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C.Valerii Catulli Veronensis

carmina

Catull.76

"Wonne der Wehmut", Einsicht und Gebet als Bilanz einer Liebe

 

 
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1 Siqua recordanti benefacta priora voluptas Ist die Erinnerung an Redlichgetanes dem Menschen
2
est homini, cum se cogitat esse pium,
Eine Freude, wenn er , dass er gut war, bedenkt,
3 nec sanctam violasse fidem, nec foedere in ullo  Dass er niemals die Treue verletzt, bei keiner Verbindung
4
divum ad fallendos numine abusum homines,
Je den Menschen zum Trug göttliche Namen missbraucht,
5 multa parata manent in longa aetate, Catulle, Nun, dann bleiben, Catull, durch lange Güte erworben,
6
ex hoc ingrato gaudia amore tibi.
Trauriger Liebeszeit manche Freuden zurück.
7 nam quaecumque homines bene cuiquam aut dicere possunt Denn was ein Mensch dem andern nur Gutes sagen und tun kann,
8
aut facere, haec a te dictaque factaque sunt.
Hast du gesagt und getan. Aber das alles geschah
9 omnia quae ingratae perierunt credita menti. An dem undankbarsten Herzen und ging so verloren.
10
quare cur tete iam amplius excrucies?
Warum härmst du denn noch länger das Leben dir ab?
11 quin tu animum offirmas atque istinc te ipse reducis Nun, was bist du nicht stark und willst dich von dort nicht zurückziehn,
12
et dis invitis desinis esse miser?
Gibst die Qualen nicht auf, die kein Gott mehr erlaubt?
13 difficilest longum subito deponere amorem,  Schwer ist's, lange Liebe so plötzlich abzulegen.
14
difficilest, verum hoc qua libet efficias:
Schwer ist's; aber wohlan, wie es nur geht, führ's durch.
15 una salus haec est, hoc est tibi pervincendum,  Dies ist dein einzig Heil, dies eine musst du erzwingen:
16
hoc facias, sive id non pote sive pote.
Ob du es kannst oder nicht, zwingen musst du es doch.
17 o di, si vestrumst misereri, aut si quibus umquam  Götter, ist Mitleid euer Teil und habt ihr nur jemals
18
extremam iam ipsa in morte tulistis opem,
Jemandem schon im Tod äußerste Hilfe gebracht,
19 me miserum aspicite et, si vitam puriter egi, Seht mich Elenden an und, führt' ich ein Leben in Reinheit,
20
eripite hanc pestem perniciemque mihi,
Reißet mir diese Pest, dieses Verderben mir aus.
21 quae mihi surrepens imos ut torpor in artus Weh mir, wie hat durch alle Glieder kriechend Erstarrung
22
expulit ex omni pectore laetitias.
Jeden freudigen Hauch aus der Brust mir gepresst.
23 non iam illud quaero, contra me ut diligat illa, Nicht mehr dies erbitt' ich, dass jene mich wiederliebe,
24
aut, quod non potis est, esse pudica velit:
Oder was nie geschieht, dass sie zur Zucht sich bekehrt:
25 ipse valere opto et taetrum hunc deponere morbum. Selbst nur will ich gesund sein, die schändliche Krankheit besiegen,
26
o di, reddite mi hoc pro pietate mea!
Götter o gebt mir dies, fromm verdient' ich es mir.
     
Versmaß:  Elegisches Distichon
Übersetzung: M.Brod, 133  
hexametrum im Distichon
pentametrum im Distichon

Angaben:

1 siqua voluptas est = si aliqua voluptas est | benefacta (=beneficia) priora – Obj. zu recordanti | 4 divum = divorum = deorum | 8 …que - …que = et… et… | 9 omnia quae = haec omnia (relat. Satzanschluss) | 10 tete = (verstäktes) te | excrucies – Konjunktiv beachten! | 11 quin? – warum nicht? | offirmare – stärken, wappnen | 14 verum = verum<tamen> | qua <via> libet – gleich wie | 15 pervincere – zum Sieg führen, durchsetzen, erzwingen |  16 pote <est> = <fieri> potest - es ist möglich | 18 extremam – prädikativ zu opem: = "in äußerster Not" | 20 pestem perniciemque – als Hendiadyoin zu verstehen | 21 surrepere – sich heimlich einschleichen | torpor, oris, m – Lähmung, Erstarrung | 23 quaero = oro | contra (adv.)… diligere – die Liebe erwidern | illa = Lesbia | 24 potis est = <fieri> pote <est> (vgl.16) - es ist möglich | 25 optare - h. + Inf. (statt ut-Satz)
J.W.v.Goethe (1749-1832)
Wonne der Wehmut
  Trocknet nicht, trocknet nicht,
Tränen der ewigen Liebe!
Ach, nur dem halbgetrockneten Auge
Wie öde, wie tot ihm die Welt erscheint!
Trocknet nicht, trocknet nicht,
Tränen unglücklicher Liebe!
Aufgabenvorschläge:
  1. Zur Verwendung der Vokabel "pius"
    1. Untersuchen Sie zunächst (mit Hilfe des Wörterbuchs) allgemein das Begriffsfeld der Vokabeln "pius" und "pietas" und schließen Sie dann aus dem Kontext auf  seine semantische und motivische Bedeutung für das vorliegende Gedicht!
      • Wahrnehmung einer obliegenden Verantwortung gegenüber einer den Individualbereich überschreitenden Pflicht: nicht nur gegenüber dem Göttlichen, wie unser Frömmigkeitsbegriff (vgl. Aeneas gegenüber dem fatum), sondern auch im Bezugsfeld Eltern - Kinder, patronus - cliens, Staatsmann - Bürger, Bürger - Mitbürger. Der Begriff qualifiziert sowohl Personen als auch Handlungen, die diesem Anspruch genügen, als "pius".
      • Im Kontext des Gedichtes ist das Bezugsfeld das Liebesverhältnis zwischen Mann und Frau ("ex hoc... amore"). Die Art der Verpflichtung wird durch Wendungen wie "benefacta priora" (1), "fidem non violare" (3), "homines non fallere" (4), "divum numine non abuti" (4), "vitam puriter agere" (19) näher bestimmt. Insofern stellt die "pietas" des Dichters, die "ohne Dank" (9;) bleibt, das beherrschende Motiv des Gedichtes dar.
    2. Man hat bemerkt, dass Catull zur Kennzeichnung seines privaten Liebesverhältnisses Begriffe verwendet, die auch politische und soziale Bezüge bezeichnen. Geben Sie dafür aus dem Text mindestens ein signifikantes Beispiel an! Welche Absicht kann der Dichter mit diesem metaphorischen Sprachgebrauch verbinden?
      • Der Anfang des Gedichtes spricht von allgemein menschlichem Verhalten ("homini", 2), nicht von einem spezifischen Liebesverhältnis. Wenn bereits der Begriff der "pietas" die politisch-soziale Komponente beinhaltet, so ist die Verwendung von "foedus" und "fides" noch deutlicher.
        Dadurch erweist der Dichter sein durch Privatheit, Liebe und Dichtung geprägtes "Leben" als gleichwertig gegenüber den juristischen, militärischen oder politischen Lebensformen junger Römer: In beiden Alternativen gilt es, "virtus" zu bewähren.
  2. Welche kompositionellen Hauptabschnitte des Catullgedichtes lassen sich im Hinblick auf  seine Gefühls- und Gedankenentwicklung bestimmen? Worin sehen Sie jeweils die "Logik" des Übergangs? 
    1. 1-9: Der Kontrast zwischen der geleisteten pietas, die (auch für die Zukunft) zu dem Trost und der stillen Freude des reinen Gewissens berechtigt, und dem "Undank" der unerwiderten Liebe.
      Logik des Übergangs: Der situative Kontrast drängt zu einer Änderung des persönlichen Verhaltens
    2. 10-16: Der Versuch, die Verhaltensänderung, die der Logik der Situation, aber nicht der "Wehmut" des Herzens entspricht, herbeizuführen:
      1. 10-12: drängende Fragen (quare..., quin...) mit imperativischem Charakter
      2. Der Einwand der "difficultas" kann gegenüber der Notwendigkeit der Selbstüberwindung ("hoc est tibi pervincendum", 15) nicht gelten: allein in der Trennung liegt die Möglichkeit, sich selbst zu retten ("salus", 15)
      3. Logik des Übergangs: Das hilflose("non pote", 16), leidvolle ("miser", 12; 19), ja tödliche ("ipsa in morte", 18) Patt zwischen der rational begründeten Notwendigkeit und dem emotionalen Unvermögen kann seine Lösung nur in einer Hilfe von außen finden: Nur noch von den Göttern kann er den Lohn seiner "pietas" erwarten ("reddite... pro pietate mea!", 26)
    3. 17-26: Gebet (gerahmt durch "o di", 17; 26)
  3. Goethe äußert am 18.Jan. 1825 gegenüber Eckermann: "Dass aber die wahre Kraft und Wirkung eines Gedichts in der Situation, in den Motiven besteht, daran denkt niemand." Um diesem Vorwurf zu entgehen:
    1. Rekonstruieren Sie aus dem Catullgedicht die konkrete persönliche Situation, die den Dichter betroffen macht, so dass seine Empfindungen und Aussagen für uns verständlich werden!
    2. Charakterisieren Sie die Entwicklung der Sprechsituation und der Sprechhaltung, die dem Gedicht zu Grunde liegen!
      1. Sprechsituation:
        1. Der Monolog und die Selbstanrede in der zweiten Person ("Catulle", 5; "tibi", 6; "a te", 7, "te", 10; "tu", 11; "efficias", 14; "facias", 16) entsprechen der Verlassenheit des Dichters, in der er sein Leben bilanziert.
        2. Dialogisch im Gebet: Der Dichter bezeichnet sich in der 1. Person: "me", 19; und öfter, bis zum pointierten "mea" als Schlusswort (26). Zum einen drückt sich darin Überwindung der Isolation aus, zum andern aber das Scheitern: denn der ersehnte Dialog mit der Geliebten bleibt aus. Auch die Götter geben keine Antwort.
      2. Sprechhaltung:
        1. Nach der von uns gepflegten Begrifflichkeit ist die Sprechhaltung am ehesten als Lyrisches Ansprechen zu bezeichnen: "Die seelische und gegenständliche Sphäre bleiben nicht getrennt gegenüber, sondern wirken aufeinander, entfalten sich in der Begegnung; die Gegenständlichkeit wird zum Du. Das lyrische Kundgeben vollzieht sich in der Erregtheit dieses gegenseitigen Ergreifens (dramatische Haltung des Lyrischen).
    3. Bestimmen Sie das Motiv oder die Motive des  Gedichtes!
      1. Motiv: Die "Wonne" ("gaudia", 6; "laetitias", 22) der Liebe: Das "foedus amoris", das der Dichter eingegangen ist, hat für ihn einen anderen Stellenwert als für Lesbia: In diesem Bund erfüllt sich für ihn oder scheitert sein ganzes Leben. Entsprechend hat er sich um das Gelingen der Beziehung (durch "pietas") bemüht.
      2. Gegenmotiv: Das Leid der Liebe (ingrata", 6; 9; "excruciare", 10; "miser", 12; 17; 19) Seine Partnerin ist ihm untreu geworden ("impudica", 24). Für sie hat die Beziehung zum Dichter keinen Ernst, geschweige denn eine existentielle Bedeutung. Er ist für sie ein Abenteuer unter vielen.
      3. Durchdringung von Motiv und Gegenmotiv:
        1. Das Teilmotiv der besseren Einsicht: Dem Widerspruch aus den erhofften "gaudia" (6) als Lohn für die "pietas" und der "tödlichen" Realität des Scheiterns (Nebenmotiv des Todes: "longa aetas", 5; "una salus", 15; "ipsa in morte", 18; "vitam egi", 19; "hanc pestem perniciemque", 20; "taetrum… morbum", 25) entspringt die rationale Einsicht in die Notwendigkeit, das Scheitern einzugestehen und einen Schlussstrich zu ziehen.
        2. Das Teilmotiv der emotionalen Überforderung entfaltet sich weniger verbal ("difficultas", 13; 14) als in dem zunehmend appellativen Charakter der Ausdrucksweise (imperativische Fragen, rogatio und refutatio, iussivus), vor allem aber durch den die eigene Hilflosigkeit kennzeichnenden Übergang zum Gebet und die erschütternde Gewissheit, die sich am Ende des Gebetes unausgesprochen aufdrängt: Das Scheitern ist unausweichlich.
  4. Geben Sie zwei markante Beispiele für bewusste stilistische Gestaltung an und erklären Sie jeweils die Wirkung, die damit beabsichtigt erscheint!
    1. "ingrato gaudia amore" (5): die oxymorische Nebeneinanderstellung antithetischer Begriffe, die am besten die untrennbare Durchdringung der beiden Seiten der Liebe ("Wonne und Wehmut") zum Ausdruck bringt.
    2. Anaphorisches "difficile est" (13, 14), das durch die Verdoppelung den Grad der Schwierigkeit betont, aber durch die gedankliche Verschiebung (Einräumung - Abweisung) sowohl die Notwendigleit einer Lösung auf rationaler Ebene als auch die Unmöglichkeit der Lösung auf emotionaler Ebene ausdrückt.
  5. Vergleich:
    1. Wie unterscheidet sich in der Hauptsache die Art, in der Goethe in seinem Gedicht "Wonne der Wehmut" das Thema verarbeitet, von der Catulls?
    2. Können Sie den Dichter Horaz mit einem repräsentativen Beispiel seiner Liebeslyrik in den Vergleich Goethe – Catull einordnen?
      Goethe ist von dem Thema zwar betroffen, aber innerlich nicht erschüttert. Wenn die Tränen der unglücklichen Liebe auch nur zur Hälfte trocknen würden, wäre ihm die Welt öde und tot. Das Leiden an der Liebe ist ein integraler und konstitutiver Bestandteil von Welt; für den Dichter ist sie ein ästhetischer Genuss. Goethes Sprechhaltung ist deswegen auch "nur" die des Lyrischen Nennens: "Eine objektive Wahrheit, die unabhängig vom lyrischen Ich gilt, wird subjektiv erlebt, erregt ausgesagt. Das poetische oder lyrische Ich, das ihr gegenübersteht, erfasst sie und sagt sie aus (epische Haltung des Lyrischen)".
Sententiae excerptae:
w38
Literatur:
Inhalt
1 | 2 | 3 | 4 | 5 | 6 | 7 | 8 | 9 | 10 | 10 | 13 | 22 | 31 | 32 | 41 | 42 | 43 | 45 | 46 | 49 | 50 | 51 | 58 | 69 | 70 | 72 | 73 | 75 | 76 | 78 | 83 | 84 | 85 | 86 | 87 | 92 | 93 | 95 | 96 | 101 | 102 104 | 107 | 109 | Ein | Bio |
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