Lateinische Übungstexte zu Senecas Briefen mit einer wörtlichen deutschen Übersetzung und Anmerkungen.

 

Besonders zur Vorbereitung auf das Latinum 

(Sen.epist.111)

 

Sen.epist.111
Die Beschäftigung mit Spitzfindigkeiten leistet nicht dasselbe wie die Philosophie (d.i. das Streben nach Weisheit)

 

Seneca Lucilio suo salutem,

Cavillationibus quisquis se tradit, quaestiunculas quidem vafras nectit, ceterum ad vitam nihil proficit neque fortior fit neque temperantior neque elatior. At ille, qui phi4losophiam in remedium suum exercuit, ingens fit animo, plenus fiduciae, inexsuperabilis et maior adeunti. Quod in magnis evenit montibus, quorum proceritas minus apparet longe intuentibus; cum accesseris, tunc manifestum fit, quo in arduo summa sint: Talis est, mi Lucili, verus et rebus, non artificiis philosophus. In edito stat admirabilis, celsus, magnitudinis verae. Non exsurgit in plantares asses nec summis ambulat digitis eorum more, qui mendacio staturam adiuvant longioresque, quam sunt, videri nolunt: contentus est magnitudine sua. Quidni contentus sit eo usque crevisse, quo manus fortuna non porrigit? Ergo et supra humana est et par sibi in omni statu rerum, sive secundo cursu vita procedit, sive fluctuatur et it per adversa ac difficilia: hanc constantiam cavillationes istae, e quibus paulo ante loquebar, praestare non possunt. Ludit istis animus, non proficit, et philosophiam a fastigio suo deducit in planum.Nec te prohibuerim aliquando ista agere, sed tunc, cum voles 16nihil agere. Hoc tamen habent in se pessimum: dulcedinem quandam sui faciunt et animum specie subtilitatis inductum tenent.

Seneca grüßt seinen Lucilius,

wer immer sich Spitzfindigkeiten hingibt, verknüpft zwar pfiffige kleine Fragen miteinander, macht im übrigen keine Fortschritte für das Leben, und er wird nicht tapferer noch beherrschter noch erhabener. Aber jener, der Philosophie zu seiner Heilung betrieb, wird außerordentlich an Geist, voll von Zuversicht unüberwindlich und größer für einen, der sich ihm nähert (w. an ihn herangeht). Was bei hohen Bergen geschieht, deren Höhe denen, die (sie) aus der Ferne betrachten, weniger (hoch) erscheint; wenn man herangeht, dann wird deutlich, in welcher Höhe sich die Gipfel befinden: So beschaffen, mein Lucilius, ist der wahre - und (zwar) durch seine Taten, nicht Kunstfertigkeiten (gekennzeichnete) - Philosoph. Er steht in der Höhe, bewunderungswürdig, erhaben, von wahrer Größe. Er steigt nicht in Schuhe mit hohen Absätzen und geht nicht auf Zehenspitzen einher nach Art derer, die ihrer Größe durch eine Lüge nachhelfen und größer, als sie (wirklich) sind, scheinen wollen: er ist zufrieden mit seiner Größe. Warum sollte er nicht zufrieden sein, bis zu der Höhe gewachsen zu sein, wohin das Schicksal seine Hände nicht ausstrecken kann? Folglich steht er sowohl über den menschlichen Problemen und ist sich auch gleich in jeder Lebenslage (w. in jedem Stand der Dinge), sei es dass das Leben in günstiger Fahrt vorangeht, sei es dass es in den Wogen treibt (w. getrieben wird) und durch Widrigkeiten und Schwierigkeiten geht: diese Festigkeit können diese Spitzfindigkeiten, von denen ich kurz vorher sprach, nicht zustande bringen (w. leisten). Der Geist spielt mit diesen, er macht keine Fortschritte und führt die Philosophie von ihrem Gipfel in die Niederung. Ich möchte Dich nicht hindern, diese zuweilen zu betreiben, aber (nur) dann, wenn Du nichts tun willst. Dieses große Übel aber haben sie (sc. die Spitzfindigkeiten) in sich: sie bewirken ein Art Verliebtheit in sich (selbst) und verführen den Geist durch den Anschein des Scharfsinns.

 

cavillatio, onis, f: "Spitzfindigkeit" - quaestiuncula, ae f.: "kleine Frage - vafer, fra, frum: "pfiffig, schlau" - ad vitam: "für das Leben" - temperans, ntis: "beherrscht" - elatus, a, um: "erhaben" - inexsuperabilis, e: "unüberwindlich" - adeunti (PPA im) Dativ des örtlichen o. geistigen Standpunktes: "für einen, der ... "; ebenso: longe intuentibus: "für Leute, die ... " - quod: relativer Satzanschluß - proceritas, atis f.: "Höhe" - longe intueri: "aus der Ferne betrachten" - summa n.Pl.: "die Gipfel" - plantares asses: "Schuhe mit hohen Absätzen" - summi digiti: "die Zehenspitzen" - adiuvare (m.Akk.): "unterstützen; nachhelfen" - quidni?: "warum nicht?" - eo usque: "bis zu der Höhe" - crevisse: zu crescere - est: Subj. ist der Philosoph. - istis: sc. cavillationibus - fastigium, i n.: "die Höhe" - habent: sc. cavillationes (Subj.) - dulcedinem quandam sui: "eine Art Verliebheit in sich selbst" - specie subtilitatis: "durch den Anschein des Scharfsinns" - (animum) ... inductum tenere: "verführen".
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