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Publius Cornelius Tacitus

Annales

13,1-13,5

 Die Anfänge des Kaisers Nero: Leichenfeier für Claudius und Antrittsrede im Senat

 
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1. Das erste Opfer, das unter der neuen Regierung, ohne Neros Wissen, durch Agrippinas Tücke fiel, war Iunius Silanus, der Prokonsul in Asien. Nicht dass er durch das Ungestüm seines Wesen zu seinem Sturz gereizt hätte - er war ohne alle Energie und unter den früheren Herrschaften so geringschätzig angesehen, dass Caesar Gaius ihn ein goldenes Schaf zu nennen pflegte - sondern Agrippina, die seinem Bruder Lucius Silanus den Tod bereitet hatte, fürchtete, in ihm den Rächer, da im Volk das Gerede verbreitet war, es wäre besser, man hätte statt des kaum erst dem Knabenalter entwachsenen Nero, der die Herrschaft durch ein Verbrechen erhalten habe, einen Mann von gesetztem Alter, unbescholten, von erlauchter Familie und - worauf man in gegenwärtiger Zeit Gewicht lege - aus dem Hause der Caesaren. Silanus war nämlich ebenfalls ein Urenkel des vergöttlichten Augustus, und dieser Umstand wurde die Ursache seines Todes. Die Hand zur Ausführung fand man in dem römischen Ritter Publius Celer und dem Freigelassenen Helius, die das Vermögen des Fürsten in Asien zu verwalten hatten. Von diesen wurde dem Prokonsul beim Mahl Gift gegeben, so offenbar, dass es nicht unbemerkt bleiben konnte. Nicht weniger ist löschen eilfertig wurde des Claudius Freigelassener Narcissus, von dessen Streit mit Agrippinas ich gesprochen habe (12,57; 12,65), durch harte Gefangenschaft und äußerste Drangsal zum Selbstmord gebracht, wider den Willen des Fürsten, zu dessen damals noch verborgenen Lastern er mit seiner Habsucht und Verschwendung ungemein gepasst hätte. (13,1) Prima novo principatu mors Iunii Silani proconsulis Asiae ignaro Nerone per dolum Agrippinae paratur, non quia ingenii violentia exitium inritaverat, segnis et dominationibus aliis fastiditus, adeo ut C. Caesar pecudem auream eum appellare solitus sit: verum Agrippina fratri eius L. Silano necem molita ultorem metuebat, crebra vulgi fama anteponendum esse vixdum pueritiam egresso Neroni et imperium per scelus adepto virum aetate composita, insontem, nobilem et, quod tunc spectaretur, e Caesarum posteris: quippe et Silanus divi Augusti abnepos erat. haec causa necis. ministri fuere P. Celer eques Romanus et Helius libertus, rei familiari principis in Asia impositi. ab his proconsuli venenum inter epulas datum est apertius quam ut fallerent. nec minus properato Narcissus Claudii libertus, de cuius iurgiis adversus Agrippinam rettuli, aspera custodia et necessitate extrema ad mortem agitur, invito principe, cuius abditis adhuc vitiis per avaritiam ac prodigentiam mire congruebat.
2. So wäre man auf dem Weg gewesen, von Mord zu Mord weiterzugehen, hätten nicht Afranius Burrus und Annaeus Seneca dem zu begegnen gesucht. Diese, die Lenker des jungen Herrschers, und - was bei Genossen der Macht selten ist - einig untereinander, vermochten durch verschiedene Mittel gleich viel über ihn, Burrus, indem er ihn soldatisch beschäftigte, und durch strengen Ernst seiner Sitten, Seneca durch seinen Unterricht in der Beredsamkeit, wobei sie sich auch durch edle Feinheit des Benehmens unterstützten, um die schlüpfrige Judend des Fürsten, falls er nicht der der Tugend folge, durch erlaubte Vergnügungen desto eher auf der Bahn der Tugend zu halten. Beide hatten einen und den selben Kampf zu bestehen, den Kampf gegen den wilden Trotz Agrippinas, die von allen Leidenschaften einer heillosen Willkürherrschaft entbrannt war und den Pallas auf ihrer Seite hatte, auf dessen Rat hin Claudius sich durch blutschänderische Ehe und verderbliche Adoption den Untergang bereitet hatte. Aber Nero nicht einerseits nicht von der Art, dass er sich unter Sklaven hinunterbegab, andererseits hatte Pallas durch sein finster anmaßendes Wesen die Schranken eines Freigelassenen überschritten und sich ihm bereits lästig gemacht. Vor der Welt jedoch wurde Agrippina mit Ehren aller Art überhäuft, und als der Tribun nach militärischem Brauch die Parole holte, gab Nero als solche das Wort: die beste Mutter. Auch wurden ihr vom Senat zwei Liktoren zuerkannt, so wie die Würde einer Eigenpriesterin des Claudius, dem letzteren zugleich eine censorische Bestattung und nachher die Versetzung unter die Götter. (13,2) Ibaturque in caedes, nisi Afranius Burrus et Annaeus Seneca obviam issent. hi rectores imperatoriae iuventae et (rarum in societate potentiae) concordes, diversa arte ex aequo pollebant, Burrus militaribus curis et severitate morum, Seneca praeceptis eloquentiae et comitate honesta, iuvantes in vicem, quo facilius lubricam principis aetatem, si virtutem aspernaretur, voluptatibus concessis retinerent. certamen utrique unum erat contra ferociam Agrippinae, quae cunctis malae dominationis cupidinibus flagrans habebat in partibus Pallantem, quo auctore Claudius nuptiis incestis et adoptione exitiosa semet perverterat. sed neque Neroni infra servos ingenium, et Pallas tristi adrogantia modum liberti egressus taedium sui moverat. propalam tamen omnes in eam honores cumulabantur, signumque more militiae petenti tribuno dedit Optimae matris. decreti et a senatu duo lictores, flamonium Claudiale, simul Claudio censorium funus et mox consecratio.
3. Am Tag der Bestattung erhob sich der Fürst mit einer Lobrede auf Claudius, er selbst wie auch die Zuhörer in ernster Stimmung, solange er das Alter des claudischen Geschlechtes, die Konsulate und Triumphe seiner Vorfahren aufzählte, so wie man auch die Erwähnung seiner wissenschaftlichen Studien und, dass kein Unfall, solange er die Zügel hielt, von außen her dem Staat widerfahren sei, mit beifälliger Stimmung anhörte. Als er aber auf seinen in die Ferne gehenden Blick und seine Weisheit zu reden kam, erwehrte sich niemand des Lachens, obwohl die von Seneca verfasste Rede einen sehr hohen künstlerischen Wert hatte, wie überhaupt dem Geiste dieses Mannes ein gefälliges, dem Geschmack jener Zeit zusagendes Wesen eigen war. Bejahrte Personen, die sich gern damit abgeben, Vorzeit und Gegenwart zu vergleichen, machten die Bemerkung, Nero sei unter den Kaisern der erste gewesen, der fremder Redekunst bedurft habe. Der Diktator Caesar wetteiferte mit den größten Rednern und Augustus besaß eine fertige und fließende Redegabe, wie sie einem Fürsten wohl ansteht. Tiberius verstand sich auch auf die Kunst, die die Worte wohl abwägt; daneben war seine Rede gewichtig durch Gedanken, wenn nicht das, so absichtlich zweideutig. Auch bei Caesar Gaius hatte die Geisteszerrüttung das Rednertalent nicht gebrochen und selbst bei Claudius vermisste man, wenn er Meditiertes vortrug, nicht die glückliche Wahl des Ausdrucks. Nero richtete gleich in den Knabenjahren seinen lebhaften Geist auf ganz andere Dinge: meißeln, malen, singen, Rosse lenken; hier und da zeigte er auch durch die Verfertigung von Gedichten, dass ihm die Vorkenntnisse zu wissenschaftlicher Bildung nicht fehlten. (13,3) Die funeris laudationem eius princeps exorsus est, dum antiquitatem generis, consulatus ac triumphos maiorum enumerabat, intentus ipse et ceteri; liberalium quoque artium commemoratio et nihil regente eo triste rei publicae ab externis accidisse pronis animis audita: postquam ad providentiam sapientiamque flexit, nemo risui temperare, quamquam oratio a Seneca composita multum cultus praeferret, ut fuit illi viro ingenium amoenum et temporis eius auribus accommodatum. adnotabant seniores, quibus otiosum est vetera et praesentia contendere, primum ex iis qui rerum potiti essent Neronem alienae facundiae eguisse. nam dictator Caesar summis oratoribus aemulus; et Augusto prompta ac profluens, quae deceret principem, eloquentia fuit. Tiberius artem quoque callebat qua verba expenderet, tum validus sensibus aut consulto ambiguus. etiam G. Caesaris turbata mens vim dicendi non corrupit. nec in Claudio, quoties meditata dissereret, elegantiam requireres. Nero puerilibus statim annis vividum animum in alia detorsit: caelare, pingere, cantus aut regimen equorum exercere; et aliquando carminibus pangendis inesse sibi elementa doctrinae ostendebat.
4. Als nunmehr die Formalitäten der Trauer vorüber waren, begab er sich in die Kurie. Nachdem er zuvor von der Initiative der Väter und der Zustimmung des Heeres einiges gesprochen hatte, bemerkte er, dass es ihm nicht an Ratschlägen und Vorbildern zu einer musterhaften Reichsverwaltung fehle, dass seine Jugend nichts von Bürgerkrieg und häuslichem Zwist erfahren habe, dass er keinen Hass, kein Gefühl der Kränkung, keine Begierde, sich zu rächen, mitbringe. Dann zeichnete er den Geist, in dem er die Regierung zu leiten gedenke, wobei er allermeist dasjenige, was mit frischem Unmut empfunden wurde, als Dinge bezeichnete, die ihm fern bleiben sollten. Er werde nicht in allen Dingen den Schiedsrichter machen, wolle nicht haben, dass Ankläger und Beklagte innerhalb der Wände eines Hauses einander gegenüberstehen und dabei wenige Übermächtige ihr Unwesen treiben. Seine Wohnung solle der Bestechung und Erschleichung unzugänglich sein, des Fürsten Haus und der Staat jedes für sich bestehen. Dem Senat möge sein alter Geschäftskreis bleiben; vor dem Stuhl der Konsul solle Italien zu erscheinen haben und die senatorischen Provinzen; von ihnen, den Konsuln, solle der Zutritt zu den Vätern abhängen, für die ihm anvertrauten Heere wolle er sorgen. (13,4) Ceterum peractis tristitiae imitamentis curiam ingressus et de auctoritate patrum et consensu militum praefatus, consilia sibi et exempla capessendi egregie imperii memoravit, neque iuventam armis civilibus aut domesticis discordiis imbutam; nulla odia, nullas iniurias nec cupidinem ultionis adferre. tum formam futuri principatus praescripsit, ea maxime declinans quorum recens flagrabat invidia. non enim se negotiorum omnium iudicem fore, ut clausis unam intra domum accusatoribus et reis paucorum potentia grassaretur; nihil in penatibus suis venale aut ambitioni pervium; discretam domum et rem publicam. teneret antiqua munia senatus, consulum tribunalibus Italia et publicae provinciae adsisterent: illi patrum aditum praeberent, se mandatis exercitibus consulturum.
5. Und er hielt Wort. Der Senat erließ nach eigenem Gutachten manche Verordnungen, zum Beispiel, dass niemand für die Übernahme eines gerichtlichen Vortrags Bezahlung oder Geschenke annehmen dürfe, kein ernannter Quaestor gehalten sei, Gladiatorenpiele zu geben. Dies wurde, trotz Agrippinas Einspruch, dass so des Claudius Verordnungen umgestoßen würden, von den Vätern durchgesetzt. Sie wurden deshalb in das Palatium berufen, wo Agrippina hinter einer im Rücken der Versammlung angebrachten Tür, nur durch einen Vorhang getrennt, so dass sie nichts sah, aber alles hören konnte, der Versammlung beiwohnte. Ja, als Abgeordnete der Armenier ein Anliegen ihres Volkes vor Nero vortrugen, war sie schon im Begriff auf die Estrade des Kaisers zu treten und mit ihm den Vorsitz zu führen, wenn nicht, während alles vor Schrecken starr war, Seneca ihm einen Wink gegeben hätte, der kommenden Mutter entgegen zu gehen. So blieb unter dem Schein kindlicher Ehrerbietung der Schimpf verhütet. (13,5) Nec defuit fides, multaque arbitrio senatus constituta sunt: ne quis ad causam orandam mercede aut donis emeretur, ne designatis quaestoribus edendi gladiatores necessitas esset. quod quidem adversante Agrippina, tamquam acta Claudii subverterentur, obtinuere patres, qui in Palatium ob id vocabantur, ut adstaret additis a tergo foribus velo discreta, quod visum arceret, auditus non adimeret. quin et legatis Armeniorum causam gentis apud Neronem orantibus escendere suggestum imperatoris et praesidere simul parabat, nisi ceteris pavore defixis Seneca admonuisset venienti matri occurreret. ita specie pietatis obviam itum dedecori.

6. Am Ende des Jahres kamen alarmierende Nachrichten: die Parther seien wieder losgebrochen und Armenien werde geplündert, seit Radamistus aus dem Feld geschlagen sei. Dieser hatte sich nämlich wiederholt des Reiches bemächtigt, war allemal wieder verjagte worden und hatte jetzt dem Krieg ganz entsagt. In der Stadt, wo man solche Gerüchte begierig aufnahm, fragte man nun überall, wie ein Fürst, der kaum älter als siebzehn Jahre war, sich einer solchen Gefahr unterziehen und sie abwehren könne, wie man Hilfe finden solle bei einem, der von einem Weib regiert sei, ob auch Schlachten und Städte, Belagerungen und was sonst im Krieg vorkomme, von Professoren geleitet werden könnten. Andere meinten dagegen, so sei es besser, als wenn der altersschwache und kraftlose Claudius zu den Aufgaben des Krieges berufen wäre, er, der nur Sklavenbefehlen folgte. Burrus und Seneca seien doch als Männer von großer Erfahrung bekannt, und was werde dem Imperator zur vollen Manneskraft noch fehlen, wenn Gnaeus Pompeius sich im achtzehnten, Caesar Octavianus im neunzehnten Jahr Bürgerkriegen gewachsen gezeigt hätten. In hochgestellten Kreisen geschehe mehr durch gut berechnete oberste Leitung als durch Waffen und Gewalt. Allerdings könne er nun eine Probe geben, ob er auch rechtschaffene Freunde an seiner Seite habe oder nicht, wenn er den Neid fernhalte und eher einen tüchtigen Feldherrn erwähle als einen Geldmann und Günstling auf dem Weg der Intrigen.

(13,6) Fine anni turbidis rumoribus prorupisse rursum Parthos et rapi Armeniam adlatum est, pulso Radamisto, qui saepe regni eius potitus, dein profugus, tum quoque bellum deseruerat. igitur in urbe sermonum avida, quem ad modum princeps vix septemdecim annos egressus suscipere eam molem aut propulsare posset, quod subsidium in eo qui a femina regeretur, num proelia quoque et obpugnationes urbium et cetera belli per magistros administrari possent, anquirebant. contra alii melius evenisse disserunt quam si invalidus senecta et ignavia Claudius militiae ad labores vocaretur, servilibus iussis obtemperaturus. Burrum tamen et Senecam multarum rerum experientia cognitos; et imperatori quantum ad robur deesse, cum octavo decimo aetatis anno Cn. Pompeius, nono decimo Caesar Octavianus civilia bella sustinuerint? pleraque in summa fortuna auspiciis et consiliis quam telis et manibus geri. daturum plane documentum honestis an secus amicis uteretur, si ducem amota invidia egregium quam si pecuniosum et gratia subnixum per ambitum deligeret.
Deutsche Übersetzung nach: Strodtbeck, G.F. bearbeitet von E.Gottwein  
Sententiae excerptae:
w42
Literatur:

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