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Lucius Annaeus Seneca

Aus Senecas Briefen


(Sen.epist.106)
 
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Ist ein Gut etwas Körperliches?
SENECA LVCILIO SVO SALVTEM
(106,1) Tardius rescribo ad epistulas tuas, non quia districtus occupationibus sum. Hanc excusationem cave audias: vaco, et omnes vacant, qui volunt. Neminem res sequuntur: ipsi illas amplexantur et argumentum esse felicitatis occupationem putant. Quid ergo fuit, quare non protinus rescriberem? id, de quo quaerebas, veniebat in contextum operis mei; scis enim me moralem philosophiam velle conplecti et omnes ad eam pertinentis quaestiones explicare.
(106,2) Itaque dubitavi, utrum differrem te, donec suus isti rei veniret locus, an ius tibi extra ordinem dicerem: humanius visum est tam longe venientem non detinere.
(106,3) Itaque et hoc ex illa serie rerum cohaerentium excerpam et, si qua erunt eiusmodi, non quaerenti tibi ultro mittam. Quae sint haec, interrogas? Quae scire magis iuvat quam prodest, sicut hoc, de quo quaeris: bonum an corpus sit?
(106,4) Bonum facit; prodest enim; quod facit, corpus est. Bonum agitat animum et quodam modo format et continet, quae [ergo] propria sunt corporis. Quae corporis bona sunt, corpora sunt; ergo et quae animi sunt; nam et hoc corpus est.
(106,5) Bonum hominis necesse est corpus sit, cum ipse sit corporalis. Mentior, nisi et, quae alunt illum et quae valetudinem eius vel custodiunt vel restituunt, corpora sunt; ergo et bonum eius corpus est.
(106,5) Non puto te dubitaturum, an adfectus corpora sint (ut aliud quoque, de quo non quaeris, infulciam), tamquam ira, amor, tristitia, nisi dubitas an vultum nobis mutent, an frontem adstringant, an faciem diffundant, an ruborem evocent, an fugent sanguinem. Quid ergo? tam manifestas notas corporis credis inprimi nisi a corpore?
(106,6) Si adfectus corpora sunt, et morbi animorum, ut avaritia, crudelitas, indurata vitia et in statum inemendabilem adducta; ergo et malitia et species eius omnes, malignitas, invidia, superbia; ergo et bona, primum quia contraria istis sunt, deinde quia eadem tibi indicia praestabunt.
(106,7) An non vides, quantum oculis det vigorem fortitudo? quantam intentionem prudentia? quantam modestiam et quietem reverentia? quantam serenitatem laetitia? quantum rigorem severitas? quantam remissionem lenitas? Corpora ergo sunt, quae colorem habitumque corporum mutant, quae in illis regnum suum exercent. Omnes autem, quas rettuli, virtutes bona sunt, et quidquid ex illis est.
(106,8) Numquid est dubium, an id, quo quid tangi potest, corpus sit? Tangere enim et tangi, nisi corpus, nulla potest res, ut ait Lucretius. Omnia autem ista, quae dixi, non mutarent corpus, nisi tangerent; ergo corpora sunt.
(106,9) Etiam nunc, cui tanta vis est, ut inpellat et cogat et retineat et inhibeat, corpus est. Quid ergo? non timor retinet? non audacia inpellit? non fortitudo inmittit et impetum dat? non moderatio refrenat ac revocat? non gaudium extollit? non tristitia deducit?
(106,10) Denique, quidquid facimus, aut malitiae aut virtutis gerimus imperio: quod imperat corpori, corpus est, quod vim corpori adfert, corpus. Bonum corporis corporale est, bonum hominis et corporis bonum est; itaque corporale est.
(106,11) Quoniam, ut voluisti, morem gessi tibi, nunc ipse dicam mihi, quod dicturum esse te video: latrunculis ludimus. In supervacuis subtilitas teritur: non faciunt bonos ista sed doctos.
(106,12) Apertior res est sapere, immo simplicior: paucis [satis] est ad mentem bonam uti litteris, sed nos, ut cetera in supervacuum diffundimus, ita philosophiam ipsam. Quemadmodum omnium rerum, sic litterarum quoque intemperantia laboramus: non vitae sed scholae discimus. Vale!
Seneca grüßt seinen Lucilius
Ich habe mir mit der Antwort auf deinen Brief etwas lange Zeit gelassen, nicht etwa, weil ich gar zu viel zu tun gehabt hätte, - das darfst du nie als Entschuldigung gelten lassen – ich hatte Zeit, und jedermann hat Zeit, wenn er will. Die Geschäfte laufen keinem nach; wir selber hängen uns an sie und meinen, es sei ein Zeichen von Glück, immer recht beschäftigt zu sein. Der Grund, warum ich deine Fragen nicht sofort beantwortete, lag in dem Zusammenhang meines Werkes; du weißt jam dass ich mich eingehend mit der Moralphilosophie beschäftige und gern alle Fragen erörtern möchte, die sich auf sie beziehen.
Nun wusste ich nicht recht, ob ich dich hinausschieben oder dir, bis die bewussten Fragen an die Reihe kommen, zwischenhinein dienen solle; es schien mir nun aber freundlicher, einen Mann wie dich, der so weit her ist, nicht hinzuhalten.
Darum will ich den gedachten Gegenstand außer dem Zusammenhang behandeln, dir auch Einschlägiges von selbst zuschicken, ohne dass du darum nachzusuchen brauchst. Und was denn? Fragen, die mehr zur Unterhaltung dienen als zum Nutzen, z.B. die von dir aufgeworfene, ob ein Gut ein Körper sein könne. –
Ein Gut nützt, denn es wirkt; was aber wirkt, ist ein Körper. Ein Gut setzt das Gemüt in Bewegung, bildet und hält es fest, was lauter Eigenschaften eines Körpers sind. Güter eines Körpers sind selbst Körper, also auch Güter der Seele, denn auch diese ist ein Körper.
Was für den Menschen ein Gut ist, muss notwendig ein Körper sein, da er selbst körperlich ist. Und was seinen Körper nährt, seine Gesundheit bewahrt und wiederherstellt, muss auch etwas Körperliches sein; somit ist auch ein Gut desselben ein Körper.
Du zweifelst wohl nicht, dass auch die Affekte etwas Körperliches sind, (um etwas einzuschieben, wonach du nicht gefragt hast) wie Zorn, Liebe, Traurigkeit. Solltest du zweifeln, so sieh nur, ob sie nicht unser Aussehen ändern, die Stirn in Falten legen, das Gesicht wieder glätten, Röte hervorrufen oder das Blut zurücktreiben. Wie nun? Kann etwas, das nicht selbst ein Körper ist, einem Körper so deutliche Spuren aufdrücken?
Wenn die Affekte etwas Körperliches sind, so sind es auch Seelenkrankheiten, Geiz, Grausamkeit, verhärtete Laster, die unverbesserlich geworden sind; ferner auch das Böse mit all seinen Unterabteilungen, Bösartigkeit, Neid, Übermut; aber auch das Gute, einmal als Gegenteil von dem Bisherigen, und dann, weil es die selben Anzeichen gewährt.
Oder siehst du nicht, welches Feuer die Tapferkeit dem Auge verleiht, welche Aufmerksamkeit die Klugheit, welche Zurückhaltung und Ruhe die Ehrfurcht, welche Heiterkeit die Freude, welchen Ernst die Strenge, welche Unbefangenheit die Wahrheit hervorbringt? Was die Farbe und das Wesen von Körpern verändert, muss etwas Körperliches sein, da es in jenen eine Herrschaft ausübt. Alle Tugenden aber, die ich anführte, sind Güter, und was von ihnen herkommt.
Besteht ein Zweifel darüber, dass das, wovon etwas berührt werden kann, ein Körper ist? Lucretius sagt: „Nur ein Körper kann berühren und berührt werden.“ All das Genannte aber würde den Körper nicht verändern, wenn es ihn nicht berührte, also ist es auch etwas Körperliches.
Ferner: Was eine solche Kraft hat, dass es antreibt, nötigt, zurückhält oder gebietet, das ist ein Körper. Hält nicht die Furcht zurück? Treibt die Kühnheit nicht an? Spornt und treibt die Tapferkeit nicht an? Die Mäßigung, zügelt sie nicht und ruft zurück? Die Freude, erhebt sie nicht? Die Traurigkeit, schlägt sie nicht nieder?
Kurz: Bei allem, was wir tun, gehorchen wir entweder einem Gebot des Bösen oder des Guten; was dem Körper gebietet und ihn zwingt, ist ein Körper. Ein Gut des Körpers ist körperlich; ein Gut des Menschen ist auch ein Gut des Körpers, somit selbst etwas Körperliches.
Nachdem ich nun deinem Wunsch entsprochen habe, will ich mir selbst sagen, was dir wohl auf der Zunge liegt: Wir spielen mit Steinchen; wir verwenden viel Scharfsinn auf ganz unnötige Dinge. Dergleichen macht nicht tugendhaft, sondern höchstens gelehrt.
Die Weisheit ist etwas viel Klareres und Einfacheres. Zu tugendhafter Gesinnung braucht man nicht viel Wissenschaft. Aber wie alles übrige, so übertreiben wir auch die Philosophie. Mangel an Maß ist unser Fehler, in allem, auch in der Literatur; man lernt nur für die Schule, nicht für das Leben. Lebe wohl!
Übersetzung: neu übersetzt auf der Grundlage von C.F.A. Schott
Sententiae excerptae:
w38
Literatur:

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