern brüste niemand sich
Und seinem Stande lebe jeglicher gemäß!
Um dies zu lehren, stellt Aesop ein Beispiel auf:
Von eitlem Hochmut aufgeblasen las die Kräh
Sich einst die Federn, welche Pfau'n verloren, auf,
Schmückt sich und Schwestern neben ihr verachtet sie.
Als zu den prächtgen Pfauen diese sich gesellt,
So rupften sie der dreisten diese Federn aus
Und jagten sie mit ihren Schnäbeln fort. Gestäupt
Kehrt nun die Krähe traurig heim zu ihrem Volk.
Auch hier wird sie vertrieben und mit Schmach bedeckt.
Drauf sagt von denen eine, die sie sonst verschmäht:
"O warst mit deinem Lose doch zufrieden du
Und hätte dir gefallen, was Natur dir gab:
Du hättest jene Schande nimmermehr erlebt,
Noch wärst du aus dem eignen Vaterland verjagt!"
graculus, i, m. - die Dohle (corvus) | pavo, onis, m. - Pfau (der der Juno heilig) | 4 tumeo, ere - geschwollen sein, strotzen; (vor Zorn) aufgebracht - , (von Stolz) aufgeblasen sein | 9 mulco, avi, atum, are - tüchtig streichen; misshandeln, übel zurichten | 11 nota, ae, f. - Zeichen, Merkmal, Schandfleck, Tadel | 15 contumelia, ae, f. (contemno), - Schimpf, Schmach, Schande | 16 repulsa, ae, f. (repello) - Zurückweisung

Aufgaben:

  1. Inwiefern kann der Dichter die Fabel zu Recht als "exemplum" bezeichnen?
  2. Löse den V-Effekt der Fabel so auf, dass Du Dir eine konkrete menschliche Lebenssituation denkst, in der die Moral der Fabel zur Anwendung kommt.
  3. Verbiete die Moral der Fabel nicht jede Form des menschlichen Ehrgeizes und verhindert sie dadurch nicht das natürliche Bedürfnis der Persönlichkeitsentwicklung?
1,4
Canis per fluvium carnem ferens
1
2
3
4
5
6
7
Amíttit mérito próprium, qui‿álienum‿áppetít.
Canís per flúmen cárnem cúm ferrét natáns,
Lymphárum‿in spéculo vídit símulacrúm suúm,
Aliámque praédam‿ab álio cáne ferrí putáns
Erípere vóluit; vérum décepta‿áviditás
Et, quém tenébat, óre dímisít cibúm,
Nec, quém petébat, pótuit ádeo‿attíngeré.
1,4
Der Hund, der Fleisch durch den Fluss trägt
1
2
3
4
5
6
7
Mit Recht verlieret eignes Gut, wer fremdes wünscht.
Es schwamm mit Fleisch durch einen Wasserstrom ein Hund.
Da sah im Wasserspiegel er sein Ebenbild
Und, weil er meint, ein andrer sei's, der Beute trug,
Wollt er sie haschen. Doch die Habsucht ward getäuscht:
Er ließ die Speise fahren, die im Mund er trug,
Und die, nach der er haschte, konnt er auch nicht fahn.

Aufgaben:

  1. Welches menschliche Laster wird durch die Fabel thematisiert? Mit welchen lateinischen Vokabeln bezeichnet die Fabel es am treffsichersten?
  2. Warum kommt diese Fabel im Vergleich mit den beiden vorherigen mit nur einem Handlungsträger aus?
  3. Kennst Du sprichwörtliche Redewendungen, die im deutschen Sprachbereich die gleiche Moral beinhalten?
  4. Lessing hat Anstoß an der Fabel genommen, weil der Hund, wenn er durch den Fluss schwimmt, das Wasser so trüben müsse, dass er unmöglich sein Spielgelbild darin sehen könne
1,5
Vacca et capella, ovis et leo
1
2
3
4
5
6
7
8
9
10
11

     Numquám‿est fidélis cúm poténte sócietás.
Testátur haéc fabélla própositúm meúm
     Vacca‿ét capélla‿et pátiens óvis iniúriaé
socií fuére cúm leóne‿in sáltibús.
Hi cúm cepíssent cérvum vásti córporís,
sic ést locútus pártibús factís leó:
'Ego prímam tóllo, nóminór quoniám leó;
secúndam, méa cum sórs sit, tríbuetís mihí;
tum, quía plus váleo, mé sequétur tértiá;
malo‿ádficiétur, sí quis quártam tétigerít'.
     Sic totam praedam sola‿improbitas abstulit.

1,5
Die Kuh, die Ziege, das Schaf und der Löwe
1
2
3
4
5
6
7
8
9
10
11
     Aufrichtig ist ein Bündnis mit dem Mächtgern nie.
Für meinen Satz ist diese Fabel ein Beweis:
     Kuh, Zieg' und ein geduldges Schaf gesellten sich
Zum Löwen, Jagd zu treiben in dem Waldrevier.
Da sie zusammen einen mächtgen Hirsch erlegt
Und ihn geteilt, fing also an der Leu und sprach:
Ich nehme, weil ich Löwe bin, den ersten Teil;
Den zweiten müsst ihr lassen mir als meinen Teil;
Der dritte soll mir werden wegen meiner Kraft.
Doch wer den vierten an anrührt dem soll's übel gehn!
     So nahm für sich die Beute ganz der Frevler hin.
1,6
Ranae ad Solem
1
2
3
4
5
6
7
8
9
Vicíni fúris célebres vídit núptiás
Aesópus, ét contínuo nárrare‿íncipít -
     Uxórem quóndam Sól cum véllet dúceré,
clamórem ránae sústulére ad síderá.
Convíció permótus quaérit Iúppitér
causám queréllae. Quaédam túm stagni‿íncola
'Nunc' ínquit 'ómnes únus éxurít lacús,
cogítque míseras árida séde‿émorí.
Quidnám futúrum‿est sí creárit líberós?'
1,6
Die Frösche und der Sonnengott
1
2
3
4
5
6
7
8
9
cDie Hochzeit eines Diebes seiner Nachbarschaft
Erlebt Aesop. Gleich fing er zu erzählen an:
     Als Sol ein Weib zu nehmen einmal sich entschloss,
Erhoben Lärm die Frösche, dass zum Himmel drang
Ihr Schrein. Dadurch bewogen untersuchte Zeus
Der Klage Grund. Ein Sumpfbewohner sprach darauf:
schon dieser eine trocknet alle Pfützen aus,
und in der dürren Wohnung finden wir den Tod.
die wird's erst dann uns gehen, wenn er Kinder zeugt?
1,7
Vulpes ad personam tragicam
1
2
3
4
5

Persónam trágicam fórte vúlpes víderát;
quam póstquam‿huc ílluc sémel atque‿ íterum vérterát,
'O quánta spécies' ínquit 'cérebrum nón habét!'
Hoc íllis díctum‿est quíbus honórem‿et glóriám
Fortúna tríbuit, sénsum cómmunem‿ábstulit.

1,7
Der Fuchs und die Schauspielmaske
1
2
3
4
5

Ein Fuchs, der einmal eine Schauspielmaske fand,
Rief, als er diese mehrfach hin und her gedreht ,
O welche Schönheit! Aber am Gehirne fehlt's.
Dies ist gesagt auf jene, welchen Ehr und Ruhm
Das Glück verliehen, doch dafür den Verstand versagt.

1,8
Lupus et Gruis
1
2
3
4
5
6
7
8
9
10
11
12

     Qui prétium mériti‿ab ímprobís desíderát,
bis péccat: prímum quóniam‿ indígnos ádiuvát,
impúne‿abíre deínde quía iam nón potést.
     Os dévorátum faúce cum‿haérerét lupí,
magnó dolóre víctus coépit síngulós
inlícere prétio,‿ut íllud éxtraherént malúm.
Tandém persuása‿est iúreiúrandó gruís,
gulaé quae crédens cólli lóngitúdiném
perículósam fécit médicinám lupó.
Pro quó cum páctum flágitáret praémiúm,
'Ingráta‿es, ínquit, 'óre quaé nostró capút
incólume‿abstúleris ét mercédem póstulés'.

1,8
Der Wolf und der Kranich
1
2
3
4
5
6
7
8
9
10
11
12
      Wer Dank von einem Frevler für Verdienst erhofft,
Irrt zweifach: weil er erstens nur Unwürdgen hilft,
Und zweitens, weil er ohne Nachteil nicht entkommt.
     Dem Wolfe stak ein Knochen in dem Schlunde fest.
Da lockt' er durch Versprechungen in großem Schmerz
Jedweden, ihm den bösen Knochen auszuziehn.
Der Kranich endlich glaubte seinem Eid und Schwur,
Vertraut' des Wolfes Rachen seinen langen Hals,
Und nahm mit ihm die vielgewagte Heilung vor.
Doch als er nun für seinen Dienst den Lohn verlangt,
Sprach jener: Undankbarer, kamst doch unversehrt
Davon mit deinem Kopf, und willst doch andern Lohn!
   
Sententiae excerptae:
Literatur:

[ Homepage | Inhalt | Hellas 2000 | Stilistik | Latein | Latein. Lektüre | Lateinisches Wörterbuch | Lateinischer Sprachkurs | Lateinische Grammatik | Lat.Textstellen | Römische Geschichte | Griechisch | Griech. Lektüre | Griechisches Wörterbuch | Griechischer Sprachkurs | Griechische Grammatik | Griech.Textstellen | Griechische Geschichte | LandkartenBeta-Converter | Varia | Mythologie | Bibliographie | Ethik | Links | Literaturabfrage | Forum zur Homepage ]
Site-Suche:
Benutzerdefinierte Suche
bottom© 2000 - 2017 - /Lat/phaedr/fab01.php - Letzte Aktualisierung: 27.09.2015 - 19:59