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Publius Vergilius Maro
Aeneis I

1. Verg.Aen.1,34-49: Iunos Monolog 

 

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34 Vix e conspectu Siculae telluris in altum
35 vela dabant laeti et spumas salis aere ruebant,
cum Iuno aeternum servans sub pectore vulnus
haec secum: 'mene incepto desistere victam
nec posse Italia Teucrorum avertere regem!
quippe vetor fatis. Pallasne exurere classem
40 Argivum atque ipsos potuit summergere ponto
unius ob noxam et furias Aiacis Oilei?
ipsa Iovis rapidum iaculata e nubibus ignem
disiecitque rates evertitque aequora ventis,
illum exspirantem transfixo pectore flammas
45 turbine corripuit scopuloque infixit acuto;
ast ego, quae divum incedo regina Iovisque
et soror et coniunx, una cum gente tot annos
bella gero. et quisquam numen Iunonis adorat
praeterea aut supplex aris imponet honorem?'

Aufgabenvorschläge:

  1. Mit Vs. 34 setzt die äußere Handlung ein. Wie verhalten sich Geschehensablauf und Erzählablauf zueinander?
    • An welchem Punkt des Geschehens hätten Sie als Erzähler mit der Handlung eingesetzt? An welchem Punkt setzt Vergil ein? 
    • Warum beginnt der Dichter nicht, wie man nach dem Proömium hätte erwarten können, mit der Abfahrt von Troia oder der Eroberung Troias durch die Griechen?
    • Informieren Sie sich oder achten Sie später darauf, ob die fehlenden Passagen des Anfangs nachgetragen werden!
    • Vergleichen Sie damit den Handlungseinsatz der Odyssee Homers (Hom.Od.1,11)!
    "«Wie Homer den Anfang des Trojanischen Krieges weggelassen hat, so hat Virgil nicht mit dem Beginn der Irrfahrt eingesetzt2)», so heißt es in der antiken Virgil-Erklärung. Man bemerkte und lobte es auch sonst im Altertum, dass Homer den Leser mitten in die Geschichte «hineinreiße». Auf die Odyssee hat sich der alte Erklärer nicht berufen, deren Anlage doch der des Anfangs der Aeneis näher verwandt ist; in beiden Gedichten beginnt der Dichter kurz vor dem Ende der Fahrten und Abenteuer, vor dem Aufenthalt, bei dem der Held erzählen wird, was ihm vorher widerfahren ist. Die Stelle, an der Virgil die Handlung einsetzen lässt, entspricht genau derjenigen, an der in der Odyssee Poseidon, der Feind und Verfolger, bemerkt, dass sich Odysseus Scheria, der Insel der Phäaken, nähert, wo ihm endlich gerettet zu werden bestimmt ist (Od.5,282ff). Zornige Rede und dann der große Sturm: beides läuft in den zwei Epen gleich." (F. Klingner (1), S. 386).
    [2) Serv.Dan.1, 34. Vgl. Quintilian 7,10,11 vom Beginn einer Erzählung more Homerico a mediis vel ultimis; Horaz, ars poet. 148f. - ] 
  2. In welcher Weise lässt der Dichter Iuno sich in ihrem Monolog über das hinaus, was wir zuvor aus dem Mund der Muse erfahren hatten, selbst charakterisieren?
    "Man wird gut daran tun, den doppelten Aspekt in der vergilischen Darstellung der Iuno nicht zu übersehen [...] Einerseits ist und bleibt sie Göttin, die ihr numen verletzt glaubt und entsprechend reagiert, Andererseits trägt sie vielfach höchst menschliche Züge. Sie handelt wie eine in ihrem Stolz verletzte Frau, die sich zu äußerstem Hass hinreißen lässt. [...] Eine solche Mehrdeutigkeit der Iuno bedarf keiner Harmonisierung. Diese typisch vergilische Weise erlaubt dem Dichter die Mannigfaltigkeit der Aussage. (V. Buchheit (1), S. 59, Anm. 222)
  3. Wie muss man jetzt die Frage beantworten, warum Iuno gegen das Fatum angeht, obwohl sie doch wissen müsste, dass sie letztlich chancenlos ist? 
    Iuno kennt das Fatum genau (39: "quippe vetor fatis"), handelt aber offen dagegen. Sie hält es für ungerecht und für eine Herabwürdigung ihres numens, ihres Ranges als regina deum, als Schwester und Gattin Iupiters. Ist es wirklich ein Frevel (so Buchheit) oder nur eine emotionale Unbeherrschtheit oder eine nachvollziehbare Trotzreaktion, die für sie, abgesehen vom äußeren Scheitern, ohne weitere Folgen bleiben wird?
    "Schon die ersten Worte zeigen, sie [...] in offenem Widerstreit mit dem vom Schicksal gegebenen Auftrag an Aeneas und die Seinen: ... nec posse Italia Teucrorum avertere regem? Schon diese Frage muss der Hörer als Widerstreit gegen das Fatum deuten, denn dass die Göttin von dem Auftrag des Schicksals an Aeneas weiß, ist bereits Vs. 20 (audierat) gesagt worden. Trotzdem läßt sie der Dichter hier mit allem Nachdruck aussprechen: quippe vetor fatis (Vs.39). Das ist Überheblichkeit und Verblendung." (V. Buchheit (1), S. 59 f.)
    "Überheblichkeit und Verblendung" sind üblicherweise Kategorien, die herausragende Menschen betreffen, die ihre Grenzen als Menschen nicht einhalten, sich Qualitäten des Göttlichen anmaßen und dafür existentiell scheitern. Insofern bleibt zu fragen, ob Götter überhaupt der "Überheblichkeit und Verblendung" verfallen können. Scheitern können sie jedenfalls nur in ihren Plänen, nicht aber existentiell: ein Stoff, aus dem eher Komödien als Tragödien geschnitzt werden. 
  4. Iuno gibt sich empört über das Missverhältnis zwischen Minervas Erfolg und ihrem bisherigen Misserfolg in der Durchsetzung ihrer persönlichen Absichten. 
    • Welche Züge des Beispiels hebt sie hervor, um im Recht zu erscheinen?
    • Verschweigt sie auch Unvergleichbares, um sich nicht ins Unrecht zu setzen? 
    • was Iuno geflissentlich übersieht, ist dass Aias ein Frevler war, und Minerva sowohl die verdiente Strafe als auch den Willen der Götter an ihm vollzog (Sie hat den Blitz von Iupiter, und nach der allgemeinen Sagenversion wollte Neptunus Aias zunächst aus dem Schiffbruch retten, musste ihm aber dann, weil er erneut frevelte, den Todesstoß versetzen). Aeneas aber ist der "vir pietate insignis", der es nicht verdient hat, den Zorn der Götter zu spüren. Iuno setzt sich also selbst ins Unrecht, indem sie sich mit offenbar niedrigen Beweggründen in Gegensatz zu Iupiter, dem Fatum und den positiven Ordnungskräften der Welt setzt.
Sententiae excerptae:
w33
Literatur:
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