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M.Minucius Felix

Octavius

10-11

4. Teil der "Heidenrede": Innere Widersprüche des Christentums

 
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Der allwissende und allgegenwärtige Christengott ist bloßes Phantom. Die christlichen Vorstellungen vom Weltuntergang, Auferstehung und Vergeltung im Jenseits sind unhaltbar.

X. (1) Multa praetereo consulto: nam et haec nimis multa sunt, quae aut omnia aut pleraque omnium vera declarat ipsius pravae religionis obscuritas.

X. (1) Vieles übergehe ich absichtlich; schon dies ist mehr als genug; was ganz oder größtenteils als wahr erscheint wegen der Lichtscheue der Pestreligion selbst.

(2) Cur etenim occultare et abscondere, quicquid illud colunt, magnopere nituntur, cum honesta semper publico gaudeant, scelera secreta sint? cur nullas aras habent, templa nulla, nulla nota simulacra, numquam palam loqui, numquam libere congregari, nisi illud, quod colunt et interprimunt, aut puniendum est aut pudendum?

(2) Denn sei ihr Gottesdienst, was er will, warum streben sie so sehr, ihn zu verbergen und zu verheimlichen, da doch das Gute immer Freude an der Öffentlichkeit hat, das Schlechte aber sich versteckt? Warum haben Sie keine Altäre, keine Tempel, keinerlei bekannte Bilder, nie ein öffentliches Wort, nie eine freie Versammlung, wenn nicht die Religion, die Sie geheim halten und nicht sehen lassen, Strafe oder Schande verdient?
(3) Unde autem vel quis ille aut ubi deus unicus, solitarius, destitutus, quem non gens libera, non regna, non saltem Romana superstitio noverunt? (3) Woher aber, und wer, oder wo ist jener einzige, alleinstehende, verlassene Gott, den keine Republik, keine Monarchie, jedenfalls nicht die römische Religion kennt?
(4) Iudaeorum sola et misera gentilitas unum et ipsi deum, sed palam, sed templis, aris, victimis caerimoniisque coluerunt, cuius adeo nulla vis nec potestas est, ut sit Romanis hominibus cum sua sibi natione captivus. (4) Das einzige armselige Judenvolk hat auch nur einen Gott verehrt, aber öffentlich, mit Tempeln, Altären, Opfern und Zeremonien. Dieser Gott nun ist so ganz und gar ohne alle Macht und Kraft, dass er der Gefangene der römischen Götter ist samt seinem Lieblingsvolk.
(5) At etiam Christiani quanta monstra, quae portenta confingunt! Deum illum suum, quem nec ostendere possunt nec videre, in omnium mores, actus omnium, verba denique et occultas cogitationes diligenter inquirere, discurrentem scilicet atque ubique praesentem: molestum illum volunt, inquietum, inpudenter etiam curiosum, siquidem adstat factis omnibus, locis omnibus intererrat, cum nec singulis inservire possit per universa districtus nec universis sufficere in singulis occupatus. (5) Aber welche Ungeheuerlichkeiten, welche Sonderbarkeiten fantasieren die Christen zusammen? Jener ihr Gott, den sie nicht herzeigen und sehen können, muss aller Leben und Handlungen, sogar die Worte und geheimen Gedanken sorgfältig ausforschen; natürlich läuft er also bald dahin bald dorthin und ist überall anwesend. So machen Sie aus ihm einen Plage- und Wandergeist und sogar einen unverschämten Neuigkeitskrämer, da er ja allen Handlungen assistiert, sich an alle Orte verirrt, obwohl er sich weder mit dem Einzelnen abgeben kann, wenn er das Ganze im Auge hat, noch dem Ganzen genügen, wenn er sich ins Einzelne verliert.
XI. (1) Quid, quod toto orbi et ipsi mundo cum sideribus suis minantur incendium, ruinam moliuntur, quasi aut naturae divinis legibus constitutus aeternus ordo turbetur, aut, rupto elementorum omnium foedere et caelesti conpage divisa, moles ista, qua continetur et cingitur, subruatur? XI. (1) Was soll man erst davon sagen, dass sie dem ganzen Erdkreis, ja sogar dem Universum mit seinem Sternenheer mit Feuer drohen, auf deren Untergang denken, wie wenn sich die nach göttlichen Gesetzen eingerichtete Weltordnung verwirren oder sich das Band aller Elemente lösen, der Himmelsbau in Trümmer gehen und jene Lastschwere, die seinen Kitt und Schlussring bildet, zusammenbrechen könnte!
(2) Nec hac furiosa opinione contenti aniles fabulas adstruunt et adnectunt: renasci se ferunt post mortem et cineres et favillas et nescio qua fiducia mendaciis suis invicem credunt: putes eos iam revixisse. (2) Doch mit solchem Wahnwitz nicht zufrieden machen und häufen sie Altweibermärlein dazu: sie bekämen, sagen sie, nach dem Tod als Asche und Staub neues Leben, und glauben mit närrischem Vertrauen einander ihre Lügen; man möchte wirklich glauben, sie seien bereits zum zweiten Mal lebendig geworden.
(3) Anceps malum et gemina dementia caelo et astris, quae sic relinquimus, ut invenimus, interitum denuntiare, sibi mortuis extinctis, qui sicut nascimur et interimus, aeternitatem repromittere! (3) Oh zwiefache Verkehrtheit und Doppelunsinn: dem Himmel und den Gestirnen, die wir so verlassen, wie wir sie gefunden haben, Untergang prophezeien, sich aber nach Tod und Verwesung, die wir doch gerade so untergehen, wie wir ins Leben treten, ewige Dauer verheißen!
(4) Inde videlicet et execrantur rogos et damnant ignium sepulturas, quasi non omne corpus, etsi flammis subtrahatur, annis tamen et aetatibus in terram resolvatur, nec intersit, utrum ferae diripiant an maria consumant an humus contegat an flamma subducat, cum cadaveribus omnis sepultura, si sentiunt, poena sit, si non sentiunt, ipsa conficiendi celeritate medicina. (4) Die ganz natürliche Folge dieser Anschauung ist daher, dass sie die Scheiterhaufen verfluchen und die Leichenverbrennung verdammen, gerade als ob nicht jeder Körper, würde er auch den Flammen entzogen, dennoch mit der Zeit und mit den Jahren wieder zu Erde würde und wie wenn etwas daran liege, ob ihn die wilden Tiere zerfleischen, oder das Meer verschlingt, oder die Erde deckt, oder das Feuer verzehrt! Ist ja doch für die Leichen jede Begräbnisart eine Strafe, wenn sie Gefühl haben, sonst aber gerade wegen der schnellen Auflösung eine Wohltat.

(5) Hoc errore decepti beatam sibi, ut bonis, et perpetem vitam mortui pollicentur, ceteris, ut iniustis, poenam sempiternam.

Multa ad haec subpetunt, ni festinet oratio. Iniustos ipsos magis nec laboro; iam docui:

(5) In jener irrtümlichen Anschauung und Täuschung stellen sie sich, als den Guten, ein glückseliges und nach ihrem Tod ewiges Leben in Aussicht, den Übrigen aber, als den Ungerechten, ewige Strafe.

Vieles ließe sich darauf sagen, wollte ich nicht mit der Rede zu Ende eilen. Dass gerade die Christen eher die Ungerechten sind, will ich nicht weiter ausführen, ich habe es schon aufgezeigt;

(6) Quamquam, etsi iustos darem, culpam tamen vel innocentiam fato tribui sententiis plurimorum et haec vestra consensio est; nam quicquid agimus, ut alii fato, ita vos deo dicitis: sic sectae vestrae non spontaneos cupere, sed electos. Igitur iniquum iudicem fingitis, qui sortem in hominibus puniat, non voluntatem. (6)  Allein ließe ich sie auch die Gerechten sein, Schuld oder Unschuld müsste dann gleichwohl dem Schicksal zugeschrieben werden, wie die Mehrzahl annimmt und auch ihr zustimmt. Denn alle Handlungen schreibt ihr Gott zu, wie andere dem Schicksal; so huldigen eurer Lehre nicht Freiwillige, sondern Auserwählte. Ihr denkt euch also einen ungerechten Richter, der an den Menschen das Schicksal, nicht den freien Willen straft.
(7) Vellem tamen sciscitari, utrumne cum corporibus an absque corporibus, et corporibus quibus, ipsisne an innovatis resurgatur. Sine corpore? hoc, quod sciam, neque mens neque anima nec vita est. Ipso corpore? sed iam ante dilapsum est. Alio corpore? ergo homo novus nascitur, non prior ille reparatur. (7) Doch möchte ich wissen, ob man mit dem Leib oder ohne Leib und mit welchem, ob mit dem jetzigen oder einem neuen auferstehe. Ohne Leib? Das wäre meines Wissens nicht Leib, nicht Seele, nicht Leben. Mit dem jetzigen Leib? Aber der ist längst schon verwest. Mit einem anderen Leib? Dann wird ein neuer Mensch geboren, nicht der frühere wiederbelebt.
(8) Et tamen tanta aetas abiit, saecula innumera fluxerunt; quis unus ullus ab inferis vel Protesilai sorte remeavit, horarum saltem permisso commeatu, vel ut exemplo crederemus? (8) Gleichwohl ist so geraume Zeit verflossen, unzählige Jahrhunderte sind dahingegangen: wo ist je auch nur ein Mensch von der Unterwelt zurückgekehrt, sei es wie Protesilaos, mit der Erlaubnis für wenigstens einige Stunden, oder so, dass wir einen glaubwürdigen Präzedenzfall hätten?
(9) Omnia ista figmenta male sanae opinionis et inepta solacia a poetis fallacibus in dulcedinem carminis lusa a vobis nimirum credulis in deum vestrum turpiter reformata sunt. (9) Alle jene Gebilde einer übergesunden Fantasie und jene faden Trostgründe, wie sie von Schwindeldichtern zur Empfehlung ihrer Produkte zum Zeitvertreib erfunden wurden, sind von euch allzu leichtgläubigen Leuten für euren Gott in erbärmlicher Weise neu zurechtgemacht worden.
Deutsche Übersetzung nach: Aloys Bieringer, 1871, bearbeitet von E.Gottwein
Sententiae excerptae:
w36
Literatur:

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